Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Interessenskonflikte zwischen Hochwasserschutz und Schiffbarmachung von Binnenwasserstraßen

Erstellt am: 15.10.2004 | Stand des Wissens: 02.10.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Die Schiffbarmachung von Flüssen wird häufig im Zusammenhang mit dem Hochwasserschutz thematisiert. Die Begradigung, Kanalisierung und Verbauung von Flüssen hat vielerorts zu einer Verschärfung der Hochwassergefahr geführt, da dies die aufnehmbare Wassermenge der Flüsse reduziert und die Flussgeschwindigkeit des Wassers erhöht [BUND02]. Der Hochwasserschutz steht damit im Konflikt mit Natur- und Umweltschutzbelangen auf der einen Seite und den Anforderungen der Binnenschifffahrt hinsichtlich der Schiffbarkeit von Wasserstraßen auf der anderen Seite [SwZe12].

Gleichzeitig hat Hochwasser negative Auswirkungen auf den Betrieb der Binnenschifffahrt sowie auf weitere, landgebundene Verkehrsträger. Im Zuge des Hochwassers an zahlreichen Flüssen und Kanälen in Mitteleuropa im Jahr 2013 entstanden in Deutschland Schäden an Straßen, Bahntrassen und Wasserstraßen in einem hohen dreistelligen Millionenbetrag. An der Elbe, die mit am schlimmsten von der Hochwasserkatastrophe betroffen war, hatte der Hafen Magdeburg mit 9 Millionen Euro die höchste Schadenssumme zu verzeichnen. Die Flut bedrohte zudem die Existenz der insbesondere kleinen, familiengeführten Binnenschiffer, für die der finanzielle Verlust auf 1.500 Euro pro Schiff und Tag geschätzt wird [WäKn13].

Um die Hochwassergefahr von Ausbau und Neubauvorhaben an Bundeswasserstraßen zu mindern, sind verkehrswasserbauliche Maßnahmen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, die auf die Verbesserung der Verhältnisse für die Schifffahrt abzielen, auf die Gesetze zum Hochwasserschutz abzustimmen. Dabei gilt: Der Bund finanziert Schutzmaßnahmen soweit, dass nach der verkehrlichen Ausbaumaßnahme mindestens das Hochwasserschutzniveau erreicht wird, das vor dem Ausbau bestand. Dazu werden die Auswirkungen von Ausbaumaßnahmen auf die hydraulisch-morphologischen Verhältnisse und auf die Hochwasserabfuhr berücksichtigt. Die wissenschaftliche Untersuchung führt die Bundesanstalt für Wasserbau durch. In der Regel werden Ausbauvorhaben durch kompensatorisch wirkende Maßnahmen ergänzt, zum Beispiel durch Reaktivierung von Retentionspotenzialen (Entsiegelungen, Deichrückverlagerungen) oder durch die Eintiefung von Fahrrinnen. In erster Linie sind jedoch die Länder für ihren Hochwasserschutz zuständig [PLANCO07b; PLANCO07a].

Im Jahr 2002 reagierte die Bundesregierung auf das damalige Hochwasser an der Elbe mit einem 5-Punkte-Programm zum vorbeugenden Hochwasserschutz. Hierzu gehörte die Überprüfung der Ausbauvorhaben des BVWP 2003 auf Hochwasserneutralität [BMVBS05b]. Im Ergebnis konnte für fast alle Projekte eine negative Auswirkung auf den Hochwasserschutz ausgeschlossen werden. Nur bei einem Projekt wurde eine, allerdings nur geringfügig erhöhte Hochwassergefahr festgestellt.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Binnenwasserstraßen (Stand des Wissens: 29.11.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?303052
Literatur
[BMVBS05b] Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.) Handbuch
Umweltbelange an Bundeswasserstraßen, 2005/05
[BUND02] o.A. Ökologischer Hochwasserschutz - Raum für naturnahe Gewässer, Auen und Feuchtgebiete - Schutz für die Menschen, o.O., 2002
[PLANCO07a] Bundesanstalt für Gewässerkunde, PLANCO Consulting GmbH Verkehrswirtschaftlicher und ökologischer Vergleich der Verkehrsträger Schiff, Straße, Schiene, o.O., 2007/11
[PLANCO07b] PLANCO Consulting GmbH, Bundesanstalt für Gewässerkunde Verkehrswirtschaftlicher und ökologischer Vergleich der Verkehrsträger Straße, Schiene und Wasserstraße. Schlussbericht. Zusammenfassung, 2007/11
[SwZe12] Swen Zehetmair Zur Kommunikation von Risiken
Eine Studie über soziale Systeme im Hochwasserrisikomanagement, Springer/Wiesbaden, 2012
[WäKn13] Thomas Wägener, Christian Knoll Millionen-Schäden nach dem Hochwasser, veröffentlicht in Binnenschifffahrt, 2013/07
Rechtsvorschriften
[HWSchuG] Gesetz zur Verbesserung des vorbeugenden Hochwasserschutzes
Glossar
Bundesverkehrswegeplan Als Instrument einer mittel- bis langfristigen Investitionsrahmenplanung für den Erhalt und Ersatz bundeseigener Verkehrsinfrastruktur erfasst der Bundesverkehrswegeplan (BVWP) das zwecks zielgerichteter Ausgestaltung sowie Erweiterung von Bundesfernstraßen, Bundeswasserstraßen und Schienenwegen des Bundes erforderliche Finanzierungsvolumen. Auf Basis verkehrsträgerübergreifender Prognosen findet in diesem Zusammenhang eine Priorisierung vorgesehener Neu- und Ausbauprojekte gemäß ihrer gesamtwirtschaftlichen Bewertung sowie ökologischer und raumordnerischer Einschätzungen statt. Grundsätzlich wird infolgedessen zwischen "vordinglichem Bedarf" (VB) und "weiterem Bedarf" (WB) unterschieden. Der BVWP tritt auf Beschluss des Bundeskabinetts in Kraft und umfasst jeweils einen Zeithorizont von ca. 10 bis 15 Jahren. Seit 1973 sind bereits fünf konsekutive Verkehrswegepläne verabschiedet worden. Der letzten, dem Jahr 2003 entstammenden Fortschreibung liegt ein Planungszeitraum bis 2015 und ein Investitionsvolumen i. H. v. 150 Mrd. EUR zugrunde.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?114591

Gedruckt am Sonntag, 25. August 2019 02:30:56