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Lichtraumprofil und Fahrzeugbegrenzung im europäischen Schienenverkehr

Erstellt am: 07.07.2010 | Stand des Wissens: 23.09.2020
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Eisenbahnen können bei gleicher Spurweite unterschiedliche Lichtraumprofile aufweisen. Die Lichtraumprofilstandards werden seitens des Internationalen Eisenbahnverbandes, der sogenannten Union Internationale des Chemins de fer (UIC) festgelegt. Dennoch existieren in einigen Ländern, beziehungsweise auf einigen Strecken abweichende Spurweiten (siehe Tabelle 1). Großbritannien weist zum Beispiel ein wesentlich kleineres Lichtraumprofil, insbesondere im Bereich der Bahnsteigkanten auf.
Mit dem Beschluss 2011/275/EU der Europäischen Kommission wurden im Rahmen der Technical Specifications for Interoperability (TSI, Technische Spezifikationen für Interoperabilität), Teilsystem "Infrastruktur" des konventionellen Eisenbahnsystems, eine Vereinheitlichung der Lichtraumprofile auf den transeuropäischen Netzen beschlossen [2011/275/EU] und drei Standard-Lichtraumprofile definiert. Das in der Bundesrepublik Deutschland übliche Lichtraumprofil G2 ist dabei im oberen Bereich kleiner als das auf transeuropäischen Netzen geforderte Lichtraumprofil GC [DIN EN 15273-1, B1 und B2.2]. Bei Neubauten, sowie umfassenden Umbauten muss die DB Netz AG das erweiterte Profil anwenden.
Karte Lichtraumprofil_325031.pngAbb. 1: Übersichtskarte von unterschiedlichen Lichtraumprofilen in Europa (in Anlehnung an [ERI04b, S. 205]) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Der grenzüberschreitende Einsatz von Fahrzeugen erfordert die Beschränkung auf das kleinste Lichtraumprofil des jeweils genutzten Schienenwegs [Thil06, S. 33]. Dies limitiert den Reisekomfort von Personenverkehrsdienstleistungen und schränkt die im Güterverkehr verfügbaren Beladungsmöglichkeiten ein. ICE-Garnituren der ersten und zweiten Generation konnten aufgrund des deutschen Lichtraumprofils breiter konstruiert werden als herkömmliche Reisezugwagen und somit ihren Fahrgästen größere Bewegungsfreiheit gewährleisten. Zugleich wurde damit jedoch der Einsatz der Züge im französischen Streckennetz beispielsweise ausgeschlossen [Lokr13, S. 10f.].

