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Vorbilder für betriebliches Mobilitätsmanagement in der Europäischen Union

Erstellt am: 16.01.2008 | Stand des Wissens: 26.03.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Während betriebliches Mobilitätsmanagement in Deutschland punktuell umgesetzt wird, gestaltet sich in einigen europäischen Ländern die Entwicklung und Verbreitung des betrieblichen Mobilitätsmanagements dynamisch, wobei die Politik eine aktive Rolle übernimmt. Im Folgenden werden Beispiele aus dem europäischen Ausland dargestellt, die Anregungen für die Weiterentwicklung des betrieblichen Mobilitätsmanagements in Deutschland liefern können [ILSDP07, S. 47 ff.].

Niederlande

Als erstes europäisches Land haben die Niederlande Anfang der 1990er Jahre die neue verkehrspolitische Strategie des betrieblichen Mobilitätsmanagements umgesetzt. Dabei tritt das niederländische Verkehrsministerium aktiv auf und dient zudem als Vorbild, indem es für den eigenen Standort in Den Haag einen umfangreichen Mobilitätsplan umgesetzt hat.

In den Niederlanden wird vorwiegend der Public-Private-Partnership-Ansatz eingesetzt, um Mobilitätsmanagement zu fördern. Dabei verpflichten sich Betriebe, Mobilitätsmanagement aktiv umzusetzen, während Kommunen Infrastrukturinvestitionen oder Angebotsverbesserungen im ÖV zusichern.


Umweltrecht, vertragliche Vereinbarungen, die Stellplatzverordnung und gemeindliche Bauverordnungen sind dabei effektivste Instrumente. Zudem wurden zur Förderung des betrieblichem Mobilitätsmanagements die steuerlichen Rahmenbedingungen wiederholt geändert. Weiterhin wurden zur Etablierung des betrieblichen Mobilitätsmanagements regionale Koordinationszentren eingerichtet, die über Mobilitätsmanagement informieren, Betriebe beraten und sie bei der Aufstellung von Mobilitätskonzepten unterstützen.

Die langjährige Erfahrung in den Niederanden ermöglicht die Evaluierung dieser Maßnahmen. Die Ergebnisse zeigen, dass Basiskonzepte (Förderung von ÖV, Rad oder Fahrgemeinschaften) die Anzahl der Pkw-Fahrten zum Betrieb um 5 bis 10% reduzieren. Wenn finanzielle Anreize, Parkraumbewirtschaftung oder Werksverkehre hinzukommen, dann kann die Reduzierung 15 bis 20 % betragen [ILSDP07, S. 53].

Großbritannien

Neben den Niederlanden engagiert sich besonders Großbritannien im Bereich des betrieblichen Mobilitätsmanagements. Auch hier übernimmt das britische Verkehrsministerium eine aktive Rolle und hat als Vorbild z. B. für über 1000 Verwaltungsstandorte Mobilitätspläne aufgestellt. Zudem wurden fiskalische Reformen und Förderprogramme umgesetzt und betriebliches Mobilitätsmanagement wurde in das Planungsrecht eingebunden. Weiterhin wurden Pilotprojekte in drei Städten durchgeführt, wozu Leitfäden und Beispielsammlungen veröffentlicht wurden.

Das britische Verkehrsministerium geht aufgrund von kommunalen Schätzungen davon aus, dass 2007 ca. 11 % der Unternehmen mit über 100 Beschäftigten einen Mobilitätsplan umsetzten, wobei öffentliche Betriebe einen höheren Anteil aufweisen, z. B. 62 % bei Kreisverwaltungen.

