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Maximal zulässige Radsatzlasten der europäischen Schieneninfrastruktur

Erstellt am: 07.07.2010 | Stand des Wissens: 07.06.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Ein wichtiges Ausbaukriterium von Eisenbahnstrecken ist die maximal zulässige Radsatzlast. Diese ist hinsichtlich der eingesetzten Lokomotiven, sowie der Güterwagenbeladung von Bedeutung. Zwar existieren auch innerhalb einzelner Länder streckenspezifische Abweichungen, generell gilt jedoch auf den meisten europäischen Hauptstrecken eine maximal zulässige Radsatzlast von 22,5 Tonnen. Abbildung 1 zeigt, dass sich in einigen wenigen Staaten abweichende Obergrenzen etabliert haben.
Radsatzlasten_325055.pngAbb. 1: Maximal zulässige Radsatzlasten auf Schienenverkehrshauptstrecken in Europa ([MR01, S. 45]) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Eine Ausnahme bilden unter anderem französische Hochgeschwindigkeitsstrecken, welche nur Radsatzlasten von 17,5 Tonnen pro Achse erlauben. Diese Beschränkung schließt ICE-Züge der ersten und zweiten Generation mit einer Radsatzlast von 20 Tonnen von einer Benutzung entsprechender Strecken aus. Erst mit dem ICE 3 in Mehrsystemausführung können grenzüberschreitende, durchgehende Angebote zwischen Deutschland und Frankreich mit deutschem Rollmaterial erfolgen [DBAG05y, DBAG07ak]. Der ICE 4 besitzt wiederum eine maximale Achslast von bis zu 18 Tonnen, folglich eignet sich der ICE 4 nicht für die Strecken zwischen Deutschland und Frankreich [Siem16, S.2].
Als eine Möglichkeit zur Produktivitätssteigerung im grenzüberschreitenden europäischen Schienengüterverkehr wurde wiederholt die Anhebung der maximal zulässigen Radsatzlasten diskutiert. Die Europäische Kommission hat in ihrem Beschluss 2011/275/EU über die Technischen Spezifikationen für die Interoperabilität (TSI), Teilsystem "Infrastruktur" des konventionellen Eisenbahnsystems [2011/275/EU, 4.2.2, S. 67], eine Achslast von 25 Tonnen für alle neuen Strecken der europäischen Güterverkehrskorridore vorgeschrieben. Auf Strecken mit reinem Personenverkehr liegt dieser Wert bei 22,5 Tonnen. In der Fahrzeugkonstruktion werden Neuwagen daher vermehrt auf maximale Radsatzlasten von 25 Tonnen ausgelegt [Wiel99, S. 367f.; Saab00, S. 86; RiKu04, S. 574f.; NiMa07, S. 54ff.].
"Bei stillstehenden Fahrzeugen, deren Radsatzabstände 1.500 mm nicht unterschreiten, sind Radsatzlasten bis zu 18 t (bis zu 16 t) und Fahrzeuggewichte je Längeneinheit bis zu 5,6 t/m (bis zu 4,5 t/m) zulässig. Höhere Radsatzlasten und Fahrzeuggewichte je Längeneinheit sind zulässig, wenn sie vom Oberbau und von den Bauwerken sicher aufgenommen werden können. Bei Radsatzabständen unter 1.500 mm sind die zulässigen Radsatzlasten und Fahrzeuggewichte je Längeneinheit entsprechend der Belastbarkeit des Oberbaus und der Bauwerke einzuschränken. Die Radsatzlast ist der auf einen Radsatz, das Fahrzeuggewicht je Längeneinheit ist der auf 1,00 m Fahrzeuglänge (Länge über Puffer gemessen) entfallende Anteil der Gesamtlast." [BJV18]. Um höheren achsspezifischen Gewichtskräften standzuhalten, sind sowohl im Bereich des Gleisober- und Unterbaus als auch hinsichtlich des betroffenen Erduntergrundes geeignete Maßnahmen zu treffen, welche die ergänzenden Vertikalbelastungen aufnehmen und abführen können [Mitt07, Kap. 5, S. 253ff.; LiWe08, S. 53ff.]. Dem zusätzlichen Investitions- sowie Wartungsaufwand für die Infrastruktur stehen maßgebliche, wirtschaftliche Vorteile der Eisenbahnverkehrsunternehmen gegenüber. Das Rollmaterial verfügt mit steigender Radsatzlast über einen höheren Nutzlastfaktor, wodurch die Anzahl der benötigten Wagen gegebenenfalls reduziert werden kann. Somit ergeben sich für die Betreiber von Schienengüterwaggons geringere Dispositions- und Instandhaltungskosten [RiKu04, S. 574].
