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Raumordnung und Raumentwicklung

Erstellt am: 17.01.2005 | Stand des Wissens: 09.01.2020
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Der Begriff "Raumordnung" wird in unterschiedlicher Bedeutung verwendet [ARL05, S. 863]:
  • die bestehende Raum- und Siedlungsstruktur eines größeren Gebietes,
  • eine leitbildhafte, normative Vorstellung von der Ordnung und Entwicklung des Raumes,
  • die Tätigkeit und der Einsatz von Instrumenten zur leitbildgerechten Gestaltung des Raumes.
Der Begriff "Raumentwicklung" wird oft anstatt des Begriffes Raumordnung verwendet, beispielsweise beim Europäischen Raumentwicklungskonzept (EUREK) oder bei den mit Angelegenheiten der Raumordnung befassten Institutionen, beispielsweise das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) oder das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Durch Nutzung des Begriffes Raumentwicklung wird verdeutlicht, dass das Aufgabenverständnis der entsprechenden Institutionen oder auch Dokumente "über Ordnungsvorstellungen hinausreicht und räumliche Entwicklungskonzepte fachübergreifender Art einschließt" [ARL05, S. 864].
Die Raumordnung basiert in den einzelnen Planungsebenen auf unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen. Die  Europäische Union (EU) besitzt beispielsweise derzeit keine direkten Kompetenzen im raumordnerischen Bereich. Raumordnung ist Aufgabe der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten. In Deutschland ist der Themenkomplex Raumordnung und Raumentwicklung dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat zugeordnet. Das Grundgesetz gibt dem Bund die Rahmenkompetenz für raumordnerische Belange zugesprochen. Diese findet im Raumordnungsgesetz (ROG) ihren Ausdruck. Im ROG sind die Aufgaben, Leitvorstellungen und Grundsätze der Raumordnung in Deutschland festgelegt. Raumordnung als Gestaltungs- und Verwaltungsaufgabe ist in Deutschland Aufgabe der Bundesländer (Landesplanung), die auch ihre eigenen Gesetze erlassen können. Das ROG bietet die rechtliche Grundlage.
Zur Beschreibung vergleichbarer räumlicher Gegebenheiten und zur Beobachtung räumlicher Entwicklungstendenzen wird der Raum in Raumkategorien eingeteilt (zum Beispiel nach Stadt- und Gemeindetyp, Raumtypen 2010).