Im internationalen kombinierten Verkehr (KV) ist der einzuhaltende Fahrzeugquerschnitte einer der wichtigsten, zu berücksichtigenden Parameter. Züge des kombinierten Verkehrs benötigen häufig spezielle Lichtraumprofile, da Wechselbehälter beispielsweise von der traditionellen Tonnendachkonstruktion herkömmlicher Güterwagen abweichen können. Auch Sattelauflieger wirken aufgrund ihrer Bauhöhen als limitierender Faktor. Diese können lediglich auf vorher ausgemessenen Strecken verkehren.
In Großbritannien können Container auf den meisten Strecken nur mit speziellen Flachwagen transportiert werden. Bei einigen alpenquerenden Zügen der "Rollenden Landstraße" existieren außerdem Beschränkungen für die Eckhöhen der beförderten Lkw aufgrund der geringen Tunnel-Lichtraumprofile. Ein Streckenausbau mit größeren Lichtraumprofilen ist meistens sehr kostenintensiv, da Brücken angehoben beziehungsweise neu gebaut und Tunnel aufgeweitet werden müssen. Zudem besteht häufig die Notwendigkeit einer Vergrößerung des Gleisabstands, welches zusätzliche Umbauten benötigt [DVF97, S. 43ff.].
Das Profil jeder im Kombinierten Verkehr genutzten Ladeeinheit ist anhand einer gelben Tafel kodiert, um Betriebsmitarbeiter über die jeweiligen Abmessungen zu informieren. Wobei der Großbuchstabe "C" für Container und Wechselbehälter steht, während ein "P" Sattelauflieger in Taschenwagen kennzeichnet. Ladeeinheiten lassen sich somit eindeutig und auf einen Blick differenzieren. Außerdem wird seitens UIC eine Bahnstreckenprofilkarte für die Transporte im KV jährlich veröffentlicht.
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Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Spezielle Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs (Stand des Wissens: 18.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337429
Literatur
[DVF97] Dipl.-Ing. Uwe Weiser , Dipl.-Ing. Philipp Zipf, Heimerl, Gerhard, em. Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Die Eisenbahn im grenzüberschreitenden Verkehr, Bonn, 1997/03
[ERI04b] o.A. DB AG fordert mehr europäischen Wettbewerb im Güterverkehr durch effiziente Zulassungsverfahren, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue international, Ausgabe/Auflage 5, MINIREX AG, Luzern, 2004/05, ISBN/ISSN 1421-2811
[Lokr13] o.A. Die ICE der ersten Generation, veröffentlicht in Lok Report, 2013
[Thil06] Thillmann, Hans Beförderung von außergewöhnlichen Sendungen, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 8, 2006/08, ISBN/ISSN 0948-7263
Rechtsvorschriften
[2011/275/EU] Technische Spezifikation für die Interoperabilität: Teilsystem "Infrastruktur" des konventionellen Eisenbahnsystems
[DIN EN 15273-1] Bahnanwendungen - Begrenzungslinien - Teil 1
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Taschenwagen Eisenbahnwaggon für die Beförderung von Sattelanhängern im Kombinierten Verkehr. Die Wagen haben zwischen den Drehgestellen eine tiefliegende Tasche zur Aufnahme der Achsaggregate des Sattelanhängers.
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.
Sattelauflieger Ein motorloses Fahrzeug für den Güterverkehr, das dazu bestimmt ist, so an eine Zugmaschine angekuppelt zu werden, dass ein wesentlicher Teil seines Gewichts und seiner Ladung von diesem Kraftfahrzeug getragen wird. Eine Anpassung der Sattelanhäger für die Verwendung im Kombinierten Verkehr kann erforderlich sein. Der Begriff Sattelanhänger wird im FIS synonym verwendet.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Lichtraumprofil Lichtraumprofil bezeichnet eine definierte Umgrenzungslinie meist für die senkrechte Querebene eines Fahrweges. Damit werden der "lichte Raum", der auf dem Fahrweg von Gegenständen freizuhalten ist, und die äußeren Maße der vorgesehenen Fahrzeuge vorgeschrieben.
Rollende Landstraße
Die Rollende Landstraße (RoLa) ist ein Produkt im Bereich des Schienengüterverkehrs. Sie stellt eine spezifische Form des begleiteten Kombinierten Verkehrs dar. Dabei werden Lastkraftwagen bzw. Sattelzüge mit Hilfe der Roll-On/Roll-Off-Technik auf einen Güterzug aus durchgehenden Niederflurwagen verladen und über eine bestimmte Strecke transportiert. Die Fahrer begleiten ihre Fahrzeuge i. d. R. in einem mitgeführten Reisezugwagen. In Europa wird die RoLa z. B. für alpenquerende Verkehre angeboten. Sie kann eine betriebswirtschaftliche und/oder ökologische Alternative zum Straßengütertransport sein.
Wechselbehälter Ein für den Gütertransport bestimmter Behälter, der im Hinblick auf die Abmessungen von Straßenfahrzeugen optimiert wurde und mit Greifkanten für den Umschlag zwischen den Verkehrsmitteln - in der Regel Straße-Schiene - ausgestattet ist. Gebräuchlich sind Behälter mit Längen von 7 m (Klasse C) und 13 m (Klasse A).

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?325031

Gedruckt am Sonntag, 23. Januar 2022 19:12:20