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Das Wettbewerbsumfeld des europäischen Schienenpersonenfernverkehrs

Erstellt am: 01.04.2010 | Stand des Wissens: 03.07.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Betrachtet man die Marktanteile der einzelnen Verkehrsträger, hat die Eisenbahn in den vergangenen Jahrzehnten einen starken Bedeutungsverlust erlitten. Während die Schiene im Jahr 1970 noch für einen Anteil von 10 Prozent an der europäischen Personenverkehrsleistung im Landtransport verantwortlich zeichnete, betrug dieser 2015 nur noch 7,4 Prozent [EUKOM08c, S. 2; EUKOM17, S. 49].
Die Europäische Union hat den mangelnden Wettbewerb im Eisenbahnverkehr als eine wesentliche Ursache für die schlechte Anpassung der europäischen Bahnen an die Markterfordernisse und die daraus folgenden Marktanteilsverluste im intermodalen Wettbewerb identifiziert. Die grundlegende Strategie der Europäischen Kommission für die Revitalisierung der europäischen Eisenbahn ist, über die Schaffung eines intramodalen Wettbewerbs die intermodale Wettbewerbsfähigkeit des Systems Eisenbahn zu verbessern.
Auch wenn im Rahmen dieser Bestrebungen die Verkehrsleistung der Eisenbahn in Europa gewachsen ist, konnte sie über einen langen Zeitraum bei einer EU-weiten Betrachtung keine Marktanteile zurückgewinnen, wie die folgende Grafik für die Jahre 1995 bis 2015 veranschaulicht. Im dargestellten Zeitraum stieg die Verkehrsleistung der Eisenbahn von 350 auf 442 Milliarden Personenkilometer, was einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 1,2 Prozent entspricht und liegt damit ungefähr auf gleichem Niveau mit der jährlichen Steigerung des gesamten Personenverkehrsmarktes (1,1 Prozent). Der Anteil der Eisenbahn an der Personenverkehrsleistung konnte bei 6,7 Prozent gehalten werden (Abbildung 1). [EUKOM17]
Verkehrsleistung Personenverkehr EU-28.png
Abb. 1: Verkehrsleistung Personenverkehr EU-28, Modal-Split-Entwicklung (eigene Darstellung nach [EUKOM17, S. 48], Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Im Vergleich zur EU wurde in der Bundesrepublik Deutschland im selben Zeitraum ein Modal Split-Zuwachs im Personenverkehr von 0,8 auf insgesamt 7,8 Prozent verzeichnet [BMVI17q, S. 221 f.]. Jedoch hat sich im Gegensatz zum Personennah- und Güterverkehr im Bereich des Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) so gut wie kein intramodaler Wettbewerb entwickelt. Dort liegt der Marktanteil der Wettbewerber des Deutsche Bahn AG Konzern unter einem Prozent [BNetzA17a, S.21].
Damit unterscheidet sich die Situation in Deutschland teilweise deutlich von der Entwicklung in anderen europäischen Ländern. So sind mittlerweile in Tschechien zwei Wettbewerber der Staatsbahn Ceske drahy (CD) im eigenwirtschaftlichen SPFV auf der [bedeutenden] Korridorstrecke Praha - Ostrava aktiv [Hugh12, S. 33]. Einen radikalen Weg schlug Großbritannien ein. Dort wurde die ehemalige Staatsbahn in mehrere Unternehmen aufgeteilt und diese privatisiert. Seitdem sind dort eine Reihe von privatwirtschaftlichen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) im SPFV tätig [Puls14, S. 74 und 84 ff.].
Im "Liberalisierungsindex Bahn 2011" wurde der Liberalisierungsfortschritt im deutschen Schienenverkehr im europäischen Vergleich insgesamt positiv bewertet [IBM11, S. 52]. Dabei wurde jedoch festgestellt, dass die Hürden für etwaige private Wettbewerber im SPFV vor allem wirtschaftlicher Natur sind und weniger im administrativen Rahmen des SPFV-Marktes liegen [HaKo13, S. 105 f. und 109 f.]. Bemängelt wird die restriktive Vergabe von Rahmenverträgen für die Infrastrukturnutzung sowie die unvollständige Trennung von Netz und Betrieb [NEEMo13, S. 8 und 66 f.; HaKo13, S. 112].
Grenzverkehr
Im grenzüberschreitenden Verkehr setzen die Staatsbahnen bislang auf Kooperation, anstatt auf diesen Verbindungen in Konkurrenz zur Staatsbahn des jeweiligen Nachbarlandes zu treten. Beispiele hierfür sind die Verbindungen Stuttgart-Paris oder Frankfurt-Paris, bei denen die französische Staatsbahn Société Nationale des Chemins de fer Francais (SNCF) mit der DB Fernverkehr AG zusammenarbeitet oder auch das Unternehmen Thalys International (Sitz in Brüssel). Dieses verkehrt im grenzüberschreitenden Hochgeschwindigkeitsverkehr zwischen Amsterdam, Köln und Brüssel und befindet sich im Eigentum der SNCF und der Société Nationale des Chemins de fer Belges (SNCB). [DBAG07ad; MON09, S. 71]
Obwohl zahlreiche EU-Verordnungen der letzten Jahre darauf abzielten, den eigenen Markteinstieg in ausländische Netze zu erleichtern, schätzt die DB Fernverkehr AG, dass auch in Zukunft bei grenzüberschreitenden Angeboten Kooperationen mit den EVU des jeweiligen Landes einen Vorteil gegenüber einem eigenständigen Angebot bieten. Vor allem kann dabei auf lokale Ressourcen hinsichtlich der betrieblichen Administration sowie des Notfall- und Sicherheitsmanagements zurückgegriffen werden [Zöll11, S. 7 ff.].
