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Beschäftigungsstruktur in der Binnenschifffahrt

Erstellt am: 26.11.2004 | Stand des Wissens: 26.02.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Die Arbeitsbedingungen in der deutschen Binnenschifffahrt werden vom Bundesamt für Güterverkehr folgendermaßen charakterisiert: Binnenschiffer führen körperlich anstrengende Arbeiten auf schwankendem und oft rutschigem Boden aus, unterliegen unterschiedlichen klimatischen und witterungsabhängigen Verhältnissen und sind zudem starkem Lärm, Vibrationen und teilweise Stäuben, chemischen Gasen und Dämpfen ausgesetzt. Weiterhin führen die in der Binnenschifffahrt üblichen Arbeitszeitsysteme zu längeren Abwesenheitszeiten von zu Hause, was sich psychisch belastend auswirken kann [BAG09a, S. 14ff.; BAG10, S. 62ff.].
Die hohen physischen und psychischen Belastungen spiegeln sich im Krankheitsgeschehen wider: die durchschnittliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit liegt über der in anderen Berufsfeldern. Der Anteil derjenigen, die aufgrund verminderter Erwerbstätigkeit vorzeitig in den Ruhestand gehen, ist ungefähr im Durchschnitt aller Berufsgruppen [BAG09a, S. 14ff.; BAG10, S. 62ff.].

Die Zahl der in der Binnenschifffahrt Beschäftigten war von 2005 bis 2011 konstant rückläufig. Im Jahr 2012 konnten erstmalig wieder Beschäftigungszuwächse (8,7 Prozent) verzeichnet werden. Seitdem nimmt die Anzahl der Beschäftigten in der Binnenschifffahrt jedoch wieder ab. So waren im Jahr 2016 insgesamt 6.915 Personen beschäftigt, während 2012 noch 7.713 Beschäftigte verzeichnet wurden. Hiervon waren 5.250 dem fahrenden Personal und 1.665 dem Landpersonal zuzuordnen.

Personal16.JPGAbb. 1: Entwicklung der Beschäftigung in der deutschen Binnenschifffahrt [BDB16]

Gleichzeitig lässt sich ein kontinuierlich steigender Altersdurchschnitt der in der deutschen Binnenschifffahrt Beschäftigten feststellen [BAG09a, S. 11]. Die Beschäftigtenzahlen in der Altersgruppe der 25- bis unter 55-Jährigen entwickelte sich in den letzten Jahren rückläufig und lag Ende des Jahres 2015 bei rund 60 Prozent. Demgegenüber steigt die Anzahl der über 55-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Binnenschiffer, die zum gleichen Zeitpunkt 30 Prozent des Personals in der Binnenschifffahrt ausmachten. Rund 3,4 Prozent der Beschäftigten waren Ende 2015 bereits 65 Jahre und älter [BAG15, S.51].

Auch im internationalen Vergleich wird die Alterung deutschen Personals deutlich. Der Großteil des europäischen Schiffsführerpersonals ist älter als 40 Jahre. Das Alter deutscher Schiffsführer liegt über dem europäischen Durchschnitt, was bedeutet, dass ein Großteil der Schiffsführer in 10 bis 20 Jahren in den Ruhestand gehen wird. Auch das deutsche Betriebspersonal ist älter als der europäische Durchschnitt. Ein Drittel des deutschen Personals ist zwischen 53 und 62 Jahre alt. Besonders im Vergleich zu den Niederlanden, die eine deutlich jüngere Altersstruktur aufweisen, stellt die Altersstruktur in Deutschland einen wirtschaftlichen Risikofaktor dar. Der Großteil niederländischer Schiffsführer ist zwischen 30 und 35 Jahre alt, während die über 53-Jährigen, im Gegensatz zu Deutschland, nur noch einen geringen Anteil am Gesamtbestand ausmachen [ZKR14].

