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Verkehrssicherheit von Kindern und Jugendlichen

Erstellt am: 31.05.2006 | Stand des Wissens: 30.04.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die Verkehrssicherheit ist eine wesentliche Voraussetzung zur Gewährleistung und Förderung der (eigenständigen) Mobilität von Kindern und Jugendlichen. Dabei ist zwischen objektiver und subjektiver Sicherheit zu unterscheiden. Erstere spiegelt sich in den Statistiken zum Unfallgeschehen wider.

Die Anzahl der im Straßenverkehr verunglückten Kinder unter 15 Jahren ist in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen. Im Jahr 1990 verunglückten in Deutschland etwa doppelt so viele Kinder wie im Jahr 2016. Das Risiko, als Kind im Straßenverkehr getötet zu werden, war 1990 ungefähr achtmal so hoch wie im Jahr 2016. Trotz der deutlichen Verbesserung über die vergangenen Jahrzehnte, sank die Anzahl der verunglückten Kinder in den letzten Jahren nur noch geringfügig von 2011 auf 2016 um 7 Prozent. 2016 verunglückten sogar 1,1 Prozent mehr Kinder als noch 2015. Es ist somit äußerst wichtig, trotz der tendenziell rückläufigen Entwicklung der Unfallzahlen von Kindern und Jugendlichen, weiterhin an einem Rückgang der immer noch zu hohen Unfallzahlen zu arbeiten. Im Jahr 2016 verunglückten in Deutschland 28.547 Kinder unter 15 Jahren, darunter 66 tödlich (siehe Abbildung 2). Im Vergleich zu anderen Ländern der Europäischen Union, liegt Deutschland betreffend der im Straßenverkehr getöteten Kinder unter 15 Jahren nur im Mittelfeld. [Dest16g]
Die meisten Kinder verunglücken 2016 mit einem Anteil von 38,8 Prozent als Insassen eines Pkw. Radfahrer verunglücken mit einem Anteil von 32,4 Prozent ähnlich häufig. 23,1 Prozent der verunglückten Kinder waren zu Fuß unterwegs [Dest16g]. Generell steigt das Risiko, im Straßenverkehr zu verunglücken mit zunehmenden Alter.
35981_Verunglueckte_unter_15.PNGAbbildung 1:  Verunglückte Kinder unter 15 Jahren bei Straßenverkehrsunfällen [Dest16g, S. 20f.]
35981_Getoetete_unter_15.PNGAbbildung 2: Verunglückte Kinder unter 15 Jahren bei Straßenverkehrsunfällen [Dest16g, S. 20f.]

Die subjektive Verkehrssicherheit, also die persönliche Einschätzung des Risikos einen Unfall zu erleiden, ist schwieriger zu erfassen. In Bezug auf Kinder und Jugendliche werden in den letzten Jahren Defizite im Rückgang der eigenständigen Mobilität deutlich. Eltern führen häufiger Hol- und Bringdienste aus, um ihre Kinder vor den "Gefahren" des Straßenverkehrs zu schützen [Limb97a, S. 6]. Die Fähigkeiten zur sicheren Verkehrsteilnahme entwickeln sich erst mit der körperlichen und geistigen Reife sowie und durch eigene Erfahrungen [Funk02a, S. 28, Limb97a, S. 3]. Daher führen Sicherheitsbedenken der Eltern in Form von Bringdiensten und ähnlichen begleiteten Wegen paradoxerweise zu Verzögerungen und Defiziten in der Entwicklung dieser Fähigkeiten bei ihren Kindern, womit die Unfallgefährdung junger Menschen steigt. Um dem entgegenzuwirken, ist eine objektiv und subjektiv sichere Gestaltung des Verkehrsraums genauso wichtig, wie das Umdenken besorgter Eltern betreffend der Selbstständigkeit ihrer Kinder im Straßenverkehr. [ADAC15a]

