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Marktsegment des nationalen Schienenpersonenfernverkehrs

Erstellt am: 01.04.2010 | Stand des Wissens: 22.04.2022
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Mit über 2,9 Milliarden Mitfahrenden verzeichnete der Schienenpersonenverkehr (SPV) innerhalb der Bundesrepublik Deutschland 2019 das höchste Beförderungsaufkommen seit der Novellierung des Verkehrsstatistikgesetztes [VerkStatG] im Jahr 2004. Allerdings war von dieser Gesamtmenge lediglich etwa jeder 19. Reisende (151,4 Millionen) dem Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) zuzurechnen, während rund 95 Prozent der Fahrgäste (2,78 Milliarden) im nationalen Schienenpersonennahverkehr (SPNV) befördert wurden [Dest21h, S. 68]. Mit Blick auf die Verkehrsleistung gestaltet sich das Verhältnis aufgrund unterschiedlicher Reisedistanzen naturgemäß wesentlich ausgeglichener. So erbrachte der SPFV im Jahr 2019 44,7 Milliarden Personenkilometer, was einem Anteil von rund 45 Prozent an der insgesamt im deutschen SPV erbrachten Beförderungsleistung entsprach (siehe Abbildung 1 und 2) [BMVI22b, S. 217 ff.; Dest21h, S. 68]. Im Jahr 2020 brachen sowahl das Verkehrsaufkommen als auch die Verkehrsleistung im SPV aufgrund der Corona-Pandemie ein.

308238_Abb_2_al.pngAbbildung 1: Verkehrsaufkommen des deutschen Schienenpersonenverkehrs; Aufteilung SPNV und SPFV 1999-2020 (eigene Darstellung nach [BMVI22b, S.217 f.; Dest21h, S. 68])
308238_Abb_1_al.pngAbbildung 2: Verkehrsleistung des deutschen Schienenpersonenverkehrs; Aufteilung SPNV und SPFV 1999-2020 (eigene Darstellung nach [BMVI22b, S.219 f.; Dest21h, S. 68])
Im Gegensatz zum SPNV ist der SPFV in Deutschland durch das Prinzip der Eigenwirtschaftlichkeit gekennzeichnet. Dementsprechend handelt es sich hierbei um einen Wettbewerb im Markt, der es zugelassenen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) ermöglicht, gemäß eigenen betriebswirtschaftlichen Erwägungen Zugtrassen frei zu buchen. Staatlich bestellte Verkehrsdienstleistungen, wie seit 1996 im deutschen SPNV üblich, finden sich in Bezug auf Fernverkehrsrelationen nicht.

Trotz des formal bestehenden Wettbewerbs verfügt die DB Fernverkehr AG gegenwärtig über eine Quasimonopolstellung im nationalen SPFV-Markt. Mit einem über die vergangenen Jahre stagnierenden Wettbewerbsanteil von weniger als ein Prozent konnten konkurrierende EVU bisher keine bedeutende Position erlangen. Bestehende, durch die Integration von Netz und Betrieb (integrierter Konzern) auf Seiten des Deutsche Bahn AG Konzern (DB AG) geförderte Diskriminierungspotenziale lassen Aussichten auf eine nachhaltige Marktbelebung in naher Zukunft trotz des Markteintritts des privatwirtschaftlichen Hamburg-Köln-Expresses (HKX) im Sommer 2012 und Locomores im Dezember 2016 weiterhin unsicher erscheinen. Beide Unternehmen wurden indessen in die FlixMobility GmbH eingegliedert [BDDI06, S. 92 f.].

Mit fast 1.400 Zugfahrten pro Tag und einer Gesamtflottenkapazität von circa 216.000 Sitzplätzen bindet die Fernverkehrssparte der DB AG über 200 in festen Taktfrequenzen angefahrene Systemhalte in ihr Beförderungsangebot ein [DBAG18c, S. 18 f.; Rühl07, S. 135]. Die Schienennetzbelastung des Schienenpersonenverkehrs (SPFV und SPNV) ist in Abbildung 3 dargestellt.
Belastung_Schienennetz_2015.PNGAbbildung 3: Belastung des deutschen Schienennetzes durch Personenzüge im Jahr 2015 [StaBu17b, S. 21]
Der sich hieraus ergebende Flächenerschließungsgrad des nationalen SPFV bleibt zwar grundsätzlich hinter dem des Autobahnnetzes zurück, für einen Großteil der Bewohner Deutschlands, inklusive derjenigen außerhalb der größeren Städte, ist jedoch ein IC- oder ICE-Bahnhof innerhalb einer akzeptablen Zeitspanne erreichbar. Für 85 Prozent der Bevölkerung liegt ein Fernverkehrsbahnhof innerhalb 30 Minuten Pkw-Fahrzeit vom Wohnort entfernt. Innerhalb der Reisezeitschwelle von 60 Minuten Pkw-Fahrzeit können nahezu 100 Prozent der Bevölkerung einen Fernbahnhof erreichen. Schwieriger stellt sich jedoch die Situation bezüglich der Erreichbarkeit von Fernbahnhöfen mit dem öffentlichen Verkehr dar (Abbildung 4). [BBSR12b, S. 83 f.]


