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Akteure im Schienengüterverkehr

Erstellt am: 31.03.2010 | Stand des Wissens: 05.07.2019
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. T. Blecker

An der Leistungserstellung im Schienengüterverkehr (SGV) sind eine Reihe von Akteuren mit verschieden definierten Aufgaben beteiligt. Diese lassen sich nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG idF v.12.09.2012) grundsätzlich in die Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) und Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) unterteilen (MeSe13, S. 167). Es handelt sich dabei um öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die in der Rolle eines Akteurs mit anderen Akteuren interagieren (MeSe13, S.167). Eisenbahnen lassen sich zudem hinsichtlich ihres Eigentumsverhältnisses und des Zugriffs zu ihren angebotenen Leistungen einteilen (MeSe13, S. 167).
Die wichtigsten Akteure des Schienengüterverkehrs sind nach Lennarz [Lenn09, S. 41] sowie Fabian et al. [MeSe13, S. 167-169] folgend aufgeführt:
  • Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU)
  • Weitere Infrastrukturbetreiber (Strecken, Bahnhöfe, Terminals und andere)
  • Speditionen
  • Operateure des Kombinierten Verkehrs
  • Transportkunden mit eigenen Eisenbahnen und Speditionen
  • Reedereien
  • Hersteller von Güterwagen/ Lokomotiven
  • Fahrzeug- bzw. Lokpools
  • Umschlagbetriebe
  • Werkstätten/ mobile Instandhaltung
  • Personaldienstleister
  • IT-, Beratungs-, Versicherungs- und Finanzierungsunternehmen
Geschäftszweck der im SGV tätigen EVU ist das Erbringen von Verkehrsleistungen [Stoe10, S. 29]. Die Betätigungsfelder können grundsätzlich die Bedienung von Gleisanschlüssen und Terminals, Zugbildung und Zugauflösungen für andere Eisenbahnen, Transporte im Nahbereich, (Inter-) nationale Fernverkehre, logistische Leistungen für den Bahntransport und die Bereitstellung weiterer Serviceleistungen für andere Eisenbahnen sein [Lenn09, S. 41; Stoe10, S. 29].
Alternativ können die Akteure im SGV nach der Transportleistung eingeteilt werden. Die Einteilung basiert auf einer Befragung der Mitgliedsunternehmen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Abbildung 1 zeigt eine vereinfachte Darstellung der vier häufigsten Geschäftsmodelle der im SGV tätigen EVU. Sie beschreibt das Verhältnis der Menge der vorhandenen Produktionsarten, zum Beispiel Einzelwagenverkehr oder Ganzzugverkehr und der Relationsweite, wie beispielsweise der geografischen Reichweite.

VierGeschaeftsmodelle.jpgAbbildung 1: Die vier häufigsten Geschäftsmodelltypen der Güterbahnen in der Bundesrepublik Deutschland [in Anlehnung an Waib08] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Die häufigsten Geschäftsmodelle sind demnach der Relationsartenspezialist-Regionalverkehr, der Produktionsartenspezialist-Ganzzugverkehr, der Minimalist-Nahverkehr und der Relationsartenspezialist Nahverkehr. Der Relationsartenspezialist-Regionalverkehr besteht aus regionalen Sammel- und Verteilverkehren, meistens im Anschluss oder Vorlauf zu Langstreckenverkehren. Er spezialisiert sich auf wenige Branchen und bietet wenig Zusatzleistungen an. Der Produktionsartenspezialist-Ganzzugverkehre hat eine Branchenspezialisierung und koordiniert die Vor-und Nachläufe von Ganzzügen, unabhängig von der geografischen Reichweite mit dem Relationsartenspezialist-Regionalverkehr. Der Eigenleistungsallrounder bietet ein breites Produktionsspektrum an und ist oftmals in der Lage deutschlandweite oder internationale Transportnetzwerke abzubilden [Waib08, S. 16 f.].

Die Rolle der Bahnspeditionen hat sich mit der Liberalisierung im Schienengüterverkehr stark gewandelt. Hatten sie bis zur Fusion der ehemaligen Staatsbahnen Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn oftmals noch direkte Kontakte zu den Verladern, da sie ausschließlich Ihre Angebote nutzen konnten, so ergaben sich nach der Reformation neue Möglichkeiten [Beck09a, S. 6]. Im liberalisierten Bahnmarkt übernehmen die Bahnspeditionen, wie beispielsweise in Deutschland Kühne+Nagel oder Rhenus, im Wesentlichen zwei Funktionen. Sowohl die Betreuung und Bündelung der Transporte kleiner und mittlerer Verlader als auch die Schaffung wirtschaftlicher Transportleistungen auf der Schiene unter Einbindung verschiedener EVU. Außerdem organisieren und koordinieren sie viele kleine EVU mit dem Ziel überregionale Transportnetzwerke aufzubauen [Beck09a, S. 6].

Die Operateure im Kombinierten Verkehr (KV) organisieren und vermarkten den Hauptlauf auf der Schiene, indem sie bei EVU ganze Züge bestellen und die Stellplätze einzeln vermarkten [UIRR09]. Auf diese Weise bieten sie den Speditionen und Verladern teilweise sehr große Netzwerke an. Traditionell halten EVU und Spediteure Anteile an vielen der Operateure [Klot13].

