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Fahrzeugtechnische Hemmnisse im grenzüberschreitenden Schienenverkehr

Erstellt am: 05.07.2010 | Stand des Wissens: 07.06.2019
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Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Schon früh wurde die grenzüberschreitende, gegenseitige Benutzung von Wagenmaterial für Güterwagen im Regolamento Internazionale Veicoli (RIV, deutsch: Internationales Übereinkommen für die Benutzung von Güterwagen) und für Reisezugwagen im Regolamento Internazionale delle Carrozze (RIC, deutsch: Vereinbarung über den Austausch und die Benutzung der Reisezugwagen im internationalen Verkehr) europaweit geregelt [Krem06, S. 149;Bjel00, S. 248; Sali99, S. 9]. Im Jahr 1921 gründete sich der "Internationale Güterwagenverband", der für die ursprüngliche RIV-Ausgestaltung verantwortlich ist. Die damalige Deutsche Reichsbahn und andere nicht reichsbahneigene Bahnunternehmen traten diesem Abkommen am 1. Januar 1922 bei [MüNi04, S. 216].
Die Öffnung des Schienengüterverkehrsmarktes für private Dienstleister, die in den Ländern der damaligen Europäischen Gemeinschaft Anfang der 1990er Jahre durch die Verabschiedung entsprechender Richtlinien angestoßen worden war [MüNi04, S. 216], galt zunächst als Hindernis für einen reibungslosen Wagenübergang zwischen verschiedenen Netzen, da nicht mehr ausschließlich Staatsbahnen als Anbieter von Verkehrsdienstleistungen auftraten, deren Mitgliedschaft in der Union Internationale des Chemins de fer (UIC, deutsch: Internationaler Eisenbahnverband) sie zur Befolgung des genannten Abkommens verpflichtete. Deshalb war zwischenzeitlich nicht sichergestellt, dass alle Eisenbahnverkehrsunternehmen die betreffenden fahrzeugtechnischen Vereinbarungen einhalten. Mit Hilfe der EU-Richtlinie [2006/861/EG] "Technische Spezifikation für die Interoperabilität (TSI) zum Teilsystem Fahrzeuge - Güterwagen des konventionellen transeuropäischen Bahnsystems" konnten hiermit verbundene Unsicherheiten innerhalb des Unionsgebietes jedoch ausgeräumt und ein harmonisiertes Zulassungsverfahren für entsprechendes Rollmaterial geschaffen werden [2006/861/EG; Fran07a, S. 177 ff.].
Nach Ratifizierung des Protokolls von Vilnius trat darüber hinaus zum 1. Juli 2006 das modifizierte Übereinkommen über den internationalen Eisenbahnverkehr "COTIF 1999" in Kraft und löste RIV-spezifische Regelungen in weiten Teilen ab [OTIF10, S. 1 f.; COTIF99]. Unabhängig davon, ob es sich bei dem jeweiligen Wagenhalter um ein Unternehmen in staatlichem oder privatem Besitz handelt, finden nun identische wagenrechtliche Bestimmungen Anwendung, die neben den allgemeinen Nutzungsauflagen auch Haftungs- und Entschädigungsfragen umfassen. Durch die COTIF-seitige Vorgabe einheitlicher, sich unter anderem an geltenden TSI orientierender, fahrzeugtechnischer Normen (APTU) und Zulassungsverfahren (ATFM) wird eine über EU-Grenzen hinweg reichende Wagenaustauschbarkeit ermöglicht [Bach06, S. 23 ff.].
Als nicht ausschließlich auf Güter- und Reisezugwagen begrenzt erweist sich dagegen die Problematik inkompatibler mechanischer Schnittstellen. So ist innerhalb Mitteleuropas - inklusive der Iberischen Halbinsel und den GUS-Staaten - ein grundsätzlicher Systemunterschied hinsichtlich der Kupplungstechnik festzustellen. Während Fahrzeuge der westlichen Länder gemeinhin mit Schraubenkupplung und Seitenpuffern ausgerüstet sind, hat sich im GUS-Gebiet seit geraumer Zeit die russische SA-3-Mittelpufferkupplung durchgesetzt. Jedoch scheiterte die geplante Implementierung eines europaweit einheitlichen Mittelpufferkupplungsmodells, welches mit beiden bestehenden Systemen entsprechend kombinierbar wäre, aus Kostengründen. Die technische Machbarkeit für dessen Einführung wäre seit längerem gegeben. Für über EU-Ostgrenzen hinausgehende Verkehrsverbindungen wurden daher zumindest im Hinblick auf einzelne Wagengruppen gemischt kuppelbare Systeme eingeführt [GeWö02, S. 296; Spill13, S. 8; Stuh13a, S. 27 ff.].
