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Barrierefreie Gestaltung von Haltestellen des ÖPNV

Erstellt am: 28.01.2003 | Stand des Wissens: 29.04.2016
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Von Planern und Betreibern wird häufig angestrebt, Maßnahmen, die mobilitätseingeschränkten Menschen dienen, gleichzeitig zur Attraktivitätssteigerung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) für alle zu nutzen. So ist die stufenlose Erreichbarkeit von Haltestellen für Rollstuhlfahrer unerlässlich, bedeutet für Personen mit Kinderwagen und für ältere Menschen eine Reduzierung von Nutzungsschwierigkeiten und ist für die übrigen Nutzer eine Komfortsteigerung [Blen03a].
Die Gestaltung und Ausstattung von Haltestellen soll sich im Rahmen der baulich-technischen und ökonomischen Bedingungen an den Interessen und Bedürfnissen aller Kunden orientieren [BMVBW97].
Bei einer Befragung älterer Autofahrer und Verkehrsexperten [BMFSFJ02] nannten zum Beispiel über 80 Prozent von älteren Autofahrern einen verbesserten Witterungsschutz am Bahnhof/an der Haltestelle als eine wichtige Verbesserungsmöglichkeit des Öffentlichen Verkehrs (ÖV) (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Bedeutung eines verbesserten Witterungsschutzes an Haltestellen/Bahnhöfen zur Attraktivitätssteigerung öffentlicher Verkehrsangebote für ältere Menschen [BMFSFJ02]
Ein ähnliches Bild präsentiert sich bei der Beurteilung von Haltestellen bezüglich von Sitzgelegenheiten. Für circa 60 Prozent der älteren Autofahrer sind Sitzgelegenheiten bedeutsam (siehe Abbildung 2) [BMFSFJ02].
Abbildung 2: Bedeutung von Sitzgelegenheiten an Haltestellen/Bahnhöfen zur Attraktivitätssteigerung öffentlicher Verkehrsangebote für ältere Menschen [BMFSFJ02]
Folgende Anforderungen an barrierefreie Haltestellen sind zu stellen [BMVBW92a, BMVBW97, BMVBW00d, DIN 18040-1, DIN 18040-3]:
  • Höhenunterschiede dürfen für die Fahrgäste nicht zu einem Hindernis werden, sondern sind durch Aufzüge oder Rampen auch für mobilitätsbehinderte Personen überwindbar zu gestalten.
  • Statische Richtungs- und Informationsanzeigen gehören zur Grundausstattung einer Haltestelle. Die Fahrgastinformationen müssen barrierefrei auffindbar sein. Dynamische Anzeigen erhöhen den Komfort und erleichtern die Entscheidung der Fahrgäste. Informationen sollen nach Möglichkeiten sowohl in visueller als auch in taktiler und akustischer Form dargeboten werden. Der Haltestellenname und gegebenenfalls die Linienführung sollte in Blindenschrift am Haltestellenmast angebracht werden.
  • Breite der Haltestellenwartefläche soll ausreichend Bewegungsmöglichkeiten für Rollstühle und Kinderwagen bieten (kleiner als 2,50 Meter). Auf Haltestellenwarteflächen muss es mindestens eine Bewegungsfläche für eine 180-Grad-Wende mit dem Rollstuhl geben.
  • Materialien für den Boden sollen mit Rollstühlen und Kinderwagen bei unterschiedlichen Witterungsbedingungen leicht befahrbar und rutschhemmend sein. Einige Materialien (zum Beispiel für taktile Bodenelemente) sollen zugleich Orientierungshilfe bieten (beispielsweise markierte Einstiegshilfen). Bodenmaterialien und Materialien für Möblierung sowie Informationselemente sollen sich kontrastreich von der Umgebung abheben.
  • Freistehende oder vorstehende Einbauten sollen gegebenenfalls durch Sockel oder Querstangen in Bodennähe gesichert werden, damit sie beim Benutzen eines Blindenstocks erfasst werden.
  • Ein gedämpfter Geräuschpegel erleichtert die akustische Verständigung und die Informationsaufnahme. Schwer hörgeschädigten, stark sehbehinderten und älteren Personen wird durch Lärmreduzierung die Orientierung deutlich erleichtert.
  • WC-Einrichtungen sind so zu gestalten, dass sie auch von Menschen mit Behinderung genutzt werden können. An stark frequentierten Haltestellen sind WC-Einrichtungen mit Baby-Wickelräumen hilfreich.
  • Bordsteine sollen dort, wo es für das Erreichen von Haltestellen notwendig ist, auf drei Zentimeter abgesenkt werden, damit Rollstuhlfahrer eine bewältigbare Zufahrt sowie Blinde und sehbehinderten Personen trotz Bordsteinabsenkung eine taktile Orientierung geboten wird.
  • Bei der Begrünung sollen keine Pflanzen verwendet werden, die eine hohe allergene Potenz oder eine toxische Wirkung haben. Die Begrünung soll so angelegt und gepflegt werden, dass die Sicht von kleinwüchsigen Menschen und von Kindern nicht beeinträchtigt wird.