Bereits in jungen Jahren muss bei Kindern der Grundstein für die eigeneständige und sichere Mobilität gelegt werden. Dazu werden verschiedenste Programme und Maßnahmen durchgeführt. Ein besonderes Gewicht wird in der Verkehrssicherheitsarbeit auf die schulische Verkehrserziehung gelegt, die sich mehr und mehr durch eine Berücksichtigung von sozial-, umwelt- und gesundheitserzieherischen Aspekten zu einer Mobilitätserziehung entwickelt. Es gilt, diese Erziehung zu erhalten und zu erweitern, um die heranwachsenden Generationen auf die Mobilitätsherausforderungen der Zukunft vorzubereiten.

Ursachen für Unfälle mit Kindern liegen zum Teil [Limb97a, S. 29; ADAC15c]
  • beim Kind, da die Fähigkeiten zur sicheren Verkehrsteilnahme erst mit dem Lebensalter entwickelt werden müssen, beziehungsweise die Entwicklung durch beispielswiese besorgte Eltern gehemmt ist
  • bei Autofahrer/-innen, da sie zu wenig auf kindliche Verhaltensweisen eingehen und zu wenig auf Kinder Acht geben und
  • bei der Verkehrsplanung, da durch ungünstige Maßnahmen Kinderunfälle begünstigt werden können.
Um letztlich die Verkehrssicherheit von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu verbessern, muss auch in Zukunft an den genannten Punkten gearbeitet werden, da die Herausforderungen aufgrund von beispielsweise steigender Verkehrsbelastung in den nächsten Jahren noch größer werden.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Mobilität von Kindern und Jugendlichen (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?195757
Literatur
[ADAC15a] Winkler, R., Leven, T., Leven, J., Beyen, M., Gerlach, J. Das "Elterntaxi" an Grundschulen, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, ADAC e. V., München, 2015
[ADAC15c] Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e. V. (ADAC) (Hrsg.) Kinder als Fußgänger - der Schulweg, 2015
[Dest16g] Verkehrsunfälle - Kinderunfälle im Straßenverkehr, Ausgabe/Auflage 2016, Wiesbaden, 2016/08/16
[Funk02a] Funk, W. Beteiligung, Verhalten und Sicherheit von Kindern und Jugendlichen im Straßenverkehr, veröffentlicht in Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Mensch und Umwelt , Ausgabe/Auflage Heft M 138, Wirtschaftsverlag NW, Bremerhaven, 2002
[Limb97a] Limbourg, M., Prof. Dra. Kind und Verkehr - alles verkehrt? Kindspezifische Mechanismen und Verhaltensmuster als Auslöser für Unfälle im Verkehr, veröffentlicht in Bericht über die 3. Saarländische Ökopädiatrie - Tagung "Wohin geht die Fahrt?", Saarbrücken, 1997
Weiterführende Literatur
[mobil08] Hartmeier, Uwe Mobil sein mit allen Sinnen, veröffentlicht in Verkehrszeichnen, 2008
[VErz07] Utzmann, I., Gerlach, Jürgen, Prof. Dr., Limbourg, M., Prof. Dra. Qualitätssicherung in der Verkehrserziehung, veröffentlicht in Zeitschrift für Verkehrssicherheit, 2007/2
[RWTH19] Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr, RWTH Aachen, PTV Planung Transport Verkehr AG, Team Verkehrswissenschaft & Verkehrspsychologie der Deutschen Hochschule der Polizei, DTV-Verkehrsconsult GmbH (Hrsg.) Sicherere Straßen durch Früherkennung von Gefahrenstellen, 2019/07/19
[ADAC15b] Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e. V. (ADAC) (Hrsg.) Studie: Elterntaxi zur Schule ist ein Risiko, 2015
[VErz08] Utzmann, I. Zur summativen Evaluation von Maßnahmen der Verkehrserziehung und -aufklärung, veröffentlicht in Zeitschrift für Verkehrssicherheit, 2008

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?195072

Gedruckt am Donnerstag, 24. September 2020 06:20:33