Einem vereinfachten grenzüberschreitenden Verkehr entgegen steht weiterhin die Tatsache, dass trotz europaweiter Interoperabilitätsbestrebungen auch gegenwärtig noch zahlreiche Fahrzeugfunktionen und technische Ausführungen nach unterschiedlichen nationalen Vorschriften auszugestalten sind [Luet07, S. 478]. Auf der einen Seite beruhen diese Bestimmungen auf infrastrukturbedingten Gegebenheiten wie landesspezifischer Leit- und Sicherungstechnik oder voneinander abweichenden Bahnstromsystemen. Letztgenannte setzen zwangsläufig unterschiedliche Fahrzeugausstattungen beziehungsweise die Ausrüstung mit mehreren, jeweils national kompatiblen Baugruppen (Mehrsystemlokomotiven / Mehrsystemzüge) für einen grenzüberschreitenden Betrieb voraus [Ross11c, S. 18 f.]. Zudem ergeben sich weitere technischen Hürden durch unterschiedliche Oberleitungssysteme, Stromabnehmerwippenbreiten, Begrenzungslinien und variierend Radsatzlasten [ERI04b;StSc17, S.37]. Andererseits leitet sich eine Vielzahl der Inkompatibilitäten auch aus rein historisch gewachsenen Unterschieden in den entsprechenden staatlichen Regelwerken ab. Ihrer Harmonisierung stünden zumindest aus technischer Sicht keine hohen Umstellungskosten entgegen, soweit betreffende Interoperabilitätsansätze auf Neufahrzeuge beschränkt würden [PaFe09, S. 45]. Ein Beispiel für solche ein Hemmnis stellt die aktuelle Existenz von vier verschiedenen Spurweiten in Europa dar [Siem18]. Ferner werden zum Beispiel aufgrund infrastrukturbedingter Gegebenheiten elektrische Antriebsstränge von Lokomotiven und Triebzügen, zum Zwecke einer flexiblen Einsetzbarkeit, über bestehende technische Systemgrenzen hinweg auch langfristig noch darauf auszulegen sein, unterschiedliche Netzspannungen zu verarbeiten. Eine europaweite Vereinheitlichung der Stromversorgung ist derzeit weder absehbar noch finanzierbar [PaFe09, S. 42]. Trotz fortschreitender Implementierung des "European Train Control System" (ETCS) wird eine flächendeckende Harmonisierung leit- und sicherungstechnischer Einrichtungen aus demselben Grund auf absehbare Zeit ebenso wenig stattfinden [Ross11c, S. 18 f.; Jack14, S. 32 ff.].
Demgegenüber ergeben sich im Hinblick auf die Führerstandausgestaltung weitreichende Möglichkeiten zur Homogenisierung. Würden einheitliche Vorgaben zur Instrumenten- und Bedienelemente-Anordnung in Triebfahrzeugen getroffen, ließen sich aufwendige Kleinserienproduktionen für einzelne Bestimmungsländer zugunsten einer standardisierten Bauteilgruppenfertigung vermeiden und damit entsprechende Kostensenkungspotenziale realisieren. Im Rahmen der Projekte "EUDD", "MODTRAIN/EUCAB" und "EUDD+" wurden die dazugehörigen Standardisierungen erarbeitet.
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Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Spezielle Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs (Stand des Wissens: 18.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337429
Literatur
[Bach06] Bach, Werner Das neue Wagenrecht im COTIF 99, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 06, 2006
[Bjel00] Bjelicic, Borislav, Prof. Dr. Zukunft des europäischen Eisenbahnverkehrs, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Deutscher Verkehrs-Verlag, Hamburg, 2000/06, ISBN/ISSN ISSN 0020 - 9511
[ERI04b] o.A. DB AG fordert mehr europäischen Wettbewerb im Güterverkehr durch effiziente Zulassungsverfahren, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue international, Ausgabe/Auflage 5, MINIREX AG, Luzern, 2004/05, ISBN/ISSN 1421-2811
[Fran07a] Frank, Marcel, Dr.-Ing. Dipl. Wirt.-Ing. Was bedeutet das Inkrafttreten der TSI Güterwagen für die Zulassungsprozesse in Europa?, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 03/2007, Minirex AG / Luzern (Schweiz) , 2007/03, ISBN/ISSN 1421-2811
[GeWö02] Geyer, Thomas, Dipl.-Ing., Wöhl, Peter, Dipl.-Ing. Elektrische Mehrsystemlokomotiven für den internationalen Güterverkehr, veröffentlicht in Die Güterbahnen. Zukunftsfähige Mobilität für Wirtschaft und Gesellschaft, Alba Fachverlag GmbH + Co. KG, Düsseldorf, 2002, ISBN/ISSN 3-87094-652-0
[Jack14] Jackson, Chris The long march to interoperability, veröffentlicht in Railway Gazette International, Ausgabe/Auflage 1/2014, DVV Media UK Ltd, Sutton Surrey (UK), 2014/01, ISBN/ISSN 0373-5346
[Krem06] Kremper, Klaus Güterbahnen setzen Akzente im internationalen Verkehr, veröffentlicht in Europäischer Schienengüterverkehr, Alba Fachverlag, 2006/08, ISBN/ISSN 3-87094-672-5