Die Ausbildungsaktivität in der deutschen Binnenschifffahrt hat sich dementsprechend in den letzten Jahren deutlich erhöht. Die Gesamtzahl der Auszubildenden lag hierbei im Jahr 2015 bei 313 Personen [ZKR16, S.87]. Dennoch reicht die derzeitige Zahl der Absolventen nicht aus, um das ausscheidenden Personal zu ersetzen [ZKR09, S.50; BAG09a, S. 17ff.]. Der Nachwuchsmangel ist eher auf das fehlende Angebot an Ausbildungsplätzen zurückzuführen als auf fehlendes Ausbildungsinteresse. Zurzeit bildet lediglich ein Teil der Unternehmen fahrendes Personal aus. Während vor allem größere Unternehmen sowie Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen des Bundes teilweise über den eigenen Bedarf ausbilden, bestehen insbesondere bei kleineren Unternehmen kaum Anreize, Ausbildungsplätze zu schaffen [BAG09a, S.3]. Der Bund reagiert seit dem Jahr 1999 auf den Ausbildungsmangel in der Binnenschifffahrt mit einem Förderprogramm. Seit dem Jahr 2003 dürfen zum Beispiel Auszubildende zur Mindestbesatzung gemäß Rheinschiffsuntersuchungsordnung (RheinSchUO) gezählt werden [BAG09a, S. 18].

Dem Problem der Überalterung und dem zunehmenden Arbeitskräftemangel versucht die deutsche Binnenschifffahrt zudem mit dem verstärkten Einsatz ausländischen Personals zu begegnen. Während der Anteil der ausländischen Beschäftigten im Jahr 1999 noch bei 11,9 Prozent lag, betrug dieser im Jahr 2011 23,5 Prozent. Bis zum Jahr 2015 sank der Anteil jedoch wieder auf rund 20 Prozent [BAG15]. Der Anteil der ausländischen Beschäftigten wird in Deutschland von Arbeitskräften aus Mittel- und Osteuropa, wie beispielsweise Polen, Tschechen, Rumänen, Bulgaren und Ungarn, dominiert [BAG09a, S. 11f.; ZKR09, S. 33ff.; ZKR13d].
Nach der Tarifvereinbarung 2016/2017 erhöhten sich die Personalkosten, da das tarifgebundene fahrende Personal ab dem 1. September 2016 um 2,6 Prozent und ab dem 1. Januar 2017 weitere 2,2 Prozent mehr Lohn erhielt [BaG18, S.36].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Binnenschifffahrt (Stand des Wissens: 03.04.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?90920
Literatur
[BAG09a] Bundesamt für Güterverkehr (BAG) BAG - Marktbeobachtung Personalsituation in der deutschen Binnenschifffahrt, 2009
[BAG10] Bundesamt für Güterverkehr (BAG) Marktbeobachtung Güterverkehr - Monitoring der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr und Logistik, Köln, 2010
[BAG15] Bundesamt für Güterverkehr (Hrsg.) Marktbeobachtung Güterverkehr - Auswertung der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr und Logistik 2015-I
- Fahrerberufe -, 2015
[BaG18] Bundesamt für Güterverkehr (BaG) (Hrsg.) Marktbeobachtung Güterverkehr - Jahresbericht 2017, 2018/07
[BDB16] Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt e.V. (Hrsg.) Daten & Fakten 2016/2017, 2016
[ZKR09] k.A. Marktbeobachtung der europäischen Binnenschifffahrt 2009-1, Marktbeobachtung Nr. 9, Situation von Angebot und Nachfrage im Jahr 2008 und Analyse der Konjunktur Mitte 2009, 2009/10
[ZKR13d] Zentralkommission der Rheinschifffahrt (Hrsg.) Europäische Binnenschifffahrt - Marktbeobachtungen 2013, 2013/09
[ZKR14] Zentralkommission der Rheinschifffahrt (Hrsg.) Europäische Binnenschifffahrt - Marktbeobachtung 2014, 2014/09
[ZKR16] Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (Hrsg.) Europäische Binnenschifffahrt - Marktbeobachtung 2016, 2016/06

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?123527

Gedruckt am Mittwoch, 3. Juni 2020 04:51:22