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Kontraktlogistik in der Automobilbranche

Erstellt am: 17.01.2008 | Stand des Wissens: 17.02.2020
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Die Komplexität der Wertschöpfung in der Automobilindustrie erhöht sich stetig. Gründe hierfür sind unter anderem der zunehmende Konkurrenzdruck, die fortschreitende Globalisierung auf Absatz- und Beschaffungsmärkten, sowie der Trend zu Lean Production. Gleichzeitig steigen auch die Anforderungen an die Logistikdienstleister. Diese werden Systemlieferanten von immer komplexeren Modulen und Wertschöpfungsteilen [KlPr07, S. 620f.]. Damit steigt die Verantwortung für die Funktionalität der jeweiligen Supply Chain. Die Automobilhersteller erhalten die Rolle von System- oder Modulintegratoren, welche die Lieferantennetzwerke steuern. Dementsprechend sinkt ihr Anteil an der Wertschöpfung. Die Automobilbranche ist demzufolge ein interessanter Markt für leistungsfähige Kontraktlogistiker.
Die Transportleistungen beziehen sich auf die Beschaffungs- und Distributionstransporte für Fahrzeuge und Ersatzteile. Abhängig vom Zielort erfolgt die Distribution von Fahrzeugen per Lkw, Bahn und Schiff. Die Distribution von Ersatzteilen erfolgt mittels Lkw, Schiff und Flugzeug. Große Wiederbeschaffungsvolumina werden von Transportdienstleistern befördert. Die Abwicklung von dringendem Bedarf wird durch spezialisierte Integratoren aus dem Paket- oder Stückgut Bereich, welche schnelle Transportzeiten garantieren können, realisiert [KlPr07, S. 627]. Die effektive Routenplanung für das Gesamtlogistiksystem stellt ein komplexes Optimierungsproblem dar, da Volumen-, Gewichts- und Entfernungsrestriktionen, sowie Zeitfenster gleichermaßen beachtet werden müssen. Häufig werden deshalb von Kontraktlogistikseite Speditionen beziehungsweise Transporteure eingesetzt, welche durch Größenvorteile oder Spezialisierung eine effektivere und effizientere Transporterbringung leisten können [KlPr07, S. 627].
In der Supply Chain sind grundsätzlich auf allen Stufen der Wertschöpfung Zwischenlager zu finden, welches zunächst dem Gedanken der Lean Production widerspricht. Die Einrichtung eines Logistik-Lieferanten-Zentrums (LLZ) soll versuchen, diesen Widerspruch zumindest teilweise aufzuheben [KlPr07, S. 627f.]. Als Ziel könnte hier gesetzt werden, die Anzahl der Lager im Wertschöpfungsnetzwerk auf der letzten Stufe auf ein einziges zu reduzieren [KlPr07, S. 628]. Um die Versorgung zu sichern und die Kosten gering zu halten, ist das LLZ in der Nähe des Automobilherstellers oder auf dessen Werksgelände angesiedelt. Solche Lager werden häufig von einem Logistikdienstleister eingerichtet und betrieben. Maximale ökonomische Vorteile können dadurch erreicht werden, wenn allen Lieferanten fest vorgegebene einzulagernde Mindestbestände vorgeschrieben und eingehalten werden [KlPr07, S. 628].
Typische Erscheinungsformen für die Bündelung von Logistikleistungen in Kontraktlogistikprojekten sind in der Automobilbranche Logistiklieferantenzentrum, Systemzentrum und Linienversorgung und werden anschließend kurz erläutert. In Systemzentren ist ein Logistikdienstleister dafür zuständig, den "Just-in-Time/Just-in-Sequence" Service, bezogen auf diverse Zulieferer für den Automobilhersteller, bereitzustellen [KlPr07, S. 628f.]. Als Teil der Linienversorgung vollzieht der Logistikdienstleister die physische Materialversorgung der Montagelinie. Dies kann Wareneingang, Zwischenlagerung, Kommissionierung und Bereitstellung am Einbauort beinhalten sowie die Entsorgung von Leergut an der Montagelinie [KlPr07, S. 628f.].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Kontraktlogistik (Stand des Wissens: 17.02.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?285349
Literatur
[KlPr07] Rudolph, T.; , Pfohl, H.; , et. al., Klaus, Peter, Prof., Prockl, Günter, Dr. Handbuch Kontraktlogistik - Management komplexer Logistikdienstleistungen, Ausgabe/Auflage 1.Auflage, WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA/Weinheim, 2007, ISBN/ISSN 978-3-527-50203-5
Glossar
Just-In-Time "Just-In-Time" (JIT) ist ein Transportservice, bei dem die Auslieferung von Waren zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeführt wird. Der Kunde legt vorher fest, wann und wohin die Güter geliefert werden sollen. Häufig wird JIT in der Produktions-Logistik eingesetzt, um eine produktionssynchrone Beschaffung umzusetzen. Mit diesem Prinzip lassen sich beispielsweise Zwischenlager sparen und somit Kosten senken.
