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Marktsegmente und Produktkategorien im Schienengüterverkehr

Erstellt am: 30.03.2010 | Stand des Wissens: 13.03.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Die Abwicklung des Schienengüterverkehrs (SGV) erfolgt in den drei Produktkategorien Ganzzugverkehr, Einzelwagenverkehr (EWV) und Kombinierter Verkehr (KV). Der Einzelwagen- und der Ganzzugverkehr wurden bis 2006 von der DB Schenker Rail als Wagenladungsverkehr zusammengefasst, sie werden aber schon seit 2000 statistisch differenziert [SiSt12, S. 10 ff.]. Beim KV kommen intermodale Transporteinheiten zum Einsatz. Hierbei handelt es sich um (unter anderem nach ISO) genormte Container, Wechselbehälter und Sattelauflieger.
In einem Ganzzug gehört das gesamte transportierte Gut zu einer Sendung. Er verkehrt direkt zwischen Versender und Empfänger ohne Zwischenbehandlung, wie zum Beispiel einem Wagenaustausch mit anderen Zügen. Dabei erfolgt gegebenenfalls lediglich ein Wechsel der Traktion (Lokomotive), zum Beispiel an Ländergrenzen oder am Übergang zwischen elektrifizierten und nicht-elektrifizierten Streckenabschnitten. Da nur eine Sendung vom Versender zum Empfänger in einem Ganzzug transportiert wird, muss diese so groß sein, dass die spezifischen Kosten pro Tonne Ladegut auf dieser Relation günstiger sind als im EWV oder beim Konkurrent Binnenschiff. Das ist zum Beispiel bei Massengütern wie Kohle, Baustoffen, Mineralölprodukten, Rohstoffen und Produkten der metallverarbeitenden Industrie häufig der Fall. Die genannten Branchen verfügen daher in der Regel weiterhin über passende Gleis- und Verladeanlagen. Der Vorteil des Ganzzuges liegt also darin, derartige große Mengen kostengünstig und vergleichsweise schnell transportieren zu können.
Beim Einzelwagenverkehr werden Sendungen verschiedener Versender, die aus Einzelwagen oder Wagengruppen bestehen, über ein mehrstufiges System über verschiedene Knotenpunkte im Netz gebündelt, bis sie schließlich in einem überregionalen Zug eine größere Distanz zurücklegen. Danach erfolgt der gleiche Prozess in umgekehrter Reihenfolge, so dass die Wagen oder Wagengruppen den jeweiligen Empfängern zugestellt werden. Dieser Sammel- und Verteilprozess ist sehr zeit- und ressourcenaufwendig und damit auch vergleichsweise teuer. Die Laufzeiten einer Sendung sind länger als beim Ganzzug. Dafür können auch Kunden mit kleineren Einzelsendungen (ein Wagen oder eine Wagengruppe) und einem unregelmäßigeren Sendungsaufkommen, für die ein Ganzzug nicht in Frage kommt, daran teilhaben.
Beim Kombinierten Verkehr kommen mehrere Verkehrsträger zum Einsatz. Innerhalb der Transportkette kommt es nur zu Umschlägen der gesamten intermodalen Transporteinheit zwischen den Verkehrsträgern, die Ladung selbst wird nicht angefasst. Durch die Einbindung von Lkw für den Vor- oder Nachlauf vom Versender beziehungsweise zum Empfänger wird gegenüber den anderen Produktionssystemen eine höhere (Markt-)Erschließung erreicht.
SGV Gruppen.PNGAbb. 1: Hauptgütergruppen, Aufkommensanteile und Wettbewerbsfelder der drei SGV-Produktionssysteme in Europa (eigene Darstellung nach [UIC10, S. 3])
Tabelle 1 gibt eine Übersicht über die Anteile der einzelnen Produktionssysteme auf dem europäischen Markt. Der Wagenladungsverkehr erzielt hier mit ca. 50 % den höchsten Wert, gefolgt vom Ganzzugverkehr mit ca. 35 %. Der Kombinierte Verkehr besitzt mit ca. 15 % den kleinsten Anteil [UIC10, S. 3].
In der Bundesrepublik Deutschland hat hingegen der Ganzzug die größte Verbreitung, wie Abbildung 1 zeigt. Der Kombinierte Verkehr konnte in den vergangenen Jahren deutlich an Anteilen gewinnen, während der Einzelwagenverkehr mit seit einigen Jahren sinkender Transportleistung und damit einhergehenden Marktanteilseinbußen zu kämpfen hat. Der Sammelbegriff des Wagenladungsverkehrs wird seit 2000 in Ganzzug- und Einzelwagenverkehre unterschieden. [SiSt12, S. 10 ff.]
