Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Wirtschaftliche Bedeutung des barrierefreien Tourismus

Erstellt am: 28.01.2003 | Stand des Wissens: 08.01.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die Tourismuswirtschaft ist eine der Wachstumsbranchen der deutschen Wirtschaft. Die Bruttowertschöpfung der Tourismusbranche beträgt über 105 Milliarden Euro [DRV18].

Dem Reiseaufkommen behinderter und in ihrer Bewegung eingeschränkter Menschen kommt inzwischen ebenfalls eine beachtliche wirtschaftliche Bedeutung zu [Gugg98].
Im Jahr 2015 waren rund 7,6 Millionen schwerbehinderte Menschenin Deutschland statistisch erfasst. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von ca. 9,3 % [destatis16d].
[BMWA03a] hat erstmals belegt, "[...]dass die Gruppe der mobilitäts- oder aktivitätseingeschränkten Reisenden von großer wirtschaftlicher Attraktivität für die deutsche Reisebranche ist." [BMWi08, S. 10] Nach [BMWA03a] wird der Nettoumsatz von Urlaubern mit Mobilitätseinschränkung (Urlaube und Kurzurlaube) auf 2.500 Mio. Euro geschätzt [BMWA03a, S. 26]. Davon entfällt mit 39 % der größte Anteil auf die Unterkunft [BMWA03a, S. 27, Abb. 7]. Etwa 3 % werden für den lokalen Transport aufgewendet [BMWA03a, S. 27, Abb. 7].
Das Gesamtumsatzvolumen wird damit auf rund drei Milliarden EUR beziffert. Damit ist aber nur ein Teil der Gruppe behinderter Menschen abgebildet, denn in Deutschland sind weit mehr als 20 % der Bevölkerung mobilitätsbehindert im weiteren Sinne.

Mit dem Ziel der "[...] Schaffung und Umsetzung verlässlicher Standards für die Erfassung, Bewertung und Darstellung barrierefreier Angebote in Hotellerie und Gastronomie" [DEHOGA05, S. 2, § 1], existiert seit dem 12.03.2005 (auf Grundlage des § 5 Behindertengleichstellungsgesetz [BGG]) eine Zielvereinbarung zwischen den Behinderten- und Unternehmensverbänden. Weitere Informationen sind [DEHOGA05] zu entnehmen.

Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der Reisen von älteren und behinderten Personen innerhalb der EU auf 862 Millionen Reisen pro Jahr steigen.
Ältere und Behinderte geben durchschnittlich 80 EUR für einen Tagesausflug und 700 EUR für einen Mehrtagesurlaub in ihrem Heimatland sowie 1100 EUR für einen Mehrtagesurlaub im EU-Ausland aus. [Neum14]

31095_20180108_x.png
Abbildung 1: Direkte, indirekte und induzierte Effekte des barrierefreien Tourismus des EU-Marktes


Gäste aus der EU, die besonders auf Barrierefreiheit angewiesen sind, generieren derzeit einen Gesamtumsatz von 786 Milliarden EUR. Unter der Annahme einer deutlichen Steigerung der Barrierefreiheit tourismusrelevanter Einrichtungen könnte der Beitrag dieser Gruppe um ca. 40 Prozent steigen.

Um diese hohen Potenziale des barrierefreien Tourismus ausschöpfen zu können, sollten künftig folgende Aspekte entsprechende Berücksichtigung finden:

  • Die Entwicklung des barrierefreien Tourismus ist ein laufender Prozess, bei dem ver-schiedene Partner über einen längeren Zeitraum konzentriert zusammenarbeiten müssen.
  • Barrierefreier Tourismus erfordert ein großes Know-how der Leistungsträger und Destinationen und den Wissensaustausch untereinander.
  • Barrierefreiheit betrifft nicht nur die Infrastruktur, sondern den Service gleichermaßen.
    Deshalb muss das gesamte Personal über umfangreiche Kenntnisse hinsichtlich des Umganges mit Behinderten verfügen.
  • Barrierefreie touristische Angebote sollten generell in den Standardmedien Eingang finden.




Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Barrierefreie Mobilität (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?289388
Literatur
[BMWA03a] Neumann, Peter, Dr., Allemeyer, Werner, Dr., et al. Ökonomische Impulse eines barrierefreien Tourismus für alle, veröffentlicht in BMWA-Dokumentation, Ausgabe/Auflage Nr.: 526, Münster und Berlin, 2003/11, ISBN/ISSN 0342 - 9288
[BMWi08] Neumann, P., Pagenkopf, K., Schiefer, J., Lorenz, A. Barrierefreier Tourismus für Alle in Deutschland - Erfolgsfaktoren und
Maßnahmen zur Qualitätssteigerung, Berlin, 2008/08
[DEHOGA05] Zielvereinbarung nach § 5 Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) zwischen Unternehmens- und Behindertenverbänden, Berlin, 2005/03/12
[destatis16d] Statistisches Bundesamt Statistik der schwerbehinderten Menschen 2016, Wiesbaden, 2016/2/4
[DRV18] Deutscher Reiseverband (DRV), Berlin (Hrsg.) Der deutsche Reisemarkt, Zahlen und Fakten 2017, 2018/6
[Gugg98] Gugg, E. , Hank-Haase, G. Tourismus für behinderte Menschen, Angebotsplanung, Angebotsumsetzung, Öffentlichkeitsarbeit in der Tourismusbranche, veröffentlicht in Gastgewerbliche Schriftenreihe DEHOGA, Ausgabe/Auflage Heft 83, 1998
[Neum14] Ökonomische Bedeutung und Reisemuster im barrierefreien Tourismus in Europa, 2014
Weiterführende Literatur
[HSVV06] Anders, Gerd,, et al. Unbehinderte Mobilität, 2006/12
[BGG] Behindertengleichstellungsgesetz (BGG)
Glossar
Barrierefreiheit
Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. (Definition nach §4 Behindertengleichstellungsgesetz)

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?31095

Gedruckt am Montag, 9. Dezember 2019 16:18:08