Abb. 4: Erreichbarkeit deutscher SPFV-BahnhöfeAbbildung 4: Erreichbarkeit deutscher SPFV-Bahnhöfe [BBSR12b, S. 84]

Im Hinblick auf eine Segmentierung des SPFV-Markts wird häufig der Reiseanlass als geeignetes Differenzierungskriterium herangezogen. Somit lässt sich grundlegend zwischen den Gruppen der Geschäfts- und Privatreisenden sowie der Pendler unterschieden. Perrey erweiterte diesen Betrachtungsansatz im Rahmen einer Studie über Bahnnutzer um eine sogenannte "Benefit Segmentation" (deutsch: nutzenorientierte Segmentierung), welche es erlaubte, die einzelnen Kundensegmente gemäß ihrer Nutzenpräferenzen detaillierter zu charakterisieren. Den Ergebnissen genannter Reiseanlass-Nutzensegmentierung folgend, stellten Privatreisende im Jahr 1998 rund 58 Prozent des Gesamtbeförderungsaufkommens im SPFV. 30 Prozent der Fahrgäste führten eine Geschäftsreise durch und zwölf Prozent erwiesen sich als Pendelnde Personen. Hinsichtlich der Nutzenkategorien konnte dokumentiert werden, dass mehr als die Hälfte aller SPFV-Reisenden (51 Prozent) eine primäre Preissensibilität aufwiesen, während 31 Prozent vordringlich geringe Reisezeiten als wesentliche Nutzenvorteile deklarierten und 18 Prozent in erster Linie Komfortfaktoren honorierten (Abbildung 5). [Perr98] (Weitergehende Forschungen im Bereich des Verkehrsdienstleistungsmarketings unter besonderer Berücksichtigung von SPFV-Angeboten wurden hierauf aufbauend unter anderem von Hunkel [Hunk01] und Grunberg [Grun04] durchgeführt.)


