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Umfangsparameter eines PPP-Projekts

Erstellt am: 14.03.2010 | Stand des Wissens: 28.11.2019
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Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers

Projektgröße:

Vor der Realisierung eines Infrastrukturvorhabens als PPP-Projekt ist dessen Größe festzulegen. Speziell bei Netzinfrastrukturen wie z. B. Straßen oder Schienen können bei einer großen räumlichen Ausdehnung unter Umständen Skaleneffekte realisiert werden, wobei dies insbesondere bei einer Einbeziehung des Betriebs in ein PPP-Projekt relevant sein dürfte. Doch auch bei PPP-Projekten im öffentlichen Hochbau kann ein relativ hohes Projektvolumen zu einer Steigerung der Kosteneffizienz beitragen. Vor allem die bei PPP-Projekten auftretenden Transaktionskosten zur Vorbereitung und Vergabe der Projekte werden bei einem höheren Projektvolumen in der Regel nur unterproportional zunehmen, wodurch deren relativer Anteil reduziert werden kann[Vgl. für einen empirischen Beleg DuVä05, S. 18 ff.].

Andererseits gilt es bei der Festlegung des Projektzuschnitts zu beachten, dass ab einer gewissen Projektgröße unter Umständen die Umweltunsicherheit und / oder die Komplexität zunehmen können, was wiederum mit zusätzlichen Transaktionskosten und den beschriebenen Anreizproblemen infolge von Nachverhandlungen einhergehen kann. Weiterhin kann die Wettbewerbsintensität bei der Vergabe zurückgehen, da möglicherweise weniger Unternehmen in der Lage sind, die geforderte Leistung zu erbringen. Insgesamt ist die Projektgröße in Abhängigkeit der jeweiligen Projektcharakteristika unter Berücksichtigung der aufgezeigten Effekte festzulegen.


Projektlaufzeit:

Neben der Projektgröße ist auch die Laufzeit bzw. Vertragsdauer eines PPP-Projekts zu bestimmen. Bei Infrastrukturobjekten handelt es sich in der Regel um langlebige Güter. Infolgedessen liegt die gewählte Vertragslaufzeit bei einem PPP-Projekt häufig unter dessen Lebensdauer, so dass das Potenzial zur wertschöpfungsstufenübergreifenden Optimierung nur in einem eingeschränkten Maße ausgeschöpft wird. Um diesem Umstand entgegenzuwirken, könnte mit einer längeren Vertragslaufzeit der Betrachtungs- bzw. Optimierungshorizont des privaten Partners dem Lebenszyklus der Infrastruktur angenähert werden. Allerdings verstärken sich in diesem Fall auch die generellen Probleme, die mit langfristigen Verträgen einhergehen und beispielsweise aus der - bezogen auf die Vertragslaufzeit - höheren Umweltunsicherheit resultieren. Dies kann wiederum zusätzliche Transaktionskosten und Anreizprobleme aufgrund von Nachverhandlungen zur Folge haben.

Alternativ zu einer Verlängerung der Projektlaufzeit kann erwogen werden, dem privaten Partner am Ende der Vertragslaufzeit eine Kompensationszahlung zu gewähren, deren Höhe vom Zustand der Infrastruktur in Bezug auf die Substanzqualität abhängt. Damit könnten für den privaten Partner Anreize geschaffen werden, seinen Zeithorizont in Hinblick auf die Minimierung der Gesamtlebenszykluskosten über die Vertragsdauer hinaus zu erweitern, ohne dass die Umweltunsicherheit aufgrund einer längeren Vertragslaufzeit steigt. Hierfür wäre schon in den Ausschreibungs- und Vertragsunterlagen die Kompensationszahlung als Teil des Vergütungssystems vorzusehen und das Vorgehen zur Ermittlung des Kompensationsbetrags festzulegen. Voraussetzung für dieses Vorgehen ist die Möglichkeit, ein Verfahren zur Zustandsermittlung und monetären Bewertung in Form eines Restwertes festzulegen, welches sowohl vom privaten Partner als auch von der öffentlichen Hand akzeptiert wird und im Rahmen einer juristischen Auseinandersetzung nicht angreifbar ist.

Bei einzelnen Projekten im Hochbau können Anreize für eine adäquate Wahl der Substanzqualität im Hinblick auf die gesamte Lebensdauer der Infrastruktur auch implementiert werden, indem die Verwertung in den PPP-Vertrag integriert wird, da der private Partner in diesem Fall nach Vertragsende für die Weiternutzung der Infrastruktur bzw. für die Entscheidung darüber zuständig wäre.


Einbeziehung der Wertschöpfungsstufe Betrieb:

Ein weiterer zentraler Parameter ist die vertikale Tiefe des Projekts; insbesondere ist darüber zu entscheiden, ob die Aufgaben des Betriebs der Infrastruktur an den privaten Partner übertragen werden sollen. Die Einbeziehung des Betriebs in ein PPP-Projekt kann die Nutzung von Verbundvorteilen (Economies of Scope) ermöglichen, indem beispielsweise Erhaltungs- und Betriebsaufgaben durch den privaten Partner gebündelt durchgeführt werden. Dabei hängt das Ausmaß etwaiger Synergieeffekte von den Interdependenzen zwischen den einbezogenen Wertschöpfungsstufen ab. Neben positiven Interdependenzen, die eine Realisierung von Verbundvorteilen nahe legen, können auch negative wechselseitige Abhängigkeiten zwischen den Wertschöpfungsstufen eine (Mit-)Übertragung des Betriebs an den privaten Partner sinnvoll werden lassen, um Streitpotenzial zu reduzieren. Dies kann z. B. der Fall sein, wenn ein mangelhaft durchgeführter Betrieb die Kosten für die Erhaltung erhöht und Kontrahierungsprobleme hinsichtlich der Qualität der Betriebsleistung vorliegen.

