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Öffentlicher Personennahverkehr unter Berücksichtigung der Belange von Kindern und Jugendlichen

Erstellt am: 03.07.2006 | Stand des Wissens: 30.04.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre nutzen von allen Altersklassen den öffentlichen Personenverkehr mit anteilig 14 Prozent am häufigsten [infas10, S. 77]. Er gilt als die sicherste Art der Fortbewegung im Kindesalter [StaBu17c, S. 8; ,StBu17g S.7], zudem wird das zukünftige Verkehrsmittelwahlverhalten der Kinder und Jugendlichen durch deren Erfahrungen mit dem ÖPNV geprägt [FGSV12, S. 8 f.; Inno12, S.14f.]: "Machen Kinder gute Erfahrungen mit Bussen und Bahnen, so besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie diese auch als Erwachsene weiter benützen" [BLFU14, S. 38]. Die Gestaltung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sollte sich folglich auch an den spezifischen Bedürfnissen von jungen Menschen orientieren. Umfassende Informationen zu einem kind- und jugendgerechten ÖPNV-Angebot enthalten insbesondere die folgenden Publikationen:
  • Leitfaden für den Schülerverkehr (2012) [FGSV12],
  • Arbeitspapier der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) "Hinweise zur Integration der Belange von Kindern in die Verkehrsplanung" (2010) [FGSV10a] und
  • Öffentlicher Personennahverkehr - Anforderungen jüngerer Menschen an öffentliche Verkehrssysteme (1998) [FGSV98e].
Generell stellen Kinder und Jugendliche ebenso wie Erwachsene die Grundanforderungen Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Schnelligkeit an das ÖPNV-Angebot [FGSV98e, S. 22]. Weitere Anforderungen sind Verständlichkeit der Fahrgastinformationen, Sauberkeit, Fahrgastservice, freundliches Personal, Sicherheit und ausreichende Sitzplätze [VCD18a; KFM, S. 38]. Die spezifischen Nutzungsanforderungen werden im Folgenden anhand der Aspekte Netzplanung und Fahrtenangebot, Haltestellen, Fahrzeuge, Tarifsystem sowie Marketing und Beteiligung dargestellt.

Die Anforderungen von Kindern und Jugendlichen an die Netzplanung und das Fahrtenangebot des ÖPNV unterscheiden sich dabei im Allgemeinen nach drei Zeitfenstern mit verschiedenen Handlungsmustern [FGSV98e, S. 21]:
  • "Ausbildungsverkehr": werktags von circa 7:00 bis circa 14:00 Uhr
  • "Freizeitverkehr": täglich circa 14:00 bis circa 20:00 Uhr
  • "abendlicher und nächtlicher Freizeitverkehr": täglich ab circa 20:00 Uhr
Ausbildungs-/Schülerverkehr: Wünschenswert ist eine schnelle und direkte Beförderung der Schüler, die auf die Unterrichtsanfangs- und -endzeiten abgestimmt ist. Kombinieren sich aufgrund einer ungünstigen Verbindung lange Reisezeiten mit Wartezeiten vor der Schule, kann das Angebot des öffentlichen Verkehrs unattraktiv werden. Es provoziert, dass Kinder und Jugendliche von ihren Eltern mit dem Pkw zur Schule gefahren werden [Limb00, S. 107].
Weiterhin sollte eine hohe Beförderungsqualität gegeben sein, um Vandalismus vorzubeugen und ein positives Image des ÖPNV bei jungen Menschen zu erhalten beziehungsweise zu fördern. Das heißt, dass ausreichend Sitzplätze zur Verfügung stehen und die Fahrzeugausstattung dem normalen Linienverkehr entspricht [FGSV98e, S. 30 f.].