In Großbritannien ist die Evaluation von Maßnahmen des betrieblichen Mobilitätsmanagements im Vergleich zu anderen europäischen Ländern am weitesten fortgeschritten. Fallstudien belegen, dass der standortbezogene Pkw-Verkehr durchschnittlich um 15 bis 20 % reduziert werden kann. [ILSDP07, S. 51]

Italien

Italien führte im März 1998 als erstes europäisches Land eine gesetzliche Verpflichtung zur Aufstellung von betrieblichen Mobilitätsplänen ein. In Städten mit mehr als 150.000 Einwohnern sollen Betriebe mit mehr als 300 Beschäftigten einen Mobilitätskoordinator benennen und einen Mobilitätsplan aufstellen. Die jeweiligen Kommunen benennen Mobilitätsmanager, die die Mobilitätskoordinatoren vernetzen und unterstützen, und die überbetriebliches Mobilitätsmanagement umsetzen. Den Kommunen werden hierzu Finanzmittel zur Verfügung gestellt. Allerdings sind, falls diese Vorgaben nicht eingehalten werden, keine Sanktionen vorgesehen.

In den 1400 Betrieben, die zum Mobilitätsmanagement verpflichtet sind, arbeiteten 2005 insgesamt 632 Mobilitätskoordinatoren, dies entspricht einer Steigerung von 15 % gegenüber 2003. Diese werden von insgesamt 54 kommunalen Mobilitätsmanagern unterstützt. [ILSDP07, S. 51]

Weitere Beispiele aus dem europäischen Ausland

Um die Planung notwendiger Parkplätze zu flexibilisieren, hat die Stadt Zürich in der Schweiz das Instrument "Fahrtenmodell" eingeführt. Anstatt der Anzahl der Parkplätze, wird bei Neubauvorhaben die Zahl der zulässigen Pkw-Fahrten festgesetzt.

Zur Etablierung von betrieblichem Mobilitätsmanagement werden in Frankreich Handbücher und Leitfäden für die Kommunen verbreitet. Zudem werden durch eine Nahverkehrsabgabe (versement transport) und die Änderung fiskalischer Regelungen förderliche Rahmenbedingungen geschaffen.

In Belgien ist seit dem Jahr 2003 von jedem Betrieb mit mehr als 100 Beschäftigten eine jährliche Mobilitätsbilanz gesetzlich vorgeschrieben. Zur Förderung von betrieblichem Mobilitätsmanagement wurden ebenfalls die fiskalischen Rahmenbedingungen durch eine verkehrsmittelunabhängige Entfernungspauschale und steuerfreie Arbeitgeberzuschüsse zum Jobticket verbessert.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass es einige europäische Länder gibt, in denen die Bundesebene die Rahmenbedingungen für Mobilitätsmanagment gezielt verbessert hat. Viele Ansätze könnten als Vorbild für Deutschland dienen [ILSDP07].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Literatur
[ILSDP07] Müller, Guido, Steinberg, Gernot, Happel, Till, Holz-Rau , Christian , Prof. Dr.-Ing., Kemming, Herbert, Dr., Nickel, Wolfgang, Stiewe, Mechtild, Dipl.-Ing. Weiterentwicklung von Produkten, Prozessen und Rahmenbedingungen des betrieblichen Mobilitätsmanagements durch eine stärkere Systematisierung, Differenzierung und Standardisierung, 2007/08
Glossar
ÖV
Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer in einer Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen sowohl die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch die öffentlichen Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten Multimodalität wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch alternative Bedienformen, Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
Mobilitätsplan
Der Mobilitätsplan ist das Planungsinstrument für die Einführung von Mobilitätsmanagement an bestimmten Standorten (zum Beispiel in Betrieben, Verwaltungen, Schulen). Manchmal wird er auch Betriebsverkehrsplan genannt.
Im Mobilitätsplan werden im Sinne eines Businessplanes Zeithorizonte, Zielsetzungen, Verantwortlichkeiten (betriebsintern und extern) und Ablauf der Umsetzung festgesetzt. 
Ziel ist die Umsetzung eines maßgeschneiderten Mobilitätskonzeptes für den Standort. Dazu bedarf es nicht notwendigerweise umfangreicher Pläne, sondern viel mehr eines strukturierten Herangehens. Der Mobilitätsplan schafft Transparenz für alle Beteiligten und hat eine koordinierende Funktion.
In abgeänderter Form kann ein Mobilitätsplan auch für ein ganzes Quartier oder bestimmte Zielgruppen aufgestellt werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?248611

Gedruckt am Samstag, 19. September 2020 14:23:20