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Entwicklung der Binnenschifffahrt in Deutschland

Erstellt am: 13.03.2010 | Stand des Wissens: 08.01.2021
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Das Güterverkehrsaufkommen der Binnenschifffahrt in Deutschland hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten kaum verändert (vergleiche Abbildung 1). Im Jahr 1992 wurden insgesamt rund 230 Millionen Tonnen Güter mit Binnenschiffen transportiert, im Jahr 2008 lag das Verkehrsaufkommen der Binnenschifffahrt bei circa 245 Millionen Tonnen. Bedingt durch die Wirtschaftskrise sank das Aufkommen im Jahr 2009 auf etwa 200 Millionen Tonnen, stabilisierte sich anschließend jedoch wieder und stagnierte seit 2015 bei ungefähr 222 Millionen Tonnen. Gleiches gilt für die Verkehrsleistung, die bei ungefähr 55 Milliarden Tonnenkilometern stagnierte. Einen Tiefpunkt verzeichnete die Binnenschifffahrt im Jahr 2018, in der die Verkehrsleistung auf 46,9 Milliarden Tonnenkilometer und das Verkehrsaufkommen auf 197,9 Millionen Tonnen sank. Eine Ursache für diesen Tiefpunkt war die in Folge von Dürren außergewöhnlich langanhaltende Niedrigwasserphase auf deutschen Flüssen, von der sich die Binnenschifffahrt auch im Folgejahr noch nicht vollständig erholte. Die Verkehrsleistung erhöhte sich im Jahr 2019 im Vergleich zum Vorjahr immerhin um 8,6 Prozent auf 50,9 Milliarden Tonnenkilometer und das Verkehrsaufkommen stieg um 3,6 Prozent auf 205 Millionen Tonnen an [destatis12e; BMVI19ah; BAG20] .
Aus Abbildung 1 wird ersichtlich, dass das konstante Güterverkehrsaufkommen lange Zeit insbesondere eine Folge steigender Gütertransporte ausländischer Binnenschiffe (55 Prozent im Jahr 1992, 70 Prozent im Jahr 2018) auf deutschen Binnenwasserstraßen war. Das transportierte Güteraufkommen von Schiffen mit deutscher Beflaggung war seit der Wiedervereinigung rückläufig. Im Jahr 2018 konnten Binnenschiffe unter deutscher Flagge ihren Marktanteil erstmals wieder leicht ausbauen. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Einsatzmöglichkeiten vieler großer Schiffe der niederländischen Flotte, die einen großen Anteil der ausländischen Binnenschiffe ausmachen, während der Niedrigwasserphase aufgrund ihres Tiefgangs stark eingeschränkt waren [BAG20].
2019Binnenschiff_1.JPGAbb. 1: Güterverkehrsaufkommen der Binnenschifffahrt in Deutschland, eigene Darstellung nach [BMVI19ah]
Bei der Betrachtung des Güterumschlags in deutschen Binnenhäfen hebt sich Duisburg als größter deutscher Binnenhafen deutlich ab, ansonsten zeigt der Markt für Binnenhäfen eine atomisierte Struktur mit einer Vielzahl von kleinen Akteuren. Bis auf wenige Ausnahmen haben alle Häfen im Jahr 2019 mehr Güter umgeschlagen als im Vorjahr. Das größte Wachstum verzeichneten dabei die Häfen Gelsenkirchen und Frankfurt mit 21,2 bzw. 13,9 Prozent. In den beiden größten Binnenhäfen Duisburg und Hamburg ist wiederum ein Rückgang des Güterumschlags im Vergleich zum Vorjahr zu beobachten. Während der Umschlag in Duisburg um lediglich 0,6 Prozent auf 47,8 Millionen Tonnen sank, verringerte sich der Umschlag in Hamburg um über 10 Prozent auf 8,7 Millionen Tonnen [BAG20].