  • Rollstuhlfahrern muss durch eine behindertengerechte Haltestellenumgebung in Form von abgesenkten Bordsteinen oder Rampen, deren Neigung kleiner als sechs Prozent betragen sollte, der Zugang zu den Haltestellen erleichtert werden.
  • Die Anordnung der Radfahrwege und -steifen ist so zu gestalten, dass zwischen Wartefläche und Radverkehrsanlagen ein ausreichender Schutz- und Wartestreifen für Fahrgäste vorhanden ist.
  • Eine ausreichende Beleuchtung zur Verbesserung der Orientierung für sehbehinderte Personen sowie ein Witterungsschutz und Sitzgelegenheiten gehören zur Grundausstattung von Haltestellen.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Barrierefreie Mobilität (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?289388
Literatur
[Blen03a] Blennemann, Friedhelm,, Girnau, Günter, , Grossmann, Helmut, Mobilitätseingeschränkte Personen im ÖPNV - Analyse des derzeitigen Entwicklungsstandes barrierefreier Lösungen, 2003/04
[BMFSFJ02] Engeln, Arnd Verbesserung der Attraktivität öffentlicher Verkehrsangebote für ältere Autofahrerinnen und Autofahrer - Probleme und praktikable Lösungen, 2002
[BMVBW00d] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Bürgerfreundliche und behindertengerechte Gestaltung des Straßenraums - Ein Handbuch für Planer und Praktiker, veröffentlicht in direkt, Ausgabe/Auflage Heft 54, 2. neubearbeitete Auflage, 2000
[BMVBW92a] o.A. Niederflur-Verkehrssystem: Gestaltung von Haltestellen in den alten und neuen Bundesländern, veröffentlicht in direkt, Ausgabe/Auflage Heft 46, 1992
[BMVBW97] Machule, Dittmar,, Echterhoff, Wilfried,, Ackermann, K., Bürgerfreundliche und behindertengerechte Gestaltung von Haltestellen des ÖPNV, veröffentlicht in direkt, Ausgabe/Auflage Heft 51, 1997
[DIN 18040-1] o.A. DIN 18040-1, Beuth Verlag, Berlin, 2010/10
[DIN 18040-3] o.A. DIN 18040-3, Beuth Verlag, Berlin, 2014/12
Weiterführende Literatur
[Scha04b] Schauf, Uta, Dipl.-Ing. Attraktive Bushaltestellen auch in der Region - Standardisierter ÖPNV-Auftritt im Nordhessischen Verkehrsverbund, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage Heft-Nr. 5, 2004/05
[Pisch07] Pisch, T. Barrierefreier ÖPNV für alle, veröffentlicht in Nahverkehrspraxis, Ausgabe/Auflage Heft 1 /2, 2007/1
[Beck04] Becker, Josef, Dipl.-Ing. , Hollborn, Hans-Joachim, Dr.-Ing. , Schramm, Elke, Dipl.-Ing. Barrierefreie Stationen im Schienenverkehr - Rechtlicher Rahmen und Handlungsbedarf in Deutschland, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 56, 2004/05
[DIN 18040-3] o.A. DIN 18040-3, Beuth Verlag, Berlin, 2014/12
[Nick03] Nickel, Bernhard EAÖ: Neue Planungsgrundlagen für ÖPNV auf Straßen, veröffentlicht in Bus & Bahn, Ausgabe/Auflage 5, 2003
[EAÖ13] Dittemer, T., Benzig, H.-P., Besier, S., Deutsch, V., Dietrich, O., Graf, K., Groneck, C., Heidenreich, S., Huber, F., Knöller, T., Neukirch, A., Nickel, B. E., Schweig, K.-H., Seyboth, A., Stephan, L., Zweibrücken, K. Empfehlungen für Anlagen des öffentlichen Personennahverkehrs - EAÖ, Ausgabe/Auflage FGSV-Nr. 289, FGSV Verlag, Köln, 2013, ISBN/ISSN 978-3-86446-054-8
[Behn07] Behnken, D. Hublift und Rampen für Mobilitätsbehinderte im ÖPNV, veröffentlicht in Nahverkehrspraxis, Ausgabe/Auflage Heft 1 / 2, 2007/1
[Prog03] Matthes, Ulrike , Leypold, Patrick , Schumacher, Irina , et al. Kundenorientierung im ÖPNV - Maßnahmen zur Verbesserung von Produkten und Dienstleistungen, 2003/07/23
[Kühn04] Kühn, Axel , Braddock, Andrew Niederflurhaltestellen für Straßenbahn und Bus - Step-free/Gap-free: Ein internationaler Anspruch auf barrierefreien Nahverkehr, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 1-2, 2004/02
Glossar
ÖV
Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer in einer Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen sowohl die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch die öffentlichen Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten Multimodalität wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch alternative Bedienformen, Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?31028

Gedruckt am Mittwoch, 27. Oktober 2021 09:03:00