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Betriebstechnische Grenzparameter für Güterzüge

Erstellt am: 05.07.2010 | Stand des Wissens: 16.05.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Die deutsche Eisenbahn-Bau und Betriebsordnung (EBO) besagt, dass ein Zug nicht länger sein darf, als es seine Bremsverhältnisse, seine Zug- und Stoßeinrichtungen und die Bahnanlagen zulassen [EBO, § 34 Abs. 8]. Zudem ist die Gesamtzuglänge auf 740 Meter beschränkt, gemäß Richtlinie 408 "Züge fahren und Rangieren". Seit 2011 gibt es keine Begrenzung der Wagenzuglänge mehr, die Achsenzahl ist jedoch auf 250 begrenzt [DBNAG12a, S. 371; Meff11]. Eine Ausnahme der Gesamtzuglänge besteht auf der Strecke Padborg (Dänemark) - Maschen und Hamburger Hafen (Hohe Schaar). Um den Ressourceneinsatz noch effizienter zu gestalten, verkehren hier 835 Meter lange Güterzüge [DBNe15; DBAG09i; DBAG10d, S. 18 f.]. In Zukunft soll die Gesamtzuglänge auf 1500 Meter erweitert werden, hierfür muss jedoch die Bremstechnik verbessert sowie Überholgleise gebaut werden. Insbesondere Langstrecken im Seehafen- sowie Hinterlandverkehr sind für den Einsatz von 1500 Meter langen Güterzügen prädestiniert [Riet14, S. 6]. Begrenzende Faktoren für die Zuglänge sind unter anderem die maximale Länge von Überholgleisen, die Leit- und Sicherungstechnik, die Kupplungen des Zugverbandes, die Steuerung des Bremssystems sowie die Verteilung der Lokomotiven im Zugverband [KoKP10, S. 70]. Güterzüge können je nach Länge und Gewicht bis zu 120 Kilometer pro Stunde fahren. Die durchschnittliche Geschwindigkeit liegt jedoch zwischen 90 - 110 Kilometer pro Stunde [DBNe10a].

Das maximale Gesamtgewicht eines Zuges ist abhängig von den Streckensteigungen, der Antriebsleitung(en) der Lokomotive(n) und der maximalen Belastungsfähigkeit der Schraubenkupplung. In Deutschland verkehren Güterzüge im Regelfall mit Bruttogewichten von etwa 1.600 Tonnen. Schwerere Güterzüge bedürfen einer Sondergenehmigung [FiSc12, S. 43]. Ganzzüge für Massengut im Erzverkehr werden teilweise mit speziellen Mittelpufferkupplungen ausgerüstet, da die höhere Festigkeit dieser Kupplungsform eine Erhöhung der maximalen Zuglast gegenüber der Schraubenkupplung erlaubt. So können beispielsweise auf der Relation Hamburg - Salzgitter Erzzüge mit Bruttolasten von etwa 6.000 Tonnen mit Doppeltraktion verkehren [FiSc12, S. 43; DBAG03d]. Auf derselben Relation liegt die maximale Zuglast bei Einsatz einer verstärkten Schraubenkupplung bei 4.000 Bruttotonnen.

Die Radsatzlast von Einzelfahrzeugen, auch Achslast genannt, ist bezüglich der Masse das maßgebende Kriterium. Hinzu kommt das Fahrzeuggewicht je Längeneinheit (Meterlast), welches insbesondere im Hinblick auf die Tragfähigkeit von Brückenbauwerken relevant ist. Anhand dieser beiden Parameter werden die Strecken in Streckenklassen eingeteilt. Das Netz der Deutschen Bahn AG ist grundsätzlich auf eine Radsatzlast von 22,5 Tonnen ausgelegt, auf einzelnen Strecken sind auch 25 Tonnen zulässig. Die Ausweitung dieses Schwerlastnetzes erfordert Investitionen in Brücken sowie in den Ober- und Unterbau [Weig09, S. 723].
Weitere Grenzparameter für Güterzüge ergeben sich durch den Streckenquerschnitt. Maßgebend ist hier vor allem das Lichtraumprofil. In der Eisenbahn-Bau und Betriebsordnung ist der freizuhaltende Bereich über dem Gleis definiert. Nur an festgelegten Stellen dürfen bauliche Anlagenteile hineinragen. Der maximale Fahrzeugquerschnitt ergibt sich abzüglich der weiterer Räume, welche Neigungen oder Verschiebungen des Fahrzeugs ausgleichen sollen [Mitt07, S. 43ff.].