Güterumschlag der größten deutschen Binnenhäfen in den Jahren 2018 und 2019Abb. 2: Güterumschlag der größten deutschen Binnenhäfen in den Jahren 2018 und 2019, eigene Darstellung nach [BAG20]
Fahrzeugbestand und Ausflaggung
Das sinkende Güterverkehrsaufkommen von Binnenschiffen unter deutscher Flagge macht sich auch im Fahrzeugbestand beziehungsweise der Binnenflotte der Bundesrepublik bemerkbar. Die Anzahl der Motorschiffe hat sich von 2.207 im Jahr 1990 auf 1.187 Schiffe im Jahr 2018 reduziert [BMVI19ah]. Die Ausflaggung von Binnenschiffen im europäischen Raum ist dabei ein entscheidender Faktor. Schiffe werden in das Schiffsregister anderer Länder eingetragen, in denen die gesetzlichen Rahmenbedingungen günstiger sind als in Deutschland (zum Beispiel geringere Besatzungszahl, niedrigere Löhne und Registrierkosten, geringere Sicherheitsstandards).
Entwicklung des Fahrzeugbestandes der Binnenflotte in DeutschlandAbb. 3: Entwicklung des Fahrzeugbestandes der Binnenflotte in Deutschland, eigene Darstellung nach [BMVI19ah]
Hauptkonkurrenten bei der Registrierung von Binnenschiffen sind andere EU-Staaten. Eine Vielzahl der Binnenschiffe in Europa ist in den Niederlanden registriert, um einen Kostenvorteil unter anderem durch einen niedrigen Versicherungssteuersatz zu erlangen [PLANCO03a]. Eine weitere Ausflaggung (wie seit den 1980er Jahren auch in der Seeschifffahrt zu beobachten) könnte zum Beispiel durch eine entsprechende Anpassung des Versicherungssteuersatzes in Deutschland verhindert werden [Bell2007] [PLANCO03a].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Güterverkehrsentwicklung in Deutschland (Stand des Wissens: 08.01.2021)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?293800
Literatur
[BAG20] Bundesamt für Güterverkehr (Hrsg.) Marktbeobachtung Güterverkehr - Jahresbericht 2019, 2020/10
[Bell2007] Bellinger, F. Staatliche Förderungsmaßnahmen der deutschen Handelsflotte, Ausgabe/Auflage Auflage 1., GRIN Verlag, 2007, ISBN/ISSN 3638673251
[BMVI19ah] Bundesministerium für Digitales und Verkehr (Hrsg.) Verkehr in Zahlen 2019/2020, Ausgabe/Auflage 48. Jahrgang, 2019
[destatis12e] k.A. Güterverkehrsstatistik der Binnenschifffahrt, 2013/06/26
[PLANCO03a] o.A. Potenziale und Zukunft der deutschen Binnenschifffahrt, 2003/11
Glossar
tkm tkm = Tonnenkilometer Die Einheit Tonnenkilometer [tkm] beschreibt die im Rahmen einer Güterbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Gütermenge (Summe der beförderten Güter in Tonnen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km. Verkehrsarbeit [tkm] = Gütermenge [t] * Wegstrecke [km]
Ausflaggungsproblematik Schiffe werden in das Schiffsregister von Billigflaggenländern (z.B. Panama, Bahamas, Zypern, Singapur) eingetragen. Sie unterliegen dann den gesetzlichen Bestimmungen der Länder (z.B. geringere Besatzungszahl, niedrigere Löhne, Registrierkosten, geringere Sicherheitsstandards usw.) Billigflaggenländer führen meist 'offene Schiffregister', d.h. jeder Reeder kann seine Schiffe dort registrieren lassen. Deutsche Reeder nutzen nur Flaggen der so genannten 'Weißen Liste', die den höchsten Sicherheitsstandards genügen.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.
Verkehrsleistung
Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter oder Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] oder Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?292063

Gedruckt am Mittwoch, 25. Mai 2022 00:25:38