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Doppelgelenkbusse zur Kapazitätssteigerung im ÖPNV

Erstellt am: 06.06.2008 | Stand des Wissens: 14.07.2022
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Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Bahnverkehr, öffentlicher Stadt- und Regionalverkehr, Prof. Dr.-Ing. R. König

Der erste Doppelgelenkbus wurde von MAN 1981 vorgestellt und in München und Wolfsburg im Fahrgastverkehr erprobt. Obwohl die Versuche positiv verliefen, blieb es bei diesem einen Fahrzeug. 1988 wurde ein Doppelgelenkbus von Renault vorgestellt. Die Verkehrsbetriebe in Bordeaux erwarben zehn Fahrzeuge und setzten sie von 1989 bis zur Umstellung der bedienten Linien auf Straßenbahnen ein. Seit 1992 wird in Brasilien eine Vielzahl von Doppelgelenkbussen eingesetzt, dort in speziellen BRT (Bus Rapid Transit)-Systemen. In Curitiba werden über 150, in Sao Paolo über 50 Doppelgelenkbusse eingesetzt. Die Hochflur-Fahrzeuge verkehren auf speziellen Bustrassen mit Hochbahnsteigen. Die Systeme sind stadtbahnähnlich angelegt, wobei die Beförderungszahlen dieser BRT-Systeme U-Bahn-Werte erreichen. Abb. 1 zeigt zwei Doppelgelenkbusse an speziellen Haltestellen in Curitiba. [Hond06b]
Curitiba.jpgAbb. 1: Doppelgelenkbusse an speziellen Haltestellen in Curitiba [Hond06b]


In Deutschland verkehren Doppelgelenkbusse derzeit planmäßig in Aachen und Hamburg.

In Hamburg wurden Doppelgelenkbusse auf einer mit etwa 60.000 Fahrgästen je Tag sehr stark belasteten Buslinie eingeführt, da es beim Einsatz von Standardgelenkbussen im 4-Minuten-Takt, in Spitzenzeiten häufiger, zu Behinderungen durch Pulkbildung gekommen war. Die Fahrzeuge waren oft überfüllt und die Bedienungsqualität war schlecht. Eine Taktverdichtung, welche mehr Fahrzeuge erfordert, kam aus betrieblichen und wirtschaftlichen Gründen nicht in Frage, so dass auf längere Fahrzeuge zurückgegriffen wurde. [Marah06]

In Aachen und auch im niederländischen Utrecht war der Einführung von Doppelgelenkbussen eine Diskussion um die Einführung oder den Ausbau einer Stadtbahn vorausgegangen. Aus Kostengründen wurde dies jedoch verworfen. Die hochbelasteten Strecken, auf denen eine Stadtbahn geplant war, wurden auf den Betrieb mit Doppelgelenkbussen umgestellt. In Aachen trifft dies auf die Linie 5/45 zu, die bei der Umstellung von Standard- auf Doppelgelenkbusse in ihrem Verlauf im Wesentlichen unverändert blieb, deren Takt jedoch aus wirtschaftlichen Gründen reduziert wurde. [Paetz04; Burm07e]

Zum Einsatz kommen Fahrzeuge vom Typ AGG300 des belgischen Herstellers Van Hool. Da nach StVZO (Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung) die zulässige Fahrzeuglänge auf 18,75 m und das zulässige Gesamtgewicht auf 28 t (für Kraftomnibusse) beschränkt ist, diese Doppelgelenkbusse jedoch 24,79 m lang sind und ein zulässiges Gesamtgewicht von 35 t haben, muss für den Betrieb eine Ausnahmegenehmigung von der jeweils zuständigen Behörde eingeholt werden. Der AGG300 wurde 1993 erstmals vorgestellt und ist ein Niederflurfahrzeug.
ASEAG.jpgAbb. 2: Doppelgelenkbus der ASEAG [Hond06b, Krich06]


In Utrecht verkehren Doppelgelenkbusse in einem Busverkehrssystem. Zwei Linien (Bahnhof - Universität) des Busverkehrssystems wurden im Jahr 2008 mit Doppelgelenkbussen bedient, weitere Linien des sich noch im Aufbau befindlichen Systems sind für die Umstellung auf den Betrieb mit Doppelgelenkbussen vorgesehen. Durch den Betrieb außerhalb der Innenstadt auf eigenen Bustrassen beträgt die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit über 20 km/h.

Je nach Ausstattungsniveau und Stückzahl betragen die Beschaffungskosten eines Doppelgelenkbusses ab 350.000 EUR aufwärts. Ein Fahrzeug für Utrecht (2002) kostete aufgrund der sehr hochwertigen Ausstattung knapp über 400.000 EUR. [Deut03] Jüngere Quellen nennen einen Stückpreis von 500.000 EUR, für einen Doppelgelenkbus als Obus 1.050.000 EUR.

