Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Kapazitätsrestriktionen und Ausbauprojekte bei der Hinterlandanbindung der Seehäfen

Erstellt am: 11.03.2010 | Stand des Wissens: 31.07.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Mit weiter steigendem Umschlagvolumen der Seehäfen gelangen auch die Hinterlandverbindungen an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. In Deutschland betrifft dies in erster Linie die Anbindungen von Hamburg, Bremerhaven, Lübeck und Rostock sowie des neuen Tiefwasserhafens Jade-Weser Port als wichtigste Häfen. Ausgehend von den weitreichenden Hinterländern der deutschen Seehäfen und des auch in Zukunft überdurchschnittlich steigenden Transitverkehrs mit den mittelosteuropäischen Ländern und dem Mittelmeerraum sind sowohl die Leistungsfähigkeit der Transitstrecken, selbst im Ausland, als auch die Mikroanbindung der Seehäfen an das Fernstraßen- und Schienennetz von Bedeutung [GBVWP14]. Bei der Binnenschifffahrt sind zunächst kaum quantitative Engpässe zu erwarten, da die Massengutverkehre sich langsamer entwickeln als erwartet beziehungsweise stagnieren, während das Wachstum vom für die Binnenschifffahrt bislang weniger bedeutenden Containerverkehr getragen wird - eine Tendenz, die auch für den Zeitraum bis 2025 erwartet wird [Planco07].

Die HPA (Hamburg Port Authority) arbeitet derzeit an einem Konzept zur Entwicklung einer ITS-Strategie (Intelligentes Transport System) für die Binnenschifffahrt in Hamburg. Dies soll zur Optimierung des Informationsaustauschs bei Binnenschiffsverkehren dienen [HHM18]. Das Ziel sei es, "die Informationsbereitstellung für die Binnenschifffahrt im Hamburger Hafen zu optimieren, die Zuverlässigkeit und Planbarkeit der Transportprozesse zu erhöhen sowie die Auslastung und Wirtschaftlichkeit der Verkehrsinfrastruktur zu steigern´" [HHM18]. Hinzu kämen eine Senkung der Kosten sowie Steigerung der Verkehrssicherheit. "Durch eine Anbindung des Systems an das Projekt smartPORT logistics (SPL) kann die gesamte Transportkette auch unter Einbeziehung der Binnenschifffahrt transparenter und effizienter werden." [HHM18] Vorteile des Pilotprojektes wäre die Detektion von Liegeplatzauslastungen und Binnenschiffsankünften im Hamburger Hafen [HHM18; Unic09].

Um den Informationsaustausch bei Binnenschiffsverkehren zu optimieren, arbeitet die HPA an einem Konzept zur Entwicklung einer ITS-Strategie für die Binnenschifffahrt in Hamburg. In dem System könnten zukünftig die Verkehrsdaten der an der Transportkette beteiligten zusammenlaufen Fahrplan- und Ladedaten der Binnenschiffe, Verfügbarkeiten der Terminals, Schleusen und Brücken, Pegelstände der Elbe und andere aktuelle Verkehrsinformationen aus dem Oberhafenamt und der Nautischen Zentrale. , erläutert Saskia Zippel, die bei der HPA für den Bereich Strategie Binnenschifffahrt zuständig ist. Außerdem würden durch ein Intelligentes Transport System die Kosten für die Nutzer reduziert und die Verkehrssicherheit für Binnenschiffe erhöht werden. Der Datenaustausch zwischen allen an der Transportkette Beteiligten würde papierlos, vereinfacht und beschleunigt. Dadurch könnten Binnenschiffer und Terminals unter anderem flexibler auf außerplanmäßige Verzögerungen oder Änderungen reagieren.
In der Bundesverkehrswegeplanung 2003 wurden daher Projekte mit besonderer Bedeutung für den Seehafen-Hinterlandverkehr im vordringlichen Bedarf festgeschrieben [BMV03a].