Abb. 1: Entwicklung der Teilsysteme des SGV in Deutschland in Mrd. tkmAbbildung 1: Entwicklung der Teilsysteme des SGV in Deutschland in Mrd. tkm bis 2010 [SiSt12, S. 11] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Der Markt des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 13.08.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?307323
Zukünftige Entwicklung des Einzelwagenverkehrs in Deutschland und der Europäischen Union (Stand des Wissens: 22.01.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?390508
Literatur
[SiSt12] Siegmann, Jürgen, Stuhr, Helge Hat der Einzelwagenverkehr (EV) in Europa noch eine Chance?, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 3/2012, DVV Media Group GmbH/ Hamburg , 2012/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[UIC10] o. A. Xrail - The European Wagonload Alliance, Zürich, 2010/02/18
Weiterführende Literatur
[NiPa09] Nikutta, Sigrid, Pahl, Mirko Das Produktionssystem im Schienengüterverkehr - Schlanke Produktionsstrukturen in vernetzten Systemen, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 02/09, Bahn Fachverlag / Berlin, 2009/02, ISBN/ISSN 0948-7263
[BAG08a] Bundesamt für Güterverkehr (BAG) Marktbeobachtung Güterverkehr - Strukturentwicklungen auf dem Schienengüterverkehrsmarkt, Köln, 2008
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Traktion Unter Traktion versteht man im Schienenverkehrsbereich die kraftgetriebene Fortbewegung von Triebfahrzeugen. Bei der Art des Antriebssystems unterscheidet man heutzutage i. d. R. Triebfahrzeuge mit dieselelektrischen oder -hydraulischen bzw. rein elektrischen Aggregaten zur Kraftübertragung (auch: Diesel- bzw. Elektrotraktion).  Die Traktionsart Dampf wird hierzulande nur noch im Bereich von Museumsbahnen eingesetzt. Mehrere gekoppelte Triebfahrzeuge bilden eine sog. Mehrfachtraktion. Üblicherweise werden diese nach der Anzahl der eingesetzten Triebfahrzeuge benannt (z. B. Doppel- oder Dreifachtraktion).
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
tkm tkm = Tonnenkilometer Die Einheit Tonnenkilometer [tkm] beschreibt die im Rahmen einer Güterbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Gütermenge (Summe der beförderten Güter in Tonnen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km. Verkehrsarbeit [tkm] = Gütermenge [t] * Wegstrecke [km]
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Vor- und Nachlauf Unter Vor- und Nachlauf sind im Kombinierten Verkehr Transporte der Ladeeinheit vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Verkehrsmittel. Der Transport zwischen zwei Umschlagpunkten wird als Hauptlauf bezeichnet.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Versender Versender (auch Verlader genannt) sind Unternehmen, die Transportleistungen und verwandte logistische Dienstleistungen für ihre Sendungen nachfragen.
Sattelauflieger Ein motorloses Fahrzeug für den Güterverkehr, das dazu bestimmt ist, so an eine Zugmaschine angekuppelt zu werden, dass ein wesentlicher Teil seines Gewichts und seiner Ladung von diesem Kraftfahrzeug getragen wird. Eine Anpassung der Sattelanhäger für die Verwendung im Kombinierten Verkehr kann erforderlich sein. Der Begriff Sattelanhänger wird im FIS synonym verwendet.
Wechselbehälter Ein für den Gütertransport bestimmter Behälter, der im Hinblick auf die Abmessungen von Straßenfahrzeugen optimiert wurde und mit Greifkanten für den Umschlag zwischen den Verkehrsmitteln - in der Regel Straße-Schiene - ausgestattet ist. Gebräuchlich sind Behälter mit Längen von 7 m (Klasse C) und 13 m (Klasse A).
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.
Transportkette
Nach DIN 30781 eine Folge von technisch und organisatorisch miteinander verknüpften Vorgängen, bei denen Personen oder Güter von einer Quelle zu einem Ziel bewegt werden, im weiteren Sinne alle Transferprozesse zwischen Quelle und Senke.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?305566

Gedruckt am Mittwoch, 23. Oktober 2019 01:38:08