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Auswirkungen von Lastzugkombinationen auf den Verkehrsablauf auf Autobahnen und autobahnähnlichen Straßen

Erstellt am: 24.07.2007 | Stand des Wissens: 19.06.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

In der Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) [BASt07c] wird eine Untersuchung über die Integrationsmöglichkeiten automatischer Lkw-Konvois in den vorhandenen Verkehr auf Bundesautobahnen [BaSc02] herangezogen, um zu einer Abschätzung der Wirkung auf den Verkehrsfluss auf Autobahnen und autobahnähnlichen Straßen zu gelangen. Zu den Engstellen und Verkehrsknotenpunkten für Lang-LKW gehören [BaSt14c]:
  • (indirekte) Rampen in Anschlussstellen und planfreien Knotenpunkten
  • Engstellen in Rampenquerschnitten
  • Ein- und Ausfädelungsstreifen
  • Verflechtungsstrecken
  • Ein- und Abbiegen in das nachgeordnete Netz
  • Parkstände auf Tank- und Rastanlagen
  • Nothaltebuchten in Tunneln und an der freien Strecke
  • Autobahnknotenpunkte (Autobahnkreuze, Autobahndreiecke, Anschlusstellen)
Die in der oben genannten Studie untersuchten Konvois hatten Gesamtlängen zwischen 43,50 Metern und 178,50 Metern. Anhand Simulationsuntersuchungen wurden für diese Konvois für Autobahnabschnitte außerhalb von Knotenpunkten keine negativen Auswirkungen auf den Verkehrsablauf festgestellt, bei hohen Verkehrsstärken konnten sogar Reisezeitgewinne ermittelt werden. An den Anschlussstellen (Ein- und Ausfahrten) zeigten sich nur bei hohen Schwerverkehrsanteilen und hohen Verkehrsbelastungen niedrigere Pkw-Geschwindigkeiten. Aus dieser Untersuchung wurde abgeleitet, dass die deutlich kürzeren Lastzugkombinationen (maximal 25,25 Meter) keine negativen Auswirkungen auf den Verkehrsablauf auf Bundesautobahnen haben. Aufgrund der höheren Fahrzeuggewichte müssten die Lastzugkombinationen jedoch entsprechend motorisiert und mit zuverlässigen Bremsanlagen ausgerüstet sein, damit an Steigungs- und Gefällestrecken der Verkehrsfluss nicht behindert wird.

Die Befürworter der Lastzugkombinationen äußern sogar, dass durch die Effizienzsteigerung des EuroCombis (anstelle drei herkömmlicher Lastzüge nur noch zwei EuroCombi) die benötigte Straßenfläche abnehme und weniger Staus entstünden. So führt der Verband der Automobilindustrie (VDA) in [VDA06a] ein Beispiel an, wonach auf dem Autobahnabschnitt der BAB 7 zwischen Bad Hersfeld und Kassel bei einem optimistischen Szenario (23 Prozent der Fahrten herkömmlicher Lkw werden auf EuroCombi verlagert) durch den EuroCombi die Zahl der Nutzfahrzeuge um 800.000 pro Jahr verringert werden würde, was in etwa zwei Lkw pro Minute entsprechen würde. Kritiker kontern, dass durch die Einführung von EuroCombis der Verkehr auf der Straße zunehmen würde, da aufgrund der entstehenden Kostenvorteile der Transport über die Straße attraktiver würde und der Verkehr von der Schiene oder dem Schiff auf die Straße rückverlagert würde. Je länger jedoch die Lastzugkombinationen, desto größer der Überholvorgang von PKW, die je nach Schnelligkeit den Verkehr aufhalten könnten [Abb.1 BASt07c]
Auswirkungen von neuen FahrzeugkonzeptenAbb. 1: Vergleich der Überholwege: Riesen-Lkw und normallanger Lkw [BASt07c] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
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Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Auswirkungen von Lastzugkombinationen auf den Verkehrsablauf (Stand des Wissens: 06.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?233396
Literatur
[BaSc02] Schuckließ, W., Baier, M.M. , Trapp, R. Vorbereitende Maßnahmen für den praktischen Einsatz von Fahrerassistenzsystemen im Güterverkehr. Anforderungen der Straßeninfrastruktur zur Umsetzung automatisch geführter Lkw-Konvois, Ausgabe/Auflage (unveröffentlicht), 2002
[BASt07c] Glaeser, Klaus-Peter, Dr. , Kaschner, Rolf , Lerner, Markus , Roder, Kurt , Weber, Roland , Wolf, Andreas , Zander, Ulf , Weber, Roland, Dr.-Ing. Auswirkungen von neuen Fahrzeugkonzepten auf die Infrastruktur des Bundesfernstraßennetzes, Ausgabe/Auflage Schlussbericht, Langfassung (2. Auflage), 2006/11
[BaSt14c] Christian Lippold , Alexander Schemmel Befahrbarkeit spezieller Verkehrsanlagen auf Autobahnen mit Lang-Lkw , 2014/12
[VDA06a] VDA EuroCombi: Mehr Güter - Weniger Verkehr, 2006
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Verkehrsfluss
Unter Verkehrsfluss versteht man die Anzahl der Fahrzeuge, die eine vordefinierte Verkehrs(quer)fläche pro Zeiteinheit durchfährt.
Pkw
Personenkraftwagen (Pkw): Pkw sind nach der Richtlinie 70/156/EWG Fahrzeuge mit mindestens vier Rädern und dienen der Beförderung von maximal 9 Personen (inklusive Fahrzeugführer). Pkw dürfen nur auf den dafür vorgesehenen Verkehrsflächen geführt werden.
BASt Bundesanstalt für Straßenwesen
Verkehrsstärke
Die Verkehrsstärke ist eine Kennzahl für die Stärke eines Verkehrsstroms an einem Querschnitt, gemessen in der Anzahl der Verkehrseinheiten, die diese Stelle pro Zeiteinheit passieren. Man spricht in diesem Zusammenhang von Streckenbelastung, wenn sich die Quantifizierung des Verkehrsstroms alternativ auf einen betrachteten Streckenabschnitt und nicht auf einen Querschnitt bezieht.
Verkehrsstärke = Verkehrseinheiten am Querschnitt / Bezugsperiode
Gebräuchliche Einheiten für die Verkehrsstärke sind z. B. Fahrzeuge [Fzg] pro Tag [24h] oder Stunde [h] (z. B. durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke, kurz DTV [Fzg/24h])
Szenarien Ein Szenario ist ein Bild der Zukunft, das sich aus einer bestimmten Kombination von relevanten Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen entwickelt. Das grundsätzliche Anliegen von Szenarien besteht darin, verschiedene Handlungsoptionen zu verdeutlichen und ihre Folgewirkungen transparent zu machen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?232055

Gedruckt am Montag, 20. Mai 2019 01:23:27