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Wettbewerbssituation im europäischen Schienengüterverkehr

Erstellt am: 31.03.2010 | Stand des Wissens: 22.09.2016
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. T. Blecker

Vor der Liberalisierung wurden die nationalen Märkte durch die (klassischen) Staatsbahnen dominiert. Weitere Anbieter gab es lediglich in einzelnen Bereichen mit stark eingeschränkten, regionalen Funktionen. Die Angebotsqualität des Gesamtsystems wurde von Kunden allgemein als unzureichend bewertet, so dass die Bahn massiv Marktanteile verlor. Diese Verluste beziehungsweise der anhaltend niedrige Anteil des Schienengüterverkehrs (SGV) am europäischen und deutschen Güterverkehrsmarkt sind hauptsächlich auf die ungleichen Bedingungen im Wettbewerb mit dem Güterkraftverkehr (zum Beispiel hohe Nutzungsentgelte für die Bahn), die Liberalisierung des Verkehrssektors (vor allem starker Wettbewerb im Straßengüterverkehr) und auf den Güterstruktur- sowie Logistikeffekt (Verlust von Massengütertransporten, mangelnde Flexibilität des SGV) zurückzuführen. [VDV16]

Aus diesen Gründen hat sich in der Bundesrepublik Deutschland der Modal-Split-Anteil der Bahn an der Güterverkehrsleistung von Anfang der 1950er bis Anfang der 1990er Jahre - ausgehend von einem Marktanteil von rund 45 Prozent - mehr als halbiert. Erst im Zuge der 1993 eingeleiteten Bahnreform konnte sich die Marktposition des deutschen SGV im intermodalen Wettbewerb weitestgehend stabilisieren. Seitdem hat sich die Güterverkehrsleistung bis 2015 auf 114,3 Milliarden Tonnenkilometer fast verdoppelt [Stat15j]. Der Anteil am Modal Split liegt seit der Bahnreform in den 1990ern kontinuierlich bei 15 bis 16 Prozent [BMVI14h].

Ziel der - vornehmlich durch die Europäische Union vorangetriebenen - Marktliberalisierung war und ist es, den intramodalen Wettbewerb und damit einhergehend eine höhere Kundenorientierung und ein besseres Leistungsangebot zu fördern. Es folgt damit dem ökologisch motivierten übergeordneten Ziel einer Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene, das heißt einer Stärkung der Bahn im intermodalen Wettbewerb [Röss09]. Als Beispiel hierfür kann die Zukunftsinitiative "5 L" genannt werden. Diese hat 2012 unter wissenschaftlicher Begleitung der TU Dresden und TU Berlin das "Weißbuch innovativer Eisenbahngüterwagen 2030" erarbeitet; darin beschreibt sie die Möglichkeiten zur Steigerung der Wettbewerbsposition des SGV durch die Optimierung von Eisenbahngüterwagen unter Berücksichtigung von Wirtschaftlichkeit und Umweltzielen [KoHe12].

Umfang und Geschwindigkeit der Marktöffnung und damit auch der heutige Stand unterliegen jedoch starken nationalen Unterschieden. Einige Länder verfolgen eine sehr wettbewerbsorientierte Politik; hier nutzt bereits eine Vielzahl von in- und ausländischen Unternehmen die Eisenbahninfrastruktur [Lenn09a, S. 37 ff.]. Im deutschen Markt konnten beispielsweise die Wettbewerber der Deutsche Bahn Konzern AG ihren Anteil an der Verkehrsleistung seit 2000 unablässig steigern. Er lag 2015 bei 33,6 Prozent [MoNe15, S. 80]. Bei diesen Wettbewerbern ist jedoch eine Marktkonsolidierung zu beobachten, in der die Staatsbahnen verschiedener Länder erfolgreiche private Wettbewerber übernehmen. Daraus lässt sich schließen, dass sich seit mehreren Jahren ein Trend hin zu einem Oligopol abzeichnet [Röss09, S. 584 ff.; Lore10, S. 8 ff.].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. T. Blecker
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Der Markt des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 13.08.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?307323
Literatur
[BMVBS09g] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin Verkehr in Zahlen 2009/2010, Ausgabe/Auflage 38. Jahrgang, DVV Media Group GmbH / Hamburg, 2009/10, ISBN/ISSN 978-3-87154-407-1
[BMVBS13y] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin Verkehr in Zahlen 2013/2014, Ausgabe/Auflage 42. Jahrgang, DVV Media Group GmbH / Hamburg, 2013, ISBN/ISSN 978-3-87154-493-4
[BMVI14h] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Verkehr in Zahlen 2014/15, Ausgabe/Auflage 43. Jahrgang, DVV Media Group GmbH / Hamburg, 2014, ISBN/ISSN 978-3-87154-493-4
[DB13a] Miram, F., Boeckh, R. Wettbewerbsbericht 2013, Berlin, 2013/03
[EUKOM01] k.A. Weissbuch - Die europäische Verkehrspolitik bis 2010: Weichenstellung für die Zukunft, Brüssel, 2001, ISBN/ISSN 92-894-0339-X
[EUKom11a] Europäische Kommission WEISSBUCH - Fahrplan zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum - Hin zu einem wettbewerbsorientierten und ressourcenschonenden Verkehrssystem, Brüssel, 2011/03/28
[KoHe12] Univ.-Prof. Dr.-Ing. Rainer König, Univ.-Prof. Dr.-Ing. Markus Hecht Weissbuch Innovativer Eisenbahngüterwagen 2030, Ausgabe/Auflage - / 1., - / Dresden, 2012/09, ISBN/ISSN 978-3-00-039376-1
[Lenn09a] Lennarz, Georg Der Zukunftsmarkt Internationaler Schienengüterverkehr - Verbände knüpfen Netzwerke, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 09/09, Eisenbahn-Fachverlag GmbH Mainz , 2009/09, ISBN/ISSN 0948-7263
[Lore10] Lorenz, Claudia, Dr. Mehr Wettbewerb in den Verkehrsmärkten, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 08/2010, Eisenbahn-Fachverlag GmbH / Mainz , 2010/08, ISBN/ISSN 0948-7263
[MoNe15] mofair e.V., Netzwerk Europäischer Eisenbahnen e.V. (Hrsg.) Wettbewerber-Report
Eisenbahn 2015/2016, 2015/10/20
[Röss09] Rössler, Thomas, Dr. Struktureller Wandel des Wettbewerbs - Quo vadis Schienenverkehr?, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 11/09, Minirex AG / Luzern (Schweiz), 2009/11, ISBN/ISSN 1421-2811
[SGKV09] o. A. Rundschreiben 02/2009, 2009/02
[Stat15j] Statista (Hrsg.) Transportleistung von Eisenbahnen im Güterverkehr in Deutschland von 2002 bis 2017, 2016/02/16
[VDV16] VDV Die Verkehrsunternehmen Liberalisierung im Schinenegüterverkehr, 2016/01/01
Weiterführende Literatur
[DBAG12g] Miram, F. und Boeckh, R. Wettbewerbsbericht 2012, 2012/06
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
tkm tkm = Tonnenkilometer Die Einheit Tonnenkilometer [tkm] beschreibt die im Rahmen einer Güterbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Gütermenge (Summe der beförderten Güter in Tonnen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km. Verkehrsarbeit [tkm] = Gütermenge [t] * Wegstrecke [km]
Modal Split Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen Entscheidungen von Unternehmen.
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?307132

Gedruckt am Montag, 18. November 2019 18:27:13