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Industrielle Kontraktlogistik

Erstellt am: 31.05.2007 | Stand des Wissens: 27.01.2020
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Die industrielle Kontraktlogistik hat die Bedarfsplanung und Bedarfsdeckung von Materialien und deren dazugehörigen Informationen in der industriellen Wertschöpfungskette zum Gegenstand. Dabei weißt die industrielle Kontraktlogistik nach Klaus und Kille [KlKr12, S. 286f.] unter anderem folgende charakteristische Merkmale auf:

Die logistischen Aktivitäten finden nahe oder innerhalb der Fertigungsstätten der Industrie statt. Außerdem laufen sie meist in spezialisierten, kundenindividuell gestalteten Systemen ab. Die bei Transport und Lagerung anzutreffenden Güter sind vornehmlich Stück- und Ladungsgüter im Materialeingang oder unverpackte industrielle Erzeugnisse und Ersatzteile im Fertigproduktions-Ausgang [KlKr12, S. 286f.]. Die 'Flüsse' der Güter sind vielfach als sogenannte Just-in-Time-Versorgungsketten zwischen Produktionslinien oder aus Pufferlagern in die Produktion organisiert. Der Lieferant liefert nur die Menge, die der Kunde in einem kurzen Zeitraum benötigt, sodass dieser auf eine Lagerung der Ware verzichten kann. Zunehmend werden in die Versorgungsketten leichte Montage- und Konfektionierungsarbeiten integriert [KlKr12, S. 286f.]. Diese Tätigkeiten, die nicht zu den traditionellen logistischen Dienstleistungen zählen, werden als sogenannte Value-Added-Services bezeichnet [KlKr12, S. 375].

