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Systembedingte Dispositionsprobleme im grenzüberschreitenden Schienenverkehr Europas

Erstellt am: 01.07.2010 | Stand des Wissens: 23.09.2020
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Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Im Vergleich zum Straßenverkehr ist die Eisenbahn durch die Schienengebundenheit und die geringe Netzdichte relativ unflexibel. Dies bedeutet, dass kurzfristige und einmalige Transportleistungen nur in Verbindung mit einem höheren Organisationsaufwand durchführbar sind, weil dafür ein aufwendiger Planungsprozess erforderlich ist [Beck14, 14f.]. Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) halten deshalb für derartig kurzfristige, außerplanmäßig durchzuführende Transporte in der Regel kein adäquates Angebot bereit. Der umfangreiche Planungsprozess prädestiniert die Bahn dagegen für längerfristige, regelmäßig zu erbringende Leistungen. Routenplanung und Fahrplanerstellung, Personal- und Fahrzeugeinsatz erfordern die Beteiligung und Abstimmung verschiedener Stellen. Im grenzüberschreitenden Verkehr ist dieser Planungsprozess umso aufwendiger, als Abstimmungen zwischen allen Beteiligten Bahnen geboten sind und in aller Regel kein zentraler Ansprechpartner zur Verfügung steht. Diese Probleme treten im Straßengüterverkehr nicht auf, weil der grenzüberschreitende Transport für gewöhnlich von einem Transportunternehmen (Spediteur) allein ausgeführt werden [DVF97, S. 56; KuGe06, S. 810].

Vereinfachungen in diesem Bereich sollen durch die Einführung von Gütervorrangnetzen erreicht werden. In diesem Zusammenhang hat die Europäische Kommission im Juni 2010 mit der Verordnung (EU) 2010/913 "[...] zur Schaffung eines europäischen Schienennetzes für einen wettbewerbsfähigen Güterverkehr" die Einführung von neun Güterverkehrskorridoren beschlossen.
Das gleiche Ziel wie die EU verfolgt die RailNetEurope (RNE, deutsch: Vereinigung europäischer Eisenbahninfrastrukturunternehmen) bereits seit 2005 mit dem Korridornetz, bestehend aus insgesamt elf Korridortrassen [Kaes11, S. 34f.]. Die RNE-Korridore wurden ab November 2015 durch Rail Freight Corridors (RFC) ersetzt. Es existieren neun RFC-Korridore, wovon fünf durch Deutschland führen [RNE18].

Auf Informationsgrundlage der RNE [RNE18] verlaufen folgende RFC-Korridore durch Deutschland, zudem werden die größten Korridor-Stationen dabei aufgelistet. Stationen in Klammern stellen geplante Stationen eines Korridors dar:

RFC 1: Rotterdam - Duisburg - Köln - Mannheim - Karlsruhe -- Basel - Milan - Genua
RFC 3: Oslo - Stockholm - Malmö - Padborg - Hamburg - München - Brenner - Rom - Palermo
RFC 7: Hamburg/Bremerhaven - Dresden - Prag - Bratislava - Arad - Athen/ Burgas
RFC 8: Antwerpen - Rotterdam - Amsterdam - Wilhelmshaven - Bremerhaven - Hamburg - Berlin - Warschau - Terespol - Kaunas - Prag - Katowice
RFC 9: (Karlsruhe/ Mannheim) - (Nürnberg/ München) - (Wien) - Prag - Silein - Schwarzau an der Theiß

Auf den transeuropäischen Schienenwegen sollen Trassen für internationale Gütertransporte bereitgehalten und durch sogenannte One-Stop-Shops (OSS) eindeutige Ansprechpartner für die Planung entsprechender Leistungen benannt werden. Zu diesem Zweck soll insbesondere auf die RNE zurückgegriffen werden, "[..] die ein Koordinierungsinstrument der Betreiber der Infrastruktur darstellt und den internationalen Güterverkehrsbetreibern eine Reihe von Diensten anbietet" [(EU) 2010/913 Erwägungsgrund (18)]. Zudem müssen Kapazitätsreserven für den Gelegenheitsverkehr vorgehalten werden. Kritik an der genannten Verordnung kommt von den nationalen Infrastrukturbetreibern, da diese darin einen zu tiefen Eingriff in ihre unternehmerische Praxis und Freiheit sehen [Ebel11, S. 17f.].

Im Einklang festgelegten Zielterminen [(EU) 2010/913] wurden im November 2013 die ersten sechs Güterverkehrskorridore offiziell eröffnet. In diesem Zusammenhang werden fortan auch sechs der RNE-Korridore als Rail Freight Corridors (RFC) geführt. Die verbleibenden Korridore werden weiterhin durch RNE gesteuert und bei ihrer Entwicklung zu zukünftigen RFC unterstützt [RNE14, S. 24ff.; KrWu13, S. 65; Kade14, S. 62ff.]. Die restlichen drei in [(EU) 2010/913] definierten Güterverkehrskorridore wurden im November 2015 in Betrieb gehen [(EU) 2010/913, Anhang]. Die Inbetriebnahme des gesamten und erweiterten Korridors RFC 9 ist für November 2020 angesetzt [DBAG17h].