Da der Kauf neuer Lokomotiven mit teilweise langen Lieferzeiten und hohen Investitionen verbunden ist und dies mit kurzfristigen Transportaufträgen von privaten EVU nicht zu vereinbaren ist, hat sich seit Anfang der Nullerjahre ein Markt für das Lok-Leasing bzw. die Lok-Vermietung herausgebildet. Dabei haben sich sog. Pool-Modelle etabliert und bewährt. Als Lokpools werden Konzepte bezeichnet, bei denen Investoren Lokomotiven beschaffen und diese an potenzielle Nutzer vermieten oder verleasen. Unter dieser Definition fallen gleichfalls Pool-Modelle, bei denen die Lokomotiven durch den Hersteller vermietet beziehungsweise verleast werden (zum Beispiel Vossloh Locomotives). Ergänzt wird das Kerngeschäft häufig durch Serviceleistungen rund um das Triebfahrzeug und die Bereitstellung von qualifiziertem Personal. Namhafte Marktteilnehmer im Bereich der Lokpools in Europa sind zum Beispiel Mitsui Rail Capital Europe GmbH, München (MRCE) oder auch die führenden Lokpool-Anbieter im Bereich von Diesellokomotiven Alpha Trains, Luxemburg und Akiem, Clichy (Vermiettochter SNCF) [BjSu00, S. 2; Bern01, S. 339; Hörs08; Rich14a, S. 10 ff.].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. T. Blecker
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Der Markt des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 13.08.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?307323
Technische und organisatorische Rahmenbedingungen des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 24.09.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337416
Literatur
[Beck09a] Becker, Klaus Georg Marktchancen einer mittelständischen Bahnspedition, veröffentlicht in Rail Business, DVV Media Group GmbH / Hamburg , 2009/05, ISBN/ISSN 1867-2728
[Bern01] Berndt, Thomas, Prof. Dr.-Ing. Eisenbahngüterverkehr, Ausgabe/Auflage 1, Verlag B.G. Teubner / Stuttgart, 2001, ISBN/ISSN 3-519-06387-5
[BjSu00] Bjelicic, Borislav, Prof. Dr., Sudhölter, Carsten The Global Transport Market. A tremendous investment opportunity., Frankfurt / Main, 2000/12
[Hörs08] Hörstel, Jürgen Loks im Pool, veröffentlicht in Eisenbahn Magazin, Ausgabe/Auflage 07/2008, Alba Fachverlag GmbH & Co. KG / Meersbusch, 2008/07, ISBN/ISSN 0342-1902
[Klot13] Klotz, Heinrich Kombi-Operateure in Europa 2013, veröffentlicht in Deutsche Verkehrszeitung, Ausgabe/Auflage 14/05/2013 Themenheft Kombinierter Verkehr, Deutscher Verkehrs-Verlag GmbH / Hamburg, 2013/05/14, ISBN/ISSN 0342-166X
[Lenn09] Lennarz, Georg Leistungsvielfalt auf der Schiene, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 02/2009, Alba Fachverlag / Düsseldorf, 2009, ISBN/ISSN 1610-5273
[MeSe13] Fabian Meier, Julia Sender, Robert Voll Schienengüterverkehr, veröffentlicht in Verkehrs- und Transportlogistik, Ausgabe/Auflage 2. Auflage, Springer-Vieweg Verlag Berlin Heidelberg, 2013, ISBN/ISSN 978-3-540-34298-4
[Rich14a] Richter, K. A. Vossloh und Alpha Trains führen das Feld an, veröffentlicht in Railbusiness, Ausgabe/Auflage 34, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2014/08/18, ISBN/ISSN 1867-2728
[Stoe10] Stölzle, Wolfgang Güterverkehr kompakt, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München, 2010
[UIRR09] o. A. Kombinierter Verkehr Schiene-Straße - Definition, Akteure, Vorteile, 2009/03/19
[Waib08] Waibel, Florian, Dr. Welche Geschäftsmodelle sollten private Güterbahnen verfolgen?, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 02/2008, Alba Fachverlag / Düsseldorf , 2008, ISBN/ISSN 1610- 5273
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
Verlader Der Verlader ist derjenige Teilnehmer in der Transportkette, der die Ladung/Transportgut erstmals aufgibt. Unter einem Verlader versteht man ein Unternehmen, das Logistikdienstleistungen (Transport, Verladen etc.) bei einem Logistikdienstleister in Auftrag gibt.
Hauptlauf Unter dem Hauptlauf ist im Kombinierten Verkehr der gebündelte Transport von Ladeeinheiten zwischen zwei Umschlagpunkten zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Transportmittel. Transporte vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger werden als Vor- bzw. Nachlauf bezeichnet.
Allgemeines Eisenbahngesetz
Das Allgemeine Eisenbahngesetz (AEG) regelt eine Vielzahl von Einzelheiten des öffentlichen Eisenbahnverkehrs und gilt für Eisenbahnen, nicht jedoch für Magnetschwebebahnen, Straßenbahnen und die nach ihrer Bau- oder Betriebsweise ähnlichen Bahnen (zum Beispiel Bergbahnen).
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Instandhaltung
Im Kontext des Erhaltungsmanagements bezeichnen die Begriffe "Instandhaltung" und "bauliche Unterhaltung" bauliche Maßnahmen kleineren Umfangs zur Substanzerhaltung von Verkehrsflächen, die mit geringem Aufwand in der Regel sofort nach Auftreten eines örtlich begrenzten Schadens ausgeführt werden.
Vor- und Nachlauf Unter Vor- und Nachlauf sind im Kombinierten Verkehr Transporte der Ladeeinheit vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Verkehrsmittel. Der Transport zwischen zwei Umschlagpunkten wird als Hauptlauf bezeichnet.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Spediteur Spediteure fungieren als Intermediäre zwischen Versender und Transporteur bzw. Frachtführer. Sie „besorgen” den Transport. Hierunter fallen insbesondere die Festlegung auf Verkehrsmittel und die Beauftragung ausführender Unternehmen.
Verkehrsleistung
Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter oder Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] oder Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?307089

Gedruckt am Samstag, 28. Mai 2022 01:09:07