In Ergänzung zu diesen Maßnahmen werden in Engpässe im deutschen Streckennetz identifiziert, die 2020 unter der Prämisse zu erwarten sind, dass Infrastrukturmaßnahmen des vordringlichen Bedarfs, die bereits im Bau sind oder deren Finanzierung gesichert ist, realisiert werden [Acat06]. Neben den vom Bund identifizierten Projekten werden von der Wirtschaft weitere Ausbaumaßnahmen als besonders dringlich angesehen, die nachträglich in den Investitionsrahmenplan (IRP) aufgenommen werden sollten, darunter sind
  • die "Hafenquerspange" A 252,
  • die bevorzugte Planung und der schnellere Bau der A 20 westlich der A 1 und der bisher nur im Bedarf mit Planungsrecht befindlichen A 22 mit Elbquerung westlich von Hamburg sowie
  • der Ausbau der heutigen Bundesstraße B 404 zur A 21 im Osten Hamburgs
von besonderer Bedeutung für die Hafenhinterlandanbindung [HPA05, IHKN07].
Der Vorsatz, Hinterlandanbindungen zu stärken, wird auch im Bundesverkehrswegeplan 2030 weiter verfolgt. In diesem wird festgelegt, dass es ein Nachfolgeprogramm zum Seehafen-Hinterlandverkehr (SHHV) geben wird, welches eine Großzahl von Maßnahmen mit kapazitätserhöhendem Effekt im Schienennetz realisierte. Das sogenannte Seehafen-Hinterlandverkehr II (SHHV II) beginnt ab dem Jahr 2020 in zwei Tranchen, mit der Absicht gezielt auftretenden Engpässe zu beseitigen [BMVI16d].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Wachstumsrestriktionen für den Kombinierten Verkehr (Stand des Wissens: 06.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?321706
Literatur
[Acat06] Acatech - Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften e.V. Mobilität 2020. Perspektiven für den Verkehr von Morgen. Schwerpunkt: Strassen- und Schienenverkehr, Fraunhofer IRB Verlag Nobelstr. 12 70569 Stuttgart, 2006
[BMV03a] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Bundesverkehrswegeplan 2003 , Berlin, 2003
[BMVI16d] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Bundesverkehrswegeplan 2030, Ausgabe/Auflage März 2016, Berlin, 2016/03
[GBVWP14] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Grundkonzeption für den Bundesverkehrswegeplan 2015, 2014
[HHM18] Jochen Wischhusen, Heike Wegner, Matthias Grandis, Ina-Maria Toni Neue Binnenschifffahrtskonzepte in Hamburg - Intelligentes Transport System (ITS) für die Binnenschifffahrt, Hafen Hamburg Marketing e.V. (HHM), 2018
[HPA05] o.A. Im Focus dynamischer Wachstumsmärkte Chancen und Entwicklungspotentiale des Hamburger Hafens, Hamburg, 2005
[IHKN07] o.A. Engpässe beseitigen, Chancen durch neue Verkehrswege nutzen - Anforderungen an die Verkehrsinfrastruktur im Norden, Gemeinsame Position der IHK-Nord zur Verkehrsinfrastruktur, Lübeck, 2007/04/26
[Planco07] PLANCO Consulting GmbH Prognose der deutschlandweiten Verkehrsverflechtung 2025 - Seeverkehrsprognose - Los 3, Essen, 2007/04
[Unic09] o. A. Konzeptstudie zur Verkehrsverlagerung vom Lkw auf Binnenschiffe und zur Stärkung der Hinterlandverkehre, Hamburg, 2009/01/14
Weiterführende Literatur
[BMVBS07e] o.A. Investitionsrahmenplan bis 2010 für die Verkehrsinfrastruktur des Bundes (IRP), 2007/04
[DBAG07n] o.A. Masterplan Schiene, Seehafen-Hinterlandverkehr, Berlin, 2007/08/27
Glossar
ITS Intelligent Transportation Systems (ITS) ist der Oberbegriff für Transportsysteme, die Informations- und Kommunikationstechnologie zur Unterstützung des Betriebes einsetzen. ITS-Funktionen unterstützen den Fahrer eines Transportmittels, sie sind damit deutlich von automatischen Transportsystemen zu differenzieren, die auf einen fahrerlosen Betrieb abstellen. Die wichtigsten neuen und zum Teil noch in Entwicklung befindlichen Anwendungsfelder zielen auf (1) Verkehrs- und Transportmanagement (Verkehrsinformationen, Verkehrslenkung, Verkehrs- und Parkleitsysteme, automatische Unfallmeldungen, Meldesysteme zum Gefahrgutmonitoring); (2) Elektronische Systeme zur Gebührenerhebung; (3) Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel (dynamische Fahrgastinformationen, Reservierung, spezifische Informationssysteme für Fahrradfahrer und Fußgänger, Steuerung individueller öffentlicher Verkehrsmittel); (4) Systeme zur Unterstützung der Fahrzeugsicherheit (Kollisionsdetektoren, Sektorisierung von Verkehrswegen).
Bundesverkehrswegeplan Als Instrument einer mittel- bis langfristigen Investitionsrahmenplanung für den Erhalt und Ersatz bundeseigener Verkehrsinfrastruktur erfasst der Bundesverkehrswegeplan (BVWP) das zwecks zielgerichteter Ausgestaltung sowie Erweiterung von Bundesfernstraßen, Bundeswasserstraßen und Schienenwegen des Bundes erforderliche Finanzierungsvolumen. Auf Basis verkehrsträgerübergreifender Prognosen findet in diesem Zusammenhang eine Priorisierung vorgesehener Neu- und Ausbauprojekte gemäß ihrer gesamtwirtschaftlichen Bewertung sowie ökologischer und raumordnerischer Einschätzungen statt. Grundsätzlich wird infolgedessen zwischen "vordinglichem Bedarf" (VB) und "weiterem Bedarf" (WB) unterschieden. Der BVWP tritt auf Beschluss des Bundeskabinetts in Kraft und umfasst jeweils einen Zeithorizont von ca. 10 bis 15 Jahren. Seit 1973 sind bereits fünf konsekutive Verkehrswegepläne verabschiedet worden. Der letzten, dem Jahr 2003 entstammenden Fortschreibung liegt ein Planungszeitraum bis 2015 und ein Investitionsvolumen i. H. v. 150 Mrd. EUR zugrunde.
Transportkette
Nach DIN 30781 eine Folge von technisch und organisatorisch miteinander verknüpften Vorgängen, bei denen Personen oder Güter von einer Quelle zu einem Ziel bewegt werden, im weiteren Sinne alle Transferprozesse zwischen Quelle und Senke.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?291731

Gedruckt am Sonntag, 25. August 2019 02:53:42