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Der Markt des Schienenpersonenfernverkehrs (Stand des Wissens: 12.07.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?308244
Literatur
[BMVI17q] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Verkehr in Zahlen 2017/2018, Ausgabe/Auflage 46. Jahrgang, 2017, ISBN/ISSN ISBN 978-3-87154-617-4
[BNetzA17a] Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen Marktuntersuchung Eisenbahnen 2017 - Bundesnetzagentur, Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen, 2017/12
[DBAG07ad] Schumacher, Oliver Deutsche Bahn übernimmt Anteil bei Thalys International, 2007/06/07
[EUKOM08c] Europäische Gemeinschaften (Hrsg.) Modern rail - modern Europe
Towards an integrated European railway area, Office for Official Publications of the European Communities, Luxembourg, 2008/09, ISBN/ISSN 978-92-79-07608-4
[EUKOM17] Europäische Kommission (Hrsg.) EU Transport in Figures - Statistical Pocketbook 2017, Publications Office of the European Union / Luxembourg, 2017, ISBN/ISSN ISBN 978-92-79-62311-0
[HaKo13] Haucap, Justus, Kollmann, Dagmar, Nöcker, Thomas, Westerwelle, Angelika Bahn 2013: Reform zügig umsetzen! - Sondergutachten 64, Bonn, 2013/06
[Hugh12] Hughes, Murray Inter-city rivals break cover, veröffentlicht in Railway Gazette International, Ausgabe/Auflage 01/2012, Reed Business Publ., Sutton Surrey (UK), 2012/01, ISBN/ISSN 0373-5346
[IBM11] IBM Business Consulting Services, Kirchner, Christian, Prof. Dr. iur. Dr. rer. pol. Liberalisierungsindex Bahn 2011 - Marktöffnung: Eisenbahnmärkte der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, der Schweiz und Norwegens im Vergleich, 2011/04/20
[MON09] Monopolkommission Sondergutachten 55: Bahn 2009: Wettbewerb erfordert Weichenstellung, Nomos Verlagsgesellschaft / Baden-Baden , 2009
[NEEMo13] Dr. Engelbert Recker, mofair e. V., Ludolf Kerkeling, NEE Wettbewerber-Report Eisenbahn 2013/2014, 2013/11
[Puls14] Puls, Thomas Markt und Staat im Schienenverkehr, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Köln, 2014/02/06
[Zöll11] Zöll, Dieter Grenzüberschreitender Betrieb der Fernverkehrszüge, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 10/2011, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2011/10, ISBN/ISSN 0948-7263
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
Hochgeschwindigkeitsverkehr Als Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) werden Zugfahrten von Trieb[wagen]zügen (sog. Hochgeschwindigkeitszüge) bzw. dafür geeigneten lokbespannten Zügen mit mehr als 200 km/h Spitzengeschwindigkeit auf extra dafür [um]gebauten HGV-Strecken bezeichnet.
Modal Split Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen Entscheidungen von Unternehmen.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.
EU-28
Bis Ende 2006 hatte Europäische Union (EU) 25 Mitgliedsstaaten (EU-25). Mit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens wurde sie ab dem 1. Januar 2007 zur EU-27 erweitert. Seit dem 1. Juli 2013 ist Kroatien der 28. Mitgliedsstaat der EU. Seitdem werden die Mitglieder der Union in ihrer Gesamtheit auch als "EU-28-Staaten" oder "EU-28" bezeichnet.
  1. Belgien (BE)
  2. Bulgarien (BG, seit 01.01.2007, EU-27)
  3. Dänemark (DK)
  4. Deutschland (DE)
  5. Estland (EE)
  6. Finnland (FI)
  7. Frankreich (FR)
  8. Griechenland (GR)
  9. Irland (IE)
  10. Italien (IT)
  11. Kroatien (HR, seit 01.07.2013, EU-28)
  12. Lettland (LV)
  13. Litauen (LT)
  14. Luxemburg (LU)
  15. Malta (MT)
  16. Niederlande (NL)
  17. Österreich (AT)
  18. Polen (PL)
  19. Portugal (PT)
  20. Rumänien (RO, seit 01.01.2007, EU-27)
  21. Schweden (SE)
  22. Slowakei (SK)
  23. Slowenien (SI)
  24. Spanien (ES)
  25. Tschechien (CZ)
  26. Ungarn (HU)
  27. Vereinigtes Königreich (GB)
  28. Zypern (CY)
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?308124

Gedruckt am Montag, 20. Mai 2019 10:40:24