[Luet07] Lütscher, Jürg Interoperabilität im Wandel, veröffentlicht in Schweizer Eisenbahn-Revue, Ausgabe/Auflage 10, Minirex AG, 2007/10, ISBN/ISSN 1022-7113
[MüNi04] Müller, Manfred, Nieländer, Jochen, Rothenpieler, Ulrich Der europäische Schienengüterverkehr. Fundamente der europäischen Bahnpolitik, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 04, 2004, ISBN/ISSN 0948-7263
[OTIF10] o. A. Zwischenstaatliche Organisation für den internationalen Eisenbahnverkehr (OTIF), Bern, 2010/08
[PaFe09] Panier, Fank, Dipl.-Ing., Feuchter, Frank, Dipl.-Ing. Generationenaufgabe europaweite Standardisierung, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 12/09, Eisenbahn-Fachverlag GmbH / Mainz, 2009/12, ISBN/ISSN 0948-7263
[Ross11c] Rossberg, Ralf Roman Fehlende Interoperabilität bremst europäische Güterbahnen , veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 4/2011, Alba Fachverlag, Düsseldorf, 2011/10, ISBN/ISSN 1610- 5273
[Sali99] Saliger, Wilhelm, Dipl.-Ing. Zulassung von Schienenfahrzeugen auf Europas Eisenbahnen, veröffentlicht in rail international - Schienen der Welt, Ausgabe/Auflage 03, Brüssel, 1999
[Siem18] o.V. Vier inkompatible Spurweiten, 2018
[Spill13] Spillner, Uwe Quo vadis, Schienen-Güterverkehr?, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 2/2013, Alba Fachverlag, Düsseldorf, 2013/04, ISBN/ISSN 1610- 5273
[StSc17] Stoll, Fabian, Schüttert, Andreas, Nießen, Nils Interoperabler Schienen­verkehr in Europa, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen , 2017
[Stuh13a] Stuhr, J. Untersuchung von Einsatzszenarien einer automatischen Mittelpufferkupplung, Berlin, 2013/02/26
Rechtsvorschriften
[2006/679/EG] Technische Spezifikation für die Interoperabilität (TSI) zum Teilsystem "Zugsteuerung, Zugsicherung und Signalgebung" des konventionellen transeuropäischen Bahnsystems
[2006/861/EG] Technische Spezifikation für Interoperabilität Teilsystem: Fahrzeuge Teilbereich: Güterwagen
[2011/291/EU] Technische Spezifikation für die Interoperabilität: Teilsystem "Fahrzeuge" des konventionellen Eisenbahnsystems "Lokomotiven und Fahrzeuge im Personenverkehr"
[COTIF99] COTIF 1999 Übereinkommen über den internationalen Eisenbahnverkehr
[RIC] Regolamento Internazionale delle Carrozze
Glossar
ETCS
Standard eines EU-weit harmonisierten Zugbeeinflussungssystems, welches im Falle einer entsprechenden Streckeninfrastrukturausstattung und Fahrzeugertüchtigung die unterbrechungsfreie Durchführung grenzüberschreitender Schienenverkehre ermöglicht, ohne zu diesem Zweck das triebfahrzeugseitige Mitführen unterschiedlicher, auf nationaler Ebene verwendeter Systemkomponenten vorauszusetzen.

Mit Hilfe von Zugbeeinflussungssystemen lassen sich auf dem Streckennetz stattfindende Fahrten beispielsweise hinsichtlich einer Einhaltung erlaubter Höchstgeschwindigkeiten oder der Befolgung signalisierter Befehle überwachen, um gegebenenfalls automatische Schutzreaktionen auszulösen. So können etwa Triebfahrzeuge, welche ein Halt zeigendes Signal überfahren, selbsttätig zum Stillstand gebracht werden.

In Zukunft wird der automatische Zugbetrieb (Automatic Train Operation, ATO) auf Grundlage des ECTS gebaut.
Radsatzlast Die Radsatzlast (auch Achslast) beschreibt den Anteil der Fahrzeuggesamtmasse in Tonnen, der vom Fahrzeug über eine Achse auf den Schienenfahrweg aufgebracht wird.
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.
Mehrsystemlokomotive Auf Grund der bestehenden technischen Inkompabilitäten zwischen den Schienennetzen der einzelnen europäischen Länder werden im grenzüberschreitenden Verkehr Mehrsystemlokomotiven bzw. Mehrsystemzüge eingesetzt. Diese sind in der Lage, in mehr als einem nationalen Netz zu verkehren, da ihre Konstruktion insb. verschiedene Bahnstrom- und auch Leit- und Sicherungstechniksysteme berücksichtigt.
Leit- und Sicherungstechnik
Unter dem Begriff der Leit- und Sicherungstechnik (LST) werden technische Maßnahmen zusammengefasst, die getroffen werden, um einen sicheren, meist signalgeführten Eisenbahnbetrieb durchzuführen. Sie regelt die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Anlagen, den Signalen und den Fahrzeugen, die zur sicheren Durchführung von Zug- und anderen Fahrten notwendig sind. Wichtigster Bestandteil der LST ist die Stellwerkstechnik, mit Hilfe derer das Stellen von Weichen und Signalen sowie die Sicherung von Fahrstraßen erfolgt. Zur LST gehört auch die Zugbeeinflussung (z. B. PZB, LZB, ETCS).
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?324838

Gedruckt am Freitag, 20. September 2019 07:27:00