Freizeitverkehr: Nicht nur die schulischen Aktivitäten sondern auch die vielfältigen Standorte von Freizeitbeschäftigungen (Musikschule, Sportverein, Besuch von Freunden) sollten mit dem ÖPNV gut erreichbar sein. Ein attraktives Linien- und Haltestellennetz mit dichtem Takt fördert die Selbstständigkeit junger Menschen und macht sie unabhängig von den Bring- und Holdiensten ihrer Eltern [FGSV98e, S. 38]. Ebenfalls förderlich ist eine optimierte Anschluss- und Wartezeit [Foll10, S. 29]

Abendlicher und nächtlicher Freizeitverkehr: Typische Nutzerwünsche sind Fahrten zu und von Theater, Kino, Kneipe oder Diskothek zu unterschiedlichen Zeiten sowie das Pendeln zwischen verschiedenen Aktivitätsstandorten [FGSV98e, S. 25]. Für unter 18-Jährige sind Rückfahrten kurz vor Mitternacht relevant, damit sie sich gemäß den Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes verhalten können [FGSV98e, S. 224]. Nachtbusse und Anrufsammeltaxen stellen eine wichtige Komponente dar, um diesen Anforderungen gerecht zu werden [FGSV98e, S. 24 ff.].

Die Lage der Haltestellen sollte ein verkehrssicheres Ein- und Aussteigen gestatten. Haltestellen sollten genügend Warteflächen für größere Anzahlen von Kindern bieten und übersichtlich gestaltet sein [Limb00, S. 106]. Fahrpläne sind so anzubringen, dass sie auch von Kindern eingesehen werden können [Graz01, S. 53]. Ebenso sollten die Pläne logisch und verständlich für Kinder sein. Auch die soziale Sicherheit sollte berücksichtigt werden, eine gute Beleuchtung und Einsehbarkeit ist von Vorteil [BLFU14, S. 40]. Weitergehende Empfehlungen hinsichtlich möglichen baulichen Maßnahmen an Haltestellen enthält der "Leitfaden für den Schülerverkehr" [FGSV12].

Vor allem Jugendliche weisen vergleichsweise hohe Anteile an der Rad- und ÖV-Nutzung auf, so dass die Möglichkeit der Fahrradmitnahme zur Bildung von Fahrtenketten für diese Personengruppe besonders von Interesse ist. Das Angebot zur Fahrradmitnahme unterliegt fahrzeugseitigen Voraussetzungen. Es muss ausreichend Raum zum Unterbringen der Fahrräder vorhanden sein und der Höhenunterschied zwischen Fahrzeug und Bahnsteig/Haltestelle sollte möglichst gering sein (der Einsatz der Niederflurtechnik ist vor großem Vorteil). Ist mit einem hohen Nutzeranteil an Radfahrern zu rechnen, sollten die Fahrzeuge beispielsweise mit Halterungen für Fahrräder oder Fahrradanhängern ausgerüstet sein [FGSV98e, S. 33 f.].

Jugendliche verfügen häufig über kein eigenes oder nur geringes Einkommen. Daher ist ein preisgünstiges und übersichtliches Tarifsystem wichtig, das zielgruppenspezifische Angebote enthält (Schülerticket, Schülerfreizeitkarte, Ferienticket). Um die Nutzung von Nachtbussen zu erhöhen, kann eine Kombination mit Eintrittskarten für Kinos und Diskotheken oder die Anrechnung auf Verzehrpreise in Gaststätten sinnvoll sein [FGSV98e, S. 35, BLFU14, S. 39].