Im Zuge der Harmonisierungsbemühungen der Europäischen Union wurde im Rahmen der Technischen Spezifikationen für die Interoperabilität (TSI) "Infrastruktur" eine Vereinheitlichung der Lichtraumprofile auf den transeuropäischen Netzen beschlossen [2011/275/EU]. Aufgrund hoher Folgekosten für die Infrastrukturanpassung ist es den Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) gestattet, bestehende nationale Lichtraumprofile weiterhin zu erhalten. Bei umfassenden Umbauten beziehungsweise Neubauten von Strecken muss jedoch das geforderte Lichtraumprofil GC angewendet werden [Matt11, S. 44]. Das in Deutschland übliche Lichtraumprofil G2 ist dabei im oberen Bereich kleiner als das auf transeuropäischen Netzen geforderte Lichtraumprofil GC [DIN EN 15273-1, B1 und B2.2].
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Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Technische und organisatorische Rahmenbedingungen des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 12.06.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337416
Literatur
[DBAG03d] Deutsche Bahn AG Konzern, Stinnes AG (Hrsg.) Schwerster Güterzug Europas geht jetzt auf die Reise - High-Tech-Logistik für die Stahlindustrie, Stinnes AG / Berlin, 2003/11/25
[DBAG09i] o.A. Schienennetz-Benutzungsbedingungen der DB Netz AG (SNB) 2009, Berlin, 2009/12/13
[DBAG10d] o.A. Schienennetz-Benutzungsbedingungen der DB Netz AG (SNB 2011) , Berlin, 2010/04/13
[DBNAG12a] DB Netz AG, Schneider, A., Homeyer, D., Enders, D. Richtlinie 408.01 - 09 "Züge fahren und Rangieren", 2012/12/01
[DBNe10a] DB (Hrsg.) Richtlinie: Trassenanmeldung, Bremsstellung der Züge, 2010/04/13
[DBNe15] DB Netze (Hrsg.) Längere Güterzüge: Ab 2016 verkehren 835 m lange Güterzüge auch aus dem Hamburger Hafen, 2015/12/08
[FiSc12] Fiedler, Joachim, Scherz, Wolfgang Bahnwesen - Planung, Bau und Betrieb von Eisenbahnen, S-, U-, Stadt- und Straßenbahnen, Werner Verlag, Köln, 2012
[KoKP10] o.A. Trends und Innovationen im unbegleiteten Kombinierten Verkehr in der und durch die Schweiz, Frankfurt am Main / Freiburg im Breisgau, 2010/04
[Matt11] Volker Matthews Bahnbau, Ausgabe/Auflage 8. Auflage, Vieweg + Teubner, 2011, ISBN/ISSN 978-3-8348-1291-9
[Meff11] Meffert, R. Richtlinie 408 "Züge fahren und Rangieren"
Bekanntgabe 9, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 12, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2011, ISBN/ISSN 0948-7263
[Mitt07] Mittmann, Walter Querschnittsgestaltung der Bahnanlagen, veröffentlicht in Handbuch Eisenbahninfrastruktur, Springer Verlag / Berlin, Heidelberg, 2007, ISBN/ISSN 3-540-29581-X
[Riet14] Thomas Rietig Neue Korridore und Züge fürs Hinterland, veröffentlicht in VDI Nachrichten, Ausgabe/Auflage 25, VDI Verlag GmbH, 2014/06/20
[Weig09] Weigand, Werner Mehr Kapazität für den Schienenverkehr - Reicht das bestehende Streckennetz aus?, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 12/2009, DVV Media Group GmbH / Hamburg , 2009/12, ISBN/ISSN 0013-2845
Weiterführende Literatur
[Baur08] o.A. DB testet überlange Güterzüge, veröffentlicht in Elektrische Bahnen, Ausgabe/Auflage 03/2008, Oldenbourg Industrieverlag / München , 2008/03, ISBN/ISSN 0013-5437
[GeEl99] Gerber, Martin, Ellenberger, Walter, Ledermann, Werner, Schöning, Jürg Funkfernsteuerung für Schiebelokomotiven im Güterverkehr am Gotthard, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 7-8/1999, Minirex AG / Luzern (Schweiz), 1999, ISBN/ISSN 1421-2811
[DVF98] Dipl.-Math. Bernd Zirkler, Seidel, Bernd, Dr.-Ing., Siefer, Thomas, Prof. Dr.-Ing. Kapazitätsreserven im Schienenpersonenfernverkehr, Bonn, 1998/06