308238_Abb_5_ml.pngAbbildung 5: Reiseanlass-Nutzensegmentmatrix der Fahrgäste im deutschen SPFV [Perr98]
In Anbetracht des mittlerweile um einige Jahre zurückliegenden Untersuchungszeitraums soeben zitierter Studie und sich kontinuierlich verändernder Marktbedingungen sei allerdings angemerkt, dass die dargestellten Ergebnisse keine belastbaren Aussagen über aktuelle Nachfrageverhältnisse im SPFV ermöglichen. Auch die Corona-Pandemie beeinflusst die derzeitige Nachfrage [siehe MONO21]. Nichtsdestotrotz finden sich, unter anderem mangels öffentlich zugänglicher Quellen neueren Datums, auch in jüngsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen Referenzen auf genannte Forschungserkenntnisse (vergleiche hierzu beispielsweise [MON09, S. 61; BrMi08], weshalb sie in diesem Rahmen Erwähnung finden.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Der Markt des Schienenpersonenfernverkehrs (Stand des Wissens: 19.09.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?308244
Literatur
[BBSR12b] Einig K., u. a. Raumordnungsbericht 2011, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Bonn, 2012/07/03
[BDDI06] KCW GmbH, Steer Davies Gleave, UNICONSULT Universal Transport Consulting GmbH Privatisierung der integrierten Deutschen Bahn AG - Auswirkungen und Alternativen, 2006/01
[BMVI22b] Bundesministerium für Digitales und Verkehr (Hrsg.) Verkehr in Zahlen 2021/2022, 2021/9
[BrMi08] Mitusch, Kay, Prof. Dr., Brenck, Andreas, Dr., Dams, Jan Verbrauchererwartungen an Dienstleistungsqualität im Bahnverkehr, 2008/12/08
[DBAG18c] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Deutsche Bahn DB Mobility Logistics - Daten & Fakten 2017, Berlin, 2018
[Dest21h] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Verkehr - Verkehr aktuell, 2021/11/30
[Grun04] Grunberg, Bastian Zeitbezogene Nutzenkomponenten von Verkehrsdienstleistungen, Lang / Frankfurt, 2004, ISBN/ISSN 3-631-51544-8
[Hunk01] Hunkel, Markus Segmentorientierte Preisdifferenzierung für Verkehrsdienstleistungen - Ansätze für ein optimales Fencing, Deutscher Universitäts-Verlag / Wiesbaden, 2001, ISBN/ISSN 3824474476
[MON09] Monopolkommission Sondergutachten 55: Bahn 2009: Wettbewerb erfordert Weichenstellung, Nomos Verlagsgesellschaft / Baden-Baden , 2009
[MONO21] Monopolkommission (Hrsg.) Bahn 2021 - Wettbewerb in den Takt , 2021/07
[Perr98] Perrey, Jesko Nutzenorientierte Marktsegmentierung - ein integrativer Ansatz zum Zielgruppenmarketing im Verkehrsdienstleistungsbereich, veröffentlicht in Schriftenreihe Unternehmensführung und Marketing, Ausgabe/Auflage 34, Wiesbaden, 1998, ISBN/ISSN 3-409-13698-3
[Rühl07] Rühle, Jens Planungssysteme im Schienenpersonenfernverkehr - Rahmenbedingungen, Einflussfaktoren und Gestaltungsempfehlungen am Beispiel der DB Fernverkehr AG , Kölner-Wissenschafts-Verlag, 2007, ISBN/ISSN 978-3-937404-39-4
[StaBu17b] Statistisches Bundesamt Betriebsdaten des Schienenverkehrs 2015, veröffentlicht in Fachserie 8 Reihe 2.1, Verkehr, Eisenbahnverkehr, Ausgabe/Auflage 2015, Wiesbaden, 2017/09/21
Rechtsvorschriften
[VerkStatG] Verkehrsstatistikgesetz (VerkStatG)
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
integrierter Konzern Im Eisenbahnsektor kann ein Unternehmen als integrierter Konzern sowohl Eisenbahnverkehrs- (EVU) als auch Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) umfassen. So vereint bspw. der Deutsche Bahn AG Konzern als integrierter Konzern unter dem Dach einer Holding mehrere EVU und EIU.
Systemhalt Als Systemhalt wird derjenige Halt bzw. Bahnhof in einem Schienennetz bezeichnet, der im Rahmen eines Taktfahrplans in einem regelmäßigen Intervall (z. B. einmal pro Stunde, alle zwei Stunden) von Zügen einer Linie bedient wird. Der Begriff wird i. d. R. im Bereich des Schienenpersonenfernverkehrs verwendet.
Schienenpersonennahverkehr
Gemäß Regionalisierungsgesetz (RegG) § 2 handelt es sich bei einer auf der Schiene erbrachten Beförderungsdienstleistung um ein Angebot des Nahverkehrs, "wenn in der Mehrzahl der Beförderungsfälle [...] die gesamte Reiseweite 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit eine Stunde nicht übersteigt" [RegG, § 2]. Zur Erfüllung der Daseinsvorsorge wird der Schienenpersonennahverkehr (SPNV) von den Ländern bestellt und unterstützt. Der SPNV ist eine Sonderform des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Der ÖPNV ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert, der SPNV zusätzlich noch im Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG).
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.
Eigenwirtschaftlichkeit
Der Begriff der Eigenwirtschaftlichkeit beschreibt, im Sinne der Erbringung von Verkehrsdienstleistungen durch ein öffentliches Unternehmen, die alleinige Kostendeckung der dazu notwendigen finanziellen Aufwendungen durch Beförderungserlöse (Fahrscheinverkauf) und/oder Ausgleichs- bzw. Erstattungszahlungen (z. B. Subventionen). In Deutschland sind bspw. Verkehrsleistungen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nach § 8 Absatz 4 PBefG eigenwirtschaftlich zu erbringen.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Zugtrasse Unter dem Begriff Zugtrasse ist die zeitliche und räumliche Bereitstellung von Fahrwegkapazität zur planmäßigen und sicheren Durchführung einer Zugfahrt zwischen Quell- und Zielort nach vereinbarter Qualität zu verstehen.
Verkehrsleistung
Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter oder Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] oder Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?308238

Gedruckt am Samstag, 28. Januar 2023 02:14:55