Unterstützend zu einem attraktiven ÖPNV-System sollten Marketing und Kundenbeteiligung die Nutzung des ÖPNV fördern. Betreffend der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in die Marketingstrategie gibt es jedoch bei den meisten Verkehrsunternehmen noch viel Potential. Über Maßnahmen wie Kundenbarometer, Fahrgastbeiräte, Beschwerdemanagement und Mobilitätsunterricht an Schulen können Jugendliche in die Angebotsgestaltung des ÖPNV einbezogen werden. Auch bei der Gestaltung der Fahrzeuge, Haltestellen und Fahrpläne können Kinder einen Beitrag leisten [BLFU14, S. 40].
Die Verkehrsunternehmen sollten auf ihre junge Kundschaft direkt zugehen. Hier bieten sich Informationen zum bestehenden Verkehrsangebot (beispielsweise als Aushänge in Schulen), Betriebsbesichtigungen oder Unterrichtsmaterialien an [FGSV98e, S. 32; FGSV12, S. 54 ff.].
Die lokale Nahverkehrsgesellschaft Frankfurt am Main bietet beispielsweise Mobilitätsberatung und Aufklärung in Frankfurter Schulen an, welche im Rahmen des EU-Forschungsprojektes "Step by Step - Public Awareness for Clean Urban Transport" entwickelt wurde [VGF17, traff17].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Mobilität von Kindern und Jugendlichen (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?195757
Literatur
[BLFU14] Österreichisches Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (Hrsg.) Kinderfreundliche Mobilität - Ein Leitfaden für eine kindergerechte Verkehrsplanung und -gestaltung, 2014
[FGSV10a] FGSV-Arbeitskreis 1.1.1 "Gender und Mobilität" , Annette Albers, Karin Arndt, Gabriele Feller, Ulrike Huwer, Claudia Jürgens, Silvia Körntgen, Angelika Klein, Ursula Lehner-Lierz, Jörg von Mörner, Marcus Steirwald, Gisela Stete, , Hinweise zur Integration der Belange von Kindern in die Verkehrsplanung , 2010, ISBN/ISSN 978-3-941790-26-1
[FGSV12] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) (Hrsg.) Leitfaden für den Schülerverkehr, Köln, 2012
[FGSV98e] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Öffentlicher Personen-Nahverkehr. Anforderungen jüngerer Menschen an öffentliche Verkehrssysteme, 1998
[Foll10] Prof. Dr.-Ing. Jürgen Follmann, Marcell Biederbick Konzept für einen zukunftsfähigen ÖPNV bei der Schülerbeförderung im Kreis Offenbach, 2010
[Graz01] Kinderbüro Graz Kindergerechte Verkehrsplanung. Ein Handbuch für die Praxis, Graz, 2001
[infas10] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) , 2010/02
[Inno12] Bock, B., Deibel, I., Schönduwe, R. Alles wie immer, nur irgendwie anders? Trends und Thesen zu veränderten Mobilitätsmustern junger Menschen, 2012
[Limb00] Flade, A., Dr. Dipl. Psych., Limbourg, M., Prof. Dra., Schönharting, Jörg, Univ.-Prof. Dr. techn. Mobilität im Kindes- und Jugendalter, Leske + Budrich, 2000
[StaBu17c] Verkehrsunfälle - Kinderunfälle im Straßenverkehr 2016, 2017/08/16
[StBu17g] Unfälle von 15- bis 17-Jährigen im Straßenverkehr 2016, 2017/10/13
[traff17] traffiQ (Hrsg.) Fit für den Schulweg, 2017
[VCD18a] Verkehrsclub Deutschland (VCD) e. V. (Hrsg.) Anforderungen an einen kundenfreundlichen Nahverkehr, 2018
[VGF17] Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main GmbH (Hrsg.) Achtung Bahn!, 2017
Weiterführende Literatur
[ADAC15a] Winkler, R., Leven, T., Leven, J., Beyen, M., Gerlach, J. Das "Elterntaxi" an Grundschulen, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, ADAC e. V., München, 2015
[Limb97b] Limbourg, M., Prof. Dra. Kinder unterwegs im Verkehr - Ansätze zur Erhöhung der Verkehrssicherheit im Kindesalter, veröffentlicht in Verkehrswachtforum, Ausgabe/Auflage Heft 3, Meckenheim, 1997
Glossar
ÖV
Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist im Personen-, Güter- und Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer in einer Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen sowohl die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch die öffentlichen Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten Multimodalität wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch alternative Bedienformen, Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?197479

Gedruckt am Freitag, 10. Juli 2020 05:19:13