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Rechtsverkehr / Linksverkehr im europäischen Schienenverkehr

Erstellt am: 07.07.2010 | Stand des Wissens: 24.07.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Im Gegensatz zum Straßenverkehr, für den außer auf den Britischen Inseln Rechtsverkehr gilt, verfügt der Schienenverkehr in Europa über keine einheitliche Richtungsregelung. Während fast alle Staaten eine bestimmte Richtung als Standard angeben, existieren auch innerhalb einiger Länder Strecken, die entgegen dieser Vorgabe betrieben werden.

Die Fahrt entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung kann aufgrund der seitlichen Fahrerpult-Anordnung in einigen Fahrzeugen zu einer eingeschränkten Signalsicht führen. Moderne Lokomotiven sowie Triebzüge verfügen hingegen zumeist über eine mittige Positionierung von Instrumenten und Bedienelementen, sodass die daraus resultierenden Probleme wegfallen. Zu beachten ist ferner der personalseitige Umstellungsaufwand, soweit Triebfahrzeugführer grenzüberschreitend eingesetzt werden. Abbildung 1 zeigt eine Übersicht, in welchen Ländern die Gleise, in welcher Richtung befahren werden.
Rechts- und Linksverkehr auf der Schiene - Weltkarte Abbildung 1: Rechts- und Linksverkehr auf der Schiene in Europa ([MR01, S. 42 f.; Scha06a, S. 21]) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Außerhalb der in der Karte vorgenommenen Klassifizierung gibt es jedoch Ausnahmeregelungen. So gilt in Frankreich prinzipiell Linksbetrieb. Ausgenommen hiervon sind jedoch Strecken im Elsass und in Lothringen, wo aufgrund der ehemaligen Zugehörigkeit zu Deutschland und der damit verbundenen Infrastrukturausrüstung heute noch Rechtsverkehr herrscht. Auch in Schweden wird im Gegensatz zum üblichen Linksbetrieb die Strecke Malmö - Landesgrenze Dänemark im Rechtsbetrieb gefahren. Ähnliche Ausnahmen gibt es auch in Slowenien. Weitere streckenspezifische Abweichungen finden sich auch in den vornehmlich durch Rechtsbetrieb gekennzeichneten Staaten Tschechien, Spanien, Luxemburg und den Niederlanden [MR01, S. 42 f.].
In Österreich wird langfristig eine weitgehende Vereinheitlichung der bisher uneinheitlichen Fahrtrichtungssituation angestrebt. Nachdem die West- und Ostbahn schon länger im Rechtsverkehr betrieben werden, sollte die Umstellung mehrerer Strecken von Links- auf Rechtsverkehr in der Ostregion folgen. Mit der Ende 2012 erfolgten Umstellung des Regelbetriebs auf der Nordbahn sowie auf Teilen der Südbahn sei es nun möglich, Trassenkonflikte zu vermeiden und damit sogar eine deutliche Steigerung der Streckenkapazität zu erzielen, so der Betreiber ÖBB-Infrastruktur AG. Ein regulärer Linksbetrieb besteht somit nur noch auf den Strecken Wien - Tulln sowie Mürzzuschlag - Werndorf. Kostenintensive Umrüstungsmaßnahmen sind jedoch aufgrund geringer Zugzahlen in diesen Abschnitten nicht rentabel [Tajm11, S. 21; Horn12].

Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Spezielle Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs (Stand des Wissens: 18.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337429
Literatur
[Horn12] Horn, Alfred Umstellung auf Rechtsfahren, veröffentlicht in Eisenbahn Österreich, Ausgabe/Auflage 2012/10, Minirex AG, Luzern, 2012/10
[MR01] o.A. European Railways slowly open up, veröffentlicht in Modern Railways, Ausgabe/Auflage 637, 2001, ISBN/ISSN 0026-8356
[Scha06a] Schade, Dirk Die Bahnen auf dem westlichen Balkan, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 10/2006, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2006, ISBN/ISSN 0948-7263
[Tajm11] Tajmar, Peter Zum Sanieren gezwungen, veröffentlicht in Verkehr - Int. Wochenzeitung für Transport, Logistik, Wirtschaft, Ausgabe/Auflage 17, Bohmann Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Wien, 2011/04/29
Glossar
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?325069

Gedruckt am Donnerstag, 22. August 2019 02:19:34