Der längste Bus der Welt kommt in Sao Paolo zum Einsatz. Der Bus vom Typ 12M Bi-artic (Volvo) ist 26,85 m lang. [Hond06b]
In Luxemburg fahren 24 m lange Hybridbusse von der Firma Hess, womit zusätzlich für einen umweltfreundlichen Stadtverkehr Werbung gemacht wird.[Schm10a]
In Caen und Nancy (Frankreich) kommt das von Bombardier Transportation entwickelte System "TVR" (Transport sur Voie Reservée; also: Beförderung auf eigenem Bahnkörper) zum Einsatz. Das Fahrzeug ähnelt von der Technik her am ehesten einem vierachsigen, doppelgelenkigen Duobus, einer Kombination aus einem mit Strom aus der Oberleitung und einem Verbrennungsmotor ausgestatteten Bus, mit Allachslenkung, von dem alle Achsen zusätzlich spurgeführt werden können. Das Fahrzeug kann also spurgeführt oder handgelenkt und wahlweise unter Fahrdraht oder im Dieselmodus verkehren. Es repräsentiert somit den Übergang vom klassischen Bus zur Straßenbahn. [Hond06d]
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Bahnverkehr, öffentlicher Stadt- und Regionalverkehr, Prof. Dr.-Ing. R. König
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Größere Fahrzeuge im ÖPNV (Stand des Wissens: 24.05.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?266847
Literatur
[Burm07e] Burmeister, Jürgen, Dipl.-oec. Nahverkehr in Utrecht, veröffentlicht in Verkehr und Technik, Ausgabe/Auflage Heft 11, 2007
[Deut03] Deutsch, Volker, Dr.-Ing., Pütz, Ralph, Dipl.-Ing. Steht die Renaissance überlanger Omnibuszüge bevor?, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 4/2003, 2003
[Hond06b] Hondius, Harry, Dipl.-Ing. ETHZ Perspektiven der Großraumbusse, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 3/2006, 2006
[Hond06d] Hondius, Harry, Dipl.-Ing. ETHZ TVR - ein doppelgelenkiger Duobus als "Tram" betrieben, veröffentlicht in stadtverkehr, Ausgabe/Auflage 10/06, 2006
[Krich06] Krichel, Peter, Dipl.-Ing. Evaluierung eines Kamera-Monitor-Systems am Beispiel eines Doppelgelenkbusses im Linienbusverkehr der ASEAG, 2006/03
[Marah06] Marahrens, Wolfgang, Dipl.-Ing., Landsberger, Klaus, Dipl.-Ing. Großraumbusse auf der Hamburger MetroBus-Linie 5, veröffentlicht in stadtverkehr, Ausgabe/Auflage 2/06, 2006
[Paetz04] Paetz, Hermann, Dipl.-Ing., Lutterbach, Sander, Dipl.-Ing. Einsatz von Doppelgelenkbussen bei der Aseag in Aachen - Szenarien zum künftigen Einsatz des AGG300 von Van Hool, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 5/2004, 2004
[Schm10a] Martin Schmitz 24 m langer Hybridbus für umweltfreundlichen Stadtverkehr, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 09/2010, alba Verlag Köln, 2010/09
Weiterführende Literatur
[Hond06c] Hondius, Harry, Dipl.-Ing. ETHZ B 7500 Bi-artic, der neue Doppelgelenkbus von Volvo, veröffentlicht in stadtverkehr, Ausgabe/Auflage 2/06, 2006
[Hond07b] Hondius, Harry, Dipl.-Ing. ETHZ Doppelgelenk-Elektrobusse von HESS/Vossloh Kiepe, veröffentlicht in stadtverkehr, Ausgabe/Auflage 10/07, 2007
[Amer06] Amerijckx, Dirk, Lic-Ing. Van Hool AGG 300: Der längste Niederflurbus der Welt, veröffentlicht in stadtverkehr, Ausgabe/Auflage 2/06, 2006
[StVZO] Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO)
Glossar
Bahnkörper
Bei Bahnstrecken, die nach der Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung (BOStrab) betrieben werden, werden Strecken in drei Kategorien anhand des Bahnkörpers eingeteilt:
Straßenbündige Bahnkörper sind mit ihren Gleisen in Fahrbahnen oder Gehwege eingebettet. Sie nutzen den Verkehrsraum anderer Verkehrsteilnehmer.
Besondere Bahnkörper liegen im Verkehrsraum öffentlicher Straßen, sind jedoch vom übrigen Verkehrsraum mindestens durch Bordsteine oder Hecken oder Baumreihen oder andere ortsfeste körperliche Hindernisse getrennt.
Unabhängige Bahnkörper befinden sich auf Grund ihrer Lage oder Bauart außerhalb des Verkehrsraums öffentlicher Straßen.
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.
Busverkehrssystem Hochwertiger, flexibler Linienbusverkehr mit flächendeckender Erschließung, bei dem sämtliche Einzelkomponenten der Personenbeförderung als ein zusammenhängender Gesamtkomplex gesehen werden (Verkehrsangebot, Fahrgastbedienung, Haltestelle, Fahrwege, Betrieb, Fahrzeug). Mindestvoraussetzung ist ein nach verkehrstechnischen und bautechnischen Gesichtspunkten angemessenes Beschleunigungsprogramm und eine hohe Wertschätzung durch Politik und Verwaltung.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?266348

Gedruckt am Freitag, 12. August 2022 23:43:05