Die Subsegmente der industriellen Kontraktlogistik werden nach Branchen unterteilt. Dazu gehören unter anderem die Automobilwirtschaft, die metallverarbeitende Industrie, Holz-, Papier-, Glas-, und Kunststoffindustrie und auch die elektronische Industrie. Die Produkte und Systeme in der industriellen Kontraktlogistik können sehr heterogen ausgestaltet sein. Die Dienstleister benötigen hohe Kompetenzen in der Informationstechnologie, damit die Kommunikation zwischen den Systemen der Lieferanten und Hersteller gewährleistet werden und ein optimaler Prozess stattfinden kann [KlKr12, S. 287]. Darüber hinaus wird die Fähigkeit und die Bereitschaft benötigt, auch nicht-traditionelle Logistikaufgaben zu übernehmen. Dazu gehören Montagetätigkeiten, Aufbaudienste, C-Teile-Management, Entsorgungsdienste sowie Service- und Kundenbetreuungsaufgaben. Kreativität und Innovationsfähigkeit sind bei der Optimierung von Strukturen und Prozessen ein wichtiger Bestandteil. Die Ausprägung dieser Fähigkeiten kann zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil bei den Dienstleistern führen [KlKr12, S. 287f.]. In der 'Die Top 100 der Logistik 2016/2017' Studie der Fraunhofer Arbeitsgruppe für Supply Chain Services wird von einem Marktpotenzial der industriellen Kontraktlogistik von 74,0 Milliarden Euro im Jahre 2015 ausgegangen (siehe Abbildung 1) [Schw16, S. 6]. Das entspricht einem Anteil von etwa 35,1% am Gesamtlogistikmarktvolumen [Schw16, S. 6].
Kreisdiagram Marktvolumen der Marktsegmente der Logistik in Deutschland 2015Abb. 1: Marktvolumen der Marktsegmente der Logistik in Deutschland 2015 (in Anlehnung an [Schw16, S. 6]) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Zudem ist in der industriellen Kontraktlogistik anzunehmen, dass der Anteil der outgesourcten Dienstleistungen zunehmen wird [MuGr16, S. 20]. Das Potenzial ist größer als in der Konsumgüterkontraktlogistik (35 Prozent outgesourct), da der aktuelle Outsourcing Anteil nur bei 25 Prozent liegt (vergleiche zugehöriger Synthesebericht). In der Industrie ist zu beobachten, dass neben klassischen Logistikdienstleistungen immer mehr logistikfremde Dienstleistungen ausgelagert werden [MuGr16, S. 8]. Außerdem gibt es ein Entwicklungspotenzial in der Branche bezüglich des Konzentrationsgrades. Dieses ist zurzeit noch sehr niedrig. Zudem wird aufgeführt, dass die Aufträge derzeitig noch an bekannte und regionale Speditionen vergeben werden [MuGr16, S. 7f.]. Allerdings gibt es in einigen Teilbranchen auch wieder vermehrtes Insourcing. So kann eine Branche aus Dienstleistersicht unattraktiv werden, da hier durch großen Wettbewerb, hochprofessionelle Vergabepraktiken und einer ungleichen Machtverteilung die Margen zu gering werden. Ein Beispiel diesbezüglich stellt die Automobilbranche dar [MuGr16, S. 7f.; BuWr15; MuGr2014].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Kontraktlogistik (Stand des Wissens: 17.02.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?285349
Literatur
[BuWr15] Moike Buck, Heiko Wrobel Branchenanalyse Kontraktlogistik, Working Paper Forschungsförderung / Düsseldorf, 2015/12
[KlKr12] Klaus, Krieger, Krupp Gabler Lexikon Logistik: Management logistischer Netzwerke und Flüsse, Ausgabe/Auflage 5. Auflage, Gabler, 2012
[MuGr16] Muntzke, Hans-Peter , Gronemeier, Thomas Transport/Logistik, 2018
[MuGr2014] Hans-Peter Muntzke, Thomas Gronemeier Branchenreport Transport/Logistik, Frankfurt / Commerzbank AG, 2014
[Schw16] Schwemmer, Martin Top 100 der Logistik 2016/2017 , 2016/10
Glossar
Just-In-Time "Just-In-Time" (JIT) ist ein Transportservice, bei dem die Auslieferung von Waren zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeführt wird. Der Kunde legt vorher fest, wann und wohin die Güter geliefert werden sollen. Häufig wird JIT in der Produktions-Logistik eingesetzt, um eine produktionssynchrone Beschaffung umzusetzen. Mit diesem Prinzip lassen sich beispielsweise Zwischenlager sparen und somit Kosten senken.
Supply Chain Als Supply Chain (Liefer- oder Wertschöpfungskette) bezeichnet man ein organisationsübergreifendes Netzwerk, welches als Gesamtsystem Güter für einen bestimmten Markt hervorbringt. Die heutigen Supply Chains sind aufgrund der Vielzahl von beteiligten Zulieferern, Dienstleistern und Kunden - die wiederum an anderen Supply Chains beteiligt sein können - sehr komplexe, interdependente Gebilde. Treffender müsste daher eine Supply Chain, aufgrund der häufig vorkommenden netzwerkartigen Struktur der zusammenarbeitenden Unternehmen, als "Supply Network" bezeichnet werden.
Outsourcing Beim Outsourcing (Fremdvergabe) werden Aufgaben oder Dienstleistungen, die nicht zum Kerngeschäft eines Unternehmens gehören, ausgelagert, das heißt an externe Unternehmen abgegeben. Die Ausgliederung von Logistikaktivitäten ist die häufigste Form des Outsourcings. Das Wort leitet sich von 'outside' und 'resourcing' ab.
Value Added Service Unter einem Value Added Service (Mehrwertdienst/ Zusatzdienstleistung) wird ein Instrument der Servicepolitik verstanden. Der Value Added Service umfasst dabei alle produktbegleitenden Dienstleistungen. Hierbei handelt es sich um ein Leistungsbündel aus materiellen und immateriellen Komponenten, welches einer bestimmten Zielgruppe neben der Primärleistung, d.h. dem Kernprodukt, einen zusätzlichen Wert bzw. Nutzen, in Form einer Sekundärleistung, stiftet.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?226558

Gedruckt am Freitag, 7. August 2020 20:18:23