Das Ziel der Raumordnung ist eine langfristig angelegte Raumentwicklung [BBR05a]. Der Raumordnungsbericht 2011 beschreibt dafür die folgenden Herausforderungen [BBSR12a, Seite 7]:
  • Herstellung gleichwertiger regionaler Lebensverhältnisse,
  • Sicherung der Daseinsvorsorge unter den Bedingungen des demographischen Wandels,
  • Einhaltung der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit deutscher Regionen,
  • Gewährleistung einer zukunftsfähigen Mobilität,
  • Ausbau erneuerbarer Energieproduktion und der Schutz des Klimas sowie die Anpassung an den Klimawandel,
  • Begrenzung baulicher Freirauminanspruchnahme.
Das Ziel der Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen in Deutschland wurde auf Grund der seit den 1990er Jahren stattfindenden Veränderungen der politischen und sozioökonomischen sowie -demografischen Rahmenbedingungen zunehmend infrage gestellt beziehungsweise zunehmend neu interpretiert [Hah05]. Im März 2016 verabschiedeten die Raumordnungsminister von Bund und Ländern die neuen "Leitbilder und Handlungsstrategien für die Raumentwicklung" in Deutschland [BMVI16x]. Im Ergebnis eines langen Diskussionsprozesses (eine wichtige Grundlage bildete der Raumordnungsbericht 2005) sieht sich die Raumordnungspolitik weiterhin dem Ziel der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in allen Teilräumen Deutschlands verpflichtet. Das Leitbild 2 "Daseinsvorsorge sichern" berücksichtigt allerdings die Folgen der demografischen Veränderungen sowie die knapper werdenden öffentlichen Finanzmittel. Zudem gibt es drei weitere Leitbilder: Leitbild 1 "Wettbewerbsfähigkeit steigern", Leitbild 3 "Raumnutzungen steuern und nachhaltig entwickeln" und Leitbild 4 "Klimawandel und Energiewende gestalten".
Der aktuell gültige Raumordnungsbericht 2017 widmet sich ausschließlich dem fachlichem Aspekt der "Sicherung der Daseinsvorsorge" [BBSR17] und beleuchtet grundlegend die Zusammenhänge zwischen demografischer und wirtschaftlicher Entwicklung und das Zusammenspiel von Raumordnung und Fachplanungen.
Als überörtliche und fachübergreifende Planung hat die Raumordnung die Aufgabe, unterschiedliche Nutzungsansprüche der raumbedeutsamen Fachplanungen in räumliche Gesamtkonzepte zu integrieren. Neben der Städtebau- und Wohnungspolitik und der regionalen Strukturpolitik ist die Fachplanung Verkehr aus dem Bereich der Umwelt integraler Bestandteil der räumlichen Planung [ARL05].
Die zu beobachtenden demografischen Entwicklungen, beispielsweise niedrige Geburtenraten und die Zuwanderung verschiedener Kulturen, werden die zukünftige Raumentwicklung in Gesamtdeutschland, den Regionen sowie in regionalen Teilräumen entscheidend prägen.
Die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit sozialen, ver- und entsorgungstechnischen, verkehrlichen, kulturellen und weiteren Infrastrukturen zählt zu den vorrangig von der Raumplanung und der Raumordnungspolitik zu bewältigenden Aufgabenstellungen.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Raumordnung und Raumentwicklung (Stand des Wissens: 09.01.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?45947
Literatur
[ARL05] Aberle, G. et al. Handwörterbuch der Raumordnung, Ausgabe/Auflage 4. neu bearbeitete Auflage, Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, 2005, ISBN/ISSN 978-3-88838-555-1
[BBR05a] Lutter, H. Raumordnungsbericht 2005, 2005
[BBSR17] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) Raumordnungsbericht 2017 - Daseinsvorsorge sichern, 2017/06, ISBN/ISSN 978-3-87994-216-9
[BMVI16x] Ministerkonferenz für Raumordnung Leitbilder und Handlungsstrategien für die Raumentwicklung in Deutschland, 2016/03/09
[Hah05] Hahne, Ulf Zur Neuinterpretation des Gleichwertigkeitsziels, veröffentlicht in Raumforschung und Raumordnung, Ausgabe/Auflage 63. Jg. Nr. 4, 2005, ISBN/ISSN 0034-0111
Weiterführende Literatur
[KJB02a] Beckmann, K. Anforderungen einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung - Chancen einer Integration von Raum- und Verkehrsplanung, 2002
[BBR02b] Beaucamp, G. Die Leitvorstellung der nachhaltigen Raumentwicklung, veröffentlicht in Raumforschung und Raumordnung, Ausgabe/Auflage Ausgabe 3-4/2002, 2002
[EBfR01] o.V. Empfehlungen des Beirats für Raumordnung zum künftigen Verhältnis von Raumordnung und Strukturpolitik, 2001
[euro99] Europäische Kommission EUREK Europäisches Raumentwicklungskonzept, 1999/05, ISBN/ISSN ISBN
[ARL11] Akademie für Raumforschung und Landesplanung Grundriss der Raumordnung und Raumentwicklung, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, VSB Verlagsservice Braunschweig, 2011/03/14, ISBN/ISSN 978-3-88838-554-4
[BBR01g] Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung Herausforderungen des demographischen Wandels für die Raumentwicklung in Deutschland, 2004/09/09
[MKRO16] Ministerkonferenz für Raumordnung Leitbilder und Handlungsstrategien für die Raumentwicklung in Deutschland, 2016/09/03
[Böll19] Heinrich Böll Stiftung (Hrsg.) Mobilitätsatlas 2019 - Daten und Fakten zur Verkehrswende, 2019/11
[Hol05a] Holz-Rau , Christian , Prof. Dr.-Ing. Nachhaltige Raum- und Verkehrsplanung. Beispiele und Handlungsempfehlungen, Wirtschaftsverlag NW, Verlag für Neue Wissenschaft / Bremerhaven, 2005, ISBN/ISSN 3-86509-261-6
[JeLe00] Lenz, B., Jessen, J., Vogt, W. Neue Medien, Raum und Verkehr Wissenschaftliche Analysen und praktische Erfahrungen, veröffentlicht in Stadtforschung aktuell, Ausgabe/Auflage 79, Leske + Budrich, Opladen, 2000, ISBN/ISSN 3-8100-2931-9
[BBSR12a] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) Raumordnungsbericht 2011, Bonn, 2012/06
[Motz05] Motzkus, A. Raum und Verkehr im Kontext von Wachstum und Schrumpfung - Zwischen Kompaktheit und Dispersion, Urbanität und Suburbanität, Zentralität und Peripherie, veröffentlicht in Raumplanung, Ausgabe/Auflage 119, 2005
[ROG] Raumordnungsgesetz (ROG)
Glossar
BBSR
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung
Das BBSR im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) ist seit 2018 eine Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI). Es berät die Bundesregierung bei Aufgaben der Stadt- und Raumentwicklung sowie des Wohnungs-, Immobilien- und Bauwesens. (BMVBS bis 2013, BMUB bis 2018)

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?127442

Gedruckt am Mittwoch, 27. Oktober 2021 08:57:47