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Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Spezielle Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs (Stand des Wissens: 18.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337429
Literatur
[DBAG05y] o. A. Faktenblatt - Eckdaten zum ICE 1, 2005/06
[DBAG07ak] o. A. Faktenblatt ICE 3MF, 2007/12
[LiWe08] Lieberenz, Klaus, Prof. Dr.-Ing. , Wegener, Dirk, Dipl.-Ing. Abtragung der Lasten im System Oberbau, Unterbau und Untergrund, veröffentlicht in Eisenbahn-Ingenieur Kalender 2009, Eurailpress, Hamburg, 2008
[Mitt07] Mittmann, Walter Querschnittsgestaltung der Bahnanlagen, veröffentlicht in Handbuch Eisenbahninfrastruktur, Springer Verlag / Berlin, Heidelberg, 2007, ISBN/ISSN 3-540-29581-X
[MR01] o.A. European Railways slowly open up, veröffentlicht in Modern Railways, Ausgabe/Auflage 637, 2001, ISBN/ISSN 0026-8356
[NiMa07] Nicolin, Johannes , Manetsch, Marc Anforderungen an Güterwagentechnik im internationalen Verkehr aus Sicht eines Güterwagenvermieters, veröffentlicht in Jahrbuch des Bahnwesens Band 56 - 2007/8, Ausgabe/Auflage 2007/2008, Eurailpress, Hamburg, 2007, ISBN/ISSN 978-3-7771-0360-0
[RiKu04] Ripke, Dr. Burchard , Kumpfmüller, Dipl.-Ing. Nicole Technische und wirtschaftliche Auswirkungen höherer Radsatzlasten auf das Gleis, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 09, 2004, ISBN/ISSN 0013-2845
[Saab00] Saabel, Irmhild UIC-konforme Güterwagendrehgestelle für hohe Achslasten - verringerte Gleisbeanspruchung, verbessertes Fahrverhalten und reduzierte Life Cycle Kosten (LCC) durch eine neue Aufhängung, veröffentlicht in Dresden Rad Schiene 2000; Tagungsband, 4. Internationale Schienenfahrzeugtagung 18. - 20. Oktober 2000, Tetzlaff Verlag, Hamburg, 2000
[Siem16] Siemens AG (Hrsg.) ICE 4 (BR 412) Hochgeschwindigkeitszüge, 2016
[Wiel99] Wieloch, Bertram, Dipl.-Ing. Anhebung der Radsatzlasten von Güterwagen, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 06, Hestra-Verlag, Darmstadt, 1999, ISBN/ISSN 0013-2845
Rechtsvorschriften
[2011/275/EU] Technische Spezifikation für die Interoperabilität: Teilsystem "Infrastruktur" des konventionellen Eisenbahnsystems
[BJV18] Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) § 19 Radsatzlasten und Fahrzeuggewichte je Längeneinheit
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Nutzlastfaktor Der Nutzlastfaktor drückt bei Fahrzeugen das Verhältnis der Nutzlast zum Eigen- bzw. Leergewicht aus. Nutzlast bezeichnet in diesem Zusammenhang die Masse, die das Fahrzeug unter Einhaltung des maximal zulässigen Gesamtgewichts aufnehmen kann.
Radsatzlast Die Radsatzlast (auch Achslast) beschreibt den Anteil der Fahrzeuggesamtmasse in Tonnen, der vom Fahrzeug über eine Achse auf den Schienenfahrweg aufgebracht wird.
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?325055

Gedruckt am Montag, 6. Juli 2020 18:41:24