Linienversorgung Der Begriff Linienversorgung (engl. Linefeeding) bezeichnet die Belieferung eines Montage- oder Produktionsbandes mit Rohstoffen oder Teilen, um den laufenden Betrieb mit Materialien zu versorgen.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Just-In-Sequence Wenn Waren Just-In-Sequence geliefert werden, bringt der Lieferant sie zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einer festgelegten Reihenfolge zum Empfänger. Diese Art der Anlieferung wird besonders in der Automobilbauindustrie eingesetzt. Ein Beispiel sind Lenkräder, die in derselben Reihenfolge ans Band geliefert werden, wie sie eingebaut werden sollen.
Logistikdienstleister Logistikdienstleister (abgekürzt: LDL; Englisch: logistics service provider) bezeichnet die Weiterentwicklung des traditionellen Speditionsgeschäfts. Über Transport, Umschlag und Lagerung (TUL) hinaus bietet der LDL weitere Leistungen und Lösungen an, zum Beispiel kundenbezogene Lagerung, Kommissionierung, Assemblierung, Fakturierung usw. LDL und 3PL werden häufig synonym verwendet.
Supply Chain Als Supply Chain (Liefer- oder Wertschöpfungskette) bezeichnet man ein organisationsübergreifendes Netzwerk, welches als Gesamtsystem Güter für einen bestimmten Markt hervorbringt. Die heutigen Supply Chains sind aufgrund der Vielzahl von beteiligten Zulieferern, Dienstleistern und Kunden - die wiederum an anderen Supply Chains beteiligt sein können - sehr komplexe, interdependente Gebilde. Treffender müsste daher eine Supply Chain, aufgrund der häufig vorkommenden netzwerkartigen Struktur der zusammenarbeitenden Unternehmen, als "Supply Network" bezeichnet werden.
Systemzentrum Ein neues Konzept zur Versorgung von Automobilwerken stellt der Aufbau von Systemzentren durch Logistikdienstleister dar. Dabei übernimmt der Logistikdienstleister als Systemintegrator alle anfallenden Arbeiten von der Bereitstellung des Personals bis hin zur "Just-in-Sequence"-Versorgung der Montagelinien. Systemzentren entlasten die Automobilwerke von flächenintensiver Logistik.
Lieferanten-Logistik-Zentrum Das Lieferanten-Logistik-Zentrum ist ein gemeinsames Warenlager mehrerer Zulieferer oder Dienstleister in unmittelbarer Nähe zu einem Großkunden. Der Lagerinhalt bleibt bis zur Auslagerung/Anlieferung an den Kunden Eigentum der Lieferanten.
Transporteur Transporteure (auch Frachtführer genannt) führen den physischen Transport aus.
Just-in-Sequence Bei dem Just-in-Sequence (JIS) Verfahren sorgt der Zulieferer nicht nur dafür, dass die benötigten Module rechtzeitig in der notwendigen Menge angeliefert werden, sondern auch, dass die Reihenfolge (engl. sequence) der benötigten Module stimmt. JIS wird vor allem in der Automobilindustrie eingesetzt.Es ist eine Weiterentwicklung der Just-in-time-Produktion (JIT).
Economies of Scale
Economies of Scale sind Skalenerträge beziehungsweise Größenvorteile, die auftreten, wenn die Produktionskosten pro hergestellte Einheit mit zunehmender Produktionsmenge abnehmen. Wichtigste Ursache ist die Fixkostendegression, das heißt, dass bei höherer Kapazitätsauslastung die Fixkosten auf eine größere Produktionsmenge aufgeteilt werden.
Lean Production Unter Lean Production versteht man eine Maßnahme zur Senkung der Komplexität der Organisation im Unternhemen. Bei dieser Strategie der schlanken Produktion steht die durchgängige, integrierte Organisation für alle Unternehmensbereiche mit flachen Hierachieebenen sowie Projekt- und Teamorganisation im Vordergrung. Die Komplexität wird durch ein ganzheitliches Konzept für die Organisationsstrukturierung reduziert. Der Produktionsfaktor Mensch tritt in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?248664

Gedruckt am Freitag, 7. August 2020 21:06:24