Allerdings verlangt die Einbeziehung des Betriebs in ein PPP-Projekt häufig eine gewisse Mindestgröße, die für eine kosteneffiziente Durchführung erreicht werden sollte; dies gilt insbesondere bei Netzinfrastrukturen. Aus diesem Grund sollte im Bereich von Netzinfrastrukturen bei räumlich kleinen PPP-Projekten oftmals der Betrieb ausgeklammert und von der öffentlichen Hand in Eigenregie durchgeführt oder in Verbindung mit einer Erweiterung der Losgröße separat ausgeschrieben werden. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass eine Mitübertragung des Betriebs im Rahmen eines PPP-Projekts dazu führen kann, dass nicht unbedingt das effizienteste Betriebsunternehmen zum Zuge kommt, da dieses unter Umständen nicht im siegreichen Konsortium vertreten ist [Vgl. MaTi06, S. 2]. Ferner könnte durch die Einbeziehung des Betriebs in ein PPP-Projekt die Wettbewerbsintensität bei der Vergabe abnehmen, da möglicherweise nur eine geringe Anzahl an Unternehmen über Know-how zur Durchführung sowohl des Baus und der Erhaltung als auch des Betriebs verfügen. Zwar können sich Unternehmen, die sich in ihrem Know-how ergänzen, in einem Konsortium zusammenschließen, jedoch geht dies mit Transaktionskosten einher.

Vor dem Hintergrund der aufgezeigten Vor- und Nachteile sollte der Projektzuschnitt auch in Bezug auf die einbezogenen Wertschöpfungsstufen in Abhängigkeit der jeweiligen Projektcharakteristika erfolgen. Eine Option, die einen Kompromiss zwischen den dargelegten Vor- und Nachteilen darstellt, kann eine zunächst etwa 5-7-jährige Einbeziehung des Betriebs sein, bei der im Anschluss die Betriebsleistungen im Rahmen einer Ausschreibung neu vergeben werden. Diese Variante wird beispielsweise in den letzten Jahren bei einigen PPP-Projekten in Großbritannien angewandt [Vgl. NAO07a]. Allerdings besteht bei diesem Ansatz die Gefahr, dass das etablierte private Unternehmen aufgrund von bereits erworbenem Know-how einen erheblichen Vorteil bei der Neuausschreibung besitzt, was andere potenzielle Betriebsunternehmen von einer Angebotsabgabe abhalten könnte. Insofern besteht insbesondere bei Betriebsaufgaben, bei denen im Zeitablauf spezifisches Wissen erworben wird, die Gefahr einer geringen Wettbewerbsintensität bei Folgeausschreibungen von Betriebsleistungen.
Ansprechpartner
Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Potenziale und Erfolgsfaktoren des PPP-Ansatzes (Stand des Wissens: 28.11.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?294833
Literatur
[DuVä05] Dudkin, G., Välilä, T. Transaction Costs In Public-Private Partnerships: A First Look At The Evidence, veröffentlicht in Economic and Financial Report 2005/03, 2005
[MaTi06] Maskin, E., Tirole, J. Public-Private Partnerships and Government Spending Limits, 2006
[NAO07a] National Audit Office Improving the PFI tendering process, 2007
Glossar
Economies of Scale Economies of Scale treten auf, wenn die Produktionskosten pro hergestellter Einheit mit zunehmender Produktionsmenge abnehmen.
Betriebsleistung
Die Betriebsleistung ist eine Kennzahl für den Umfang eines bestehenden Schienenverkehrsangebots bezogen auf eine bestimmte Bezugsperiode (z. B. ein Jahr). Sie definiert sich als Produkt einer Verkehrsmenge (Summe eingesetzter Züge, Wagen, Fahrzeuge oder Sitzplätze) und der von ihr zurückgelegten Wegstrecke in km je betrachteter Zeiteinheit.
Betriebsleistung = (Verkehrsmenge * Wegstrecke) / Bezugsperiode
Gebräuchliche Einheiten für die Betriebsleistung sind Zugkilometer [Zugkm], Fahrzeugkilometer [Fzgkm] oder Sitzplatzkilometer pro Jahr (z. B. [Zugkm/a]).
Economies of Scope
Economies of Scope sind Verbundeffekte beziehungsweise Synergieeffekte, die entstehen, wenn die Kosten für die gemeinsame Betreuung zweier zusammengeführter Segmente in einem Unternehmen niedriger ist als die zweier voneinander isolierter Segmente.
PPP Public Private Partnership beschreibt Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Unternehmen. Normalerweise findet diese über eine Kapitalverflechtung bei den auszuführenden Projekten statt. Eine Gewinnerzielung ist durchaus erwünscht, um Anreize für das private Unternehmen zu schaffen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?292177

Gedruckt am Dienstag, 25. Februar 2020 15:52:33