Als einheitliche Anlaufstellen für EVU in Fragen des Netzzugangs hat RNE bereits ein dichtes Netz von One-Stop-Shops (OSS) errichtet, mit Kontaktpunkten bei jeder Mitgliedsbahn des Verbands. An diese können sich die internationalen Bahnkunden mit Anliegen wenden, welche die gesamte Organisation einer grenzüberschreitenden Zugfahrt betreffen: von Trassenanfragen bis zur Performance-Auswertung. Die Assistenz durch die OSS soll transparent und diskriminierungsfrei erfolgen. Für die Benutzung der 2013 eröffneten Güterverkehrskorridore werden spezielle "Corridor OSS" etabliert. Diese Entwicklung kann maßgeblich dazu beitragen, die Informationsschranken bezüglich des Netzzugangs für international agierende EVU abzubauen. Bisher waren die EVU auf die Network Statements (Schienennetz-Nutzungsbedingungen) der einzelnen Infrastrukturbetreiber angewiesen, um Informationen über die Trassenqualität und -entgelte zu erhalten. Wie ein europaweiter Vergleich zeigt, bestehen bei diesen Dokumenten noch erhebliche Harmonisierungs- und Transparenzdefizite [KrWu13, S. 65; Himm13, S. 51ff.; GrSc12, S. 22].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Spezielle Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs (Stand des Wissens: 18.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337429
Literatur
[Beck14] Becker, Klaus G. (Hrsg.) Handbuch Schienengüterverkehr, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, DVV Media Group GmbH / Eurailpress, Hamburg, 2014, ISBN/ISSN 978-3-7771-0458-4
[DBAG17h] DB Netz AG Europäisches Korridormanagement: Von der VO 913/2010 zu den europäischen Schienengüterverkehrskorridoren (SGV-Korridore), 2017/08
[DVF97] Dipl.-Ing. Uwe Weiser , Dipl.-Ing. Philipp Zipf, Heimerl, Gerhard, em. Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Die Eisenbahn im grenzüberschreitenden Verkehr, Bonn, 1997/03
[Ebel11] Ebel, Mathias  Perspektiven für den EU-Schienengüterverkehr, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 7/2011, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2011, ISBN/ISSN 0948-7263
[GrSc12] Groß, Wolfgang, Schwecke, Jessica Konsistente Regulierung der EU-Bahnen gesichert, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 7/2012, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2012/07, ISBN/ISSN 0948-7263
[Himm13] Himmel, Andreas Verständlichkeit von Network Statements und Entgelten im internationalen Vergleich, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 3/2013, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2013/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[Kade14] Kaderavek, Petr Rail Freight Corridors Inaugurated, veröffentlicht in Railvolution, Ausgabe/Auflage 1/2014, M-Presse plus s. r. o., Praha (Tschechien), 2014/01
[Kaes11] Kaeser, Hansruedi Die prioritären EU Korridore und ihre Bedeutung für die Eisenbahn, veröffentlicht in ETR - Eisenbahn technische Rundschau, Ausgabe/Auflage 2011/03, DVV Media Group GmbH , 2011/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[KrWu13] Kroll, Joachim, Wunsch-Semmler, Bettina RailNetEurope - gateway to European rail infrastructure, veröffentlicht in European Railway Review, Ausgabe/Auflage 3/2013, Russell Publishing Ltd., Kent (UK), 2013/05, ISBN/ISSN 1351-1599
[KuGe06] Kuhla, Eckhard, Gerstmair, Marc F-MAN: Ein europäisches Flotten-Managementsystem, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau - ETR, Ausgabe/Auflage 2006/11, DVV Media Group GmbH, Hamburg , 2006/11, ISBN/ISSN 0013-2845
[RNE14] o. A. 2013 Annual Report, Wien (Österreich), 2014/05
[RNE18] RailNetEurope (Hrsg.) Rail Freight Corridors (RFCs) General Information, 2018
Rechtsvorschriften
[(EU) 2010/913] Verordnung (EU) Nr. 913/2010 [...] zur Schaffung eines europäischen Schienennetzes für einen wettbewerbsfähigen Güterverkehr
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
One-Stop-Shop Der Begriff One-Stop-Shop beschreibt eine zentrale Anlaufstelle, die für sämtliche Verwaltungsschritte zuständig ist, welche für die Erfüllung einer Aufgabe bzw. die Erreichung eines Ziels benötigt werden. Dies umfasst bei Schienenverkehrsunternehmen beispielsweise die Annahme von Kundenaufträgen, sowie die Überwachung von Arbeitsabläufen und die Abwicklung von Rechnungen.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Spediteur Spediteure fungieren als Intermediäre zwischen Versender und Transporteur bzw. Frachtführer. Sie „besorgen” den Transport. Hierunter fallen insbesondere die Festlegung auf Verkehrsmittel und die Beauftragung ausführender Unternehmen.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?323960

Gedruckt am Montag, 28. September 2020 12:54:41