[DBAG08n] o. A. Lange Güterzüge im Praxistest, veröffentlicht in Bahntech, Ausgabe/Auflage 02/08, Berlin, 2008/02
[DBAG09h] o. A. Lange Güterzüge - Projekt GZ 1000, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 02/09, Bahn Fachverlag / Mainz, 2009/02, ISBN/ISSN 0948-7263
[Sieg00] Siegmann, Jürgen, Prof. Dr.-Ing. habil. Neue Betriebskonzepte eines intelligenten Güterzuges - Anstoß für mehr Güter auf die Bahn?, 2000
[ChBe99] Chatterjee, B., Bensch, J. Steigerung der Sicherheit im Eisenbahn-Güterverkehr bei Einsatz der vereinfachten kompakten automatischen Mittelpufferkupplung, veröffentlicht in ZEV + DET Glasers Annalen, Ausgabe/Auflage 01/1999, Georg Siemens Verlagsbuchhandlung , 1999/01
[Voge00] Vogel, Hanspeter, Dr. Verlängerung von Güterzügen: Möglichkeiten und Grenzen, veröffentlicht in rail international - Schienen der Welt, Ausgabe/Auflage 4, Brüssel, 2000
[2011/275/EU] Technische Spezifikation für die Interoperabilität: Teilsystem "Infrastruktur" des konventionellen Eisenbahnsystems
[DIN EN 15273-1] Bahnanwendungen - Begrenzungslinien - Teil 1
[EBO] Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO)
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
Traktion Unter Traktion versteht man im Schienenverkehrsbereich die kraftgetriebene Fortbewegung von Triebfahrzeugen. Bei der Art des Antriebssystems unterscheidet man heutzutage i. d. R. Triebfahrzeuge mit dieselelektrischen oder -hydraulischen bzw. rein elektrischen Aggregaten zur Kraftübertragung (auch: Diesel- bzw. Elektrotraktion).  Die Traktionsart Dampf wird hierzulande nur noch im Bereich von Museumsbahnen eingesetzt. Mehrere gekoppelte Triebfahrzeuge bilden eine sog. Mehrfachtraktion. Üblicherweise werden diese nach der Anzahl der eingesetzten Triebfahrzeuge benannt (z. B. Doppel- oder Dreifachtraktion).
Radsatzlast Die Radsatzlast (auch Achslast) beschreibt den Anteil der Fahrzeuggesamtmasse in Tonnen, der vom Fahrzeug über eine Achse auf den Schienenfahrweg aufgebracht wird.
Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung Die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) ist eine Verordnung für den Bau und Betrieb regelspuriger Eisenbahnen in Deutschland. Sie gilt nicht für den Bau, den Betrieb oder die Benutzung der Bahnanlagen eines nichtöffentlichen Eisenbahninfrastrukturunternehmens.
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.
Tragfähigkeit Wasserverdrängung eines voll abgeladenen Schiffes abzüglich der Schiffsmasse. Umfasst die Massen von Besatzung, Passagieren, Ladung, Brennstoffen, Wasser und aller Vorräte.
übliche Abkürzungen:  Tons deadweighttdw), Dead weight tons)
Leit- und Sicherungstechnik
Unter dem Begriff der Leit- und Sicherungstechnik (LST) werden technische Maßnahmen zusammengefasst, die getroffen werden, um einen sicheren, meist signalgeführten Eisenbahnbetrieb durchzuführen. Sie regelt die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Anlagen, den Signalen und den Fahrzeugen, die zur sicheren Durchführung von Zug- und anderen Fahrten notwendig sind. Wichtigster Bestandteil der LST ist die Stellwerkstechnik, mit Hilfe derer das Stellen von Weichen und Signalen sowie die Sicherung von Fahrstraßen erfolgt. Zur LST gehört auch die Zugbeeinflussung (z. B. PZB, LZB, ETCS).
Lichtraumprofil Lichtraumprofil bezeichnet eine definierte Umgrenzungslinie meist für die senkrechte Querebene eines Fahrweges. Damit werden der "lichte Raum", der auf dem Fahrweg von Gegenständen freizuhalten ist, und die äußeren Maße der vorgesehenen Fahrzeuge vorgeschrieben.
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?324625

Gedruckt am Freitag, 29. Mai 2020 04:54:23