Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Definition von Betriebsübergängen

Erstellt am: 15.06.2007 | Stand des Wissens: 23.01.2020
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Betriebsübergänge können im weiteren Sinne als komplexe Outsourcing-Projekte verstanden werden, wobei der Begriff Betriebsübergang durch das BGB, Paragraf 613a [BGB §613a] formuliert ist. Bei Betriebsübergängen übernimmt der Logistikdienstleister nicht nur Aufgaben und Betriebsfunktionen, sondern auch das Personal des Auftraggebers.

Der Begriff des Betriebsübergangs ist im deutschen Rechtsraum, durch die Bestimmungen und Definitionen des BGB [BGB §613a] eingeschränkt. Betriebsübergänge im weiteren Sinne können als Spezialfall von komplexen Outsourcing-Projekten verstanden werden. Diese lassen sich durch die folgenden drei Merkmale charakterisieren:
Der Logistikdienstleister hat nicht nur Aufgaben und Betriebsfunktionen, sondern auch Personal des Auftraggebers, welches bisher mit den nun auszulagernden Logistikleistungen vertraut war zu übernehmen [BGB §613a]. Der Logistikdienstleister erbringt für dieses Projekt spezifische Investitionen, die nicht ohne Weiteres für andere Projekte oder Kunden verwendet werden können, zum Beispiel Investitionen in Grundstücke oder Gebäude in unmittelbarer Nähe zu Anlagen des Verladers, Investitionen in verladerspezifische IT-Architekturen oder IT zur Gewährleistung einer durchgehenden Informationsanbindung. Der Logistikdienstleister übernimmt in größerem Umfang Vermögenswerte (Assets) vom Verlader.
Zeitlich lässt sich der Betriebsübergang zwischen der Phase des Vertragsabschlusses und der Betriebsphase festlegen. Beim Betriebsübergang (Vermögenswerte, Mitarbeiter) werden beide Parteien nicht nur mit einer Vielzahl von rechtlichen Aspekten konfrontiert, sondern es ergeben sich auch häufig eine Reihe von nicht zu unterschätzenden Problemfeldern [KlPr07].
Betriebsübergänge und andere Outsourcing-Projekte können zwischen zwei Zielsetzungsansätzen auf Basis von Hodels  [Hode99, S. 23f.] Ausführungen unterschieden werden. Einerseits unterscheidet man zwischen einem Bottom-up-Ansatz, welcher eher kurzfristige Ziele hat und dem Top-down-Ansatz, welcher sich auf langfristige Ziele konzentriert. Bei dem Bottom-up-Ansatz spielt der Kostendruck die dominante Rolle, weil die betreffenden Unternehmen meist nur eine sehr geringe Liquidität haben und daher die Kosten rasch und umfassend senken müssen.
Die wichtigsten Zielsetzungen des Bottom-up-Ansatzes sind gemäß Hodel [Hode99, S. 23f.]:
  • Abbau von Überkapazitäten mittels Auslagerung von sekundären Funktionen
  • Externalisierung von Informatik-Dienstleistungen
  • Reduktion der operativen Prozesse
  • Höhere Kostentransparenz und -reduktion
  • Bessere und schärfere Aufgaben-/ Leistungsabgrenzung
  • Höhere Motivation der Mitarbeiter
Der Top-Down-Ansatz hingegen befasst sich hauptsächlich mit strategischen Entscheidungen. Dabei verfolgen Unternehmen andere langfristige Schwerpunkte und Zielsetzungen und benötigen eine längere Vorbereitungsphase. Hierzu führt Hodel [Hode99, S. 23f.] beispielhaft auf:
  • Aufbau von strategischen Wettbewerbsvorteilen
  • Zunahme der Unternehmensflexibilität
  • Konzentration auf Kernkompetenzen
  • Entlastung des Managements
  • Nutzung von externem Know-how
  • Transformation der Unternehmenskultur
Es ist nicht immer möglich, die Aufgaben beziehungsweise Absichten der Ansätze sauber zu trennen, deshalb kann es in einigen Bereichen auch zu Überschneidungen kommen.
Ziel von Outsourcing-Projekten und Betriebsübergängen ist es, die Unternehmensstruktur zu optimieren. Dieses soll erreicht werden durch das Abwerfen/Auslagern von Ballast (kostenintensive Funktionen, repetitive Aufgabenbereiche) und Erhöhung der Flexibilität bei gleichzeitiger Kostenreduktion. Je nach Perspektive werden zusätzlich interne aber auch externe Schnittstellen entlang der Wertschöpfungskette optimiert und reduziert [Hode99, S. 23].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Kontraktlogistik (Stand des Wissens: 17.02.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?285349
Literatur
[Hode99] Hodel, M. Outsourcing-Management kompakt und verständlich, Vieweg, Braunschweig, 1999, ISBN/ISSN 3-528-05727-0
[KlPr07] Rudolph, T.; , Pfohl, H.; , et. al., Klaus, Peter, Prof., Prockl, Günter, Dr. Handbuch Kontraktlogistik - Management komplexer Logistikdienstleistungen, Ausgabe/Auflage 1.Auflage, WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA/Weinheim, 2007, ISBN/ISSN 978-3-527-50203-5
Rechtsvorschriften
[BGB §613a] Bürgerliches Gesetzbuch (BGB)
§ 613a Rechte und Pflichten bei Betriebsübergang
Glossar
Kernkompetenz Die Fokussierung auf Kernkompetenzen (engl. Core competence) ist die Beschränkung der Unternehmensaktivitäten auf das wesentliche Geschäft, in der Regel verbunden mit dem Herauslösen gewinnreduzierender Aktivitäten, die auf spezialisierte Unternehmen übertragen werden, z. B. die Übertragung (Outsourcing) der Logistikfunktionen auf einen Dienstleister.
Verlader Der Verlader ist derjenige Teilnehmer in der Transportkette, der die Ladung/Transportgut erstmals aufgibt. Unter einem Verlader versteht man ein Unternehmen, das Logistikdienstleistungen (Transport, Verladen etc.) bei einem Logistikdienstleister in Auftrag gibt.
Logistikdienstleister Logistikdienstleister (abgekürzt: LDL; Englisch: logistics service provider) bezeichnet die Weiterentwicklung des traditionellen Speditionsgeschäfts. Über Transport, Umschlag und Lagerung (TUL) hinaus bietet der LDL weitere Leistungen und Lösungen an, zum Beispiel kundenbezogene Lagerung, Kommissionierung, Assemblierung, Fakturierung usw. LDL und 3PL werden häufig synonym verwendet.
Outsourcing Beim Outsourcing (Fremdvergabe) werden Aufgaben oder Dienstleistungen, die nicht zum Kerngeschäft eines Unternehmens gehören, ausgelagert, das heißt an externe Unternehmen abgegeben. Die Ausgliederung von Logistikaktivitäten ist die häufigste Form des Outsourcings. Das Wort leitet sich von 'outside' und 'resourcing' ab.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?227993

Gedruckt am Donnerstag, 13. August 2020 02:02:54