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Verkehrsmittelwahlverhalten von Jugendlichen

Erstellt am: 14.10.2004 | Stand des Wissens: 30.04.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

In der Mobilität von Jugendlichen spielt deren Verkehrsverhalten eine zentrale Rolle. Ein wichtiger Bestandteil dieses Verhaltens ist die Frage, mit welchem Verkehrsmittel eine Ortsveränderung durchgeführt werden soll. Einflussgrößen sind dabei in erster Linie grundlegende Voraussetzungen, wie beispielsweise das Alter, der Führerschein- oder ÖV-Zeitkartenbesitz, die Pkw-Verfügbarkeit, sowie das ÖV- und Radnetzangebot.
Das Verkehrsmittelwahlverhalten von Jugendlich zu verstehen ist eine wichtige Grundlage, um langfristig und dauerhaft die Mobilitätsbedürfnisse der heranwachsenden Generation zu befriedigen und problemorientierte Mobilitätslösungen für die Zukunft zu entwerfen.
Die allgemeinen Grundsätze der Verkehrsmittelwahl behalten auch bei Jugendlichen ihre Gültigkeit. Allerdings existieren Unterschiede in einzelnen Ausprägungen. Dabei ist die Verkehrssozialisierung von besonderer Bedeutung. Darunter versteht man die Orientierung des Verkehrsverhaltens im Erwachsenenalter an den Erfahrungen aus der Jugendzeit, sowie am Verhalten der Eltern. Als problematisch werden an dieser Stelle vor allem die Hol- und Bringdienste im jungen Kindesalter eingestuft, da diese oft mit dem Pkw vollzogen werden und somit schon früh eine Affinität zu diesem Modus entsteht [Inno12, S.13ff].
Jugendliche sind häufig bereits gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln vertraut, da diese vor allem in Ballungszentren für den Schul- oder Ausbildungsweg genutzt werden. Je nach Wegelänge wird ebenfalls das Rad benutzt oder zu Fuß gegangen. Da im Jugendalter mit diesen Modi jedoch oft Pflichtaktivitäten erreicht werden, können diesen negative Gedanken und Erfahrungen anhaften [Inno12, S.12].
Für Jugendliche und junge Erwachsene steht der Führerschein in engem Zusammenhang mit dem Heranwachsen und dem Erreichen des 18. Lebensjahres. Innerstädtisch verfügen von den 17- bis 25-Jährigen 67,5 Prozent der männlichen und 75,6 Prozent der weiblichen Personen über einen Pkw-Führerschein. Daneben ist das Fahrrad unter Jugendlichen ein weit verbreitetes Fortbewegungsmittel [SrV17, Tab.11.1; Tab. 18.2].
Betreffend der Moduswahl besteht ein deutlicher Zusammenhang zur Siedungsstruktur. In stark verdichteten, städtischen Kreisen sind die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sowie die des nichtmotorisierten Individualverkehrs verhältnismäßig hoch. Mit abnehmender Siedlungsdichte kehrt sich dieses Verhältnis jedoch um und die Pkw-Nutzung tritt verstärkt auf. In diesen ländlicheren Regionen sind mangelhafte Angebote an öffentlichen Verkehrsmitteln der häufigste Grund für die Verlagerung des Modal Split hin zum motorisierten Individualverkehr. Mit zunehmenden Alter wird vor allem der ÖPNV schlechter bewertet und das Auto nimmt für Jugendliche häufig immer noch eine zentrale Stellung ein.Die Pkw-Nutzung wird oft mit Argumenten wie beispielsweise Unabhängigkeit, Bewegungsfreiheit, Selbstbestimmung und Anerkennung begründet [Groß98], [Inno12].
Im Rahmen der kontinuierlichen Untersuchung über die Mobilität in Deutschland (MiD) [infas10] sowie der Untersuchung Mobilität in Städten (SrV) wurde unter anderem der Modal Split in Abhängigkeit des Alters für ganz Deutschland (MiD) beziehungsweise in deutschen Städten (SrV) ermittelt. Bei unter 17-Jährigen werden nach MiD für Gesamtdeutschland (alle Wochentage) circa ein Drittel aller Wege zu Fuß zurückgelegt, 14 Prozent der Wege mit dem Rad oder dem ÖPV und 41 Prozent als Mitfahrer des motorisierten Individualverkehrs. Nach SrV ist werktags für große Städte der Anteil des motorisierten Individualverkehrs von 2008 bis 2013 annähernd konstant geblieben (circa 26 Prozent), der Anteil des öffentlichen Personenverkehrs am Modal Split ist in dieser Zeit jedoch von 21 Prozent auf 24 Prozent gestiegen [SrV13c, Folie 33].
Modal Split von Jugendlichen bis 17 Jahre
Mit Erreichen des 18. Lebensjahres, wird eine deutliche Konkurrenzsituation zwischen dem öffentlichen Personenverkehr und dem motorisierten Individualverkehr deutlich. Es wird weniger zu Fuß gegangen, auch die Anteile des Fahrrades und des öffentlichen Personenverkehrs nehmen ab. Der motorisierte Individualverkehr erhält mit 47 Prozent den größten Anteil am Modal Split. Mit dem Alter von 18 Jahren findet somit eine deutliche Veränderung im Verkehrsmittelwahlverhalten von Jugendlichen statt [infas10]
Mit dem Leitbild der Automobilität wurde jedoch in jüngster Zeit gebrochen: der Trend geht - zumindest in urbanen Gebieten - wieder mehr in Richtung öffentlicher Verkehr und Multimodalität [Inno12, Sin16]. Bei der Entscheidung der Moduswahl gehen Jugendliche 2016 sehr pragmatisch vor: es gibt kein ideales Verkehrsmittel, es wird nach Zweck, Kosten und Situation entschieden [Sin16].
Im jungen Erwachsenenalter ist in den Jahren 2002 bis 2008 ein deutlicher Trend weg vom motorisierten Individualverkehr, hin zum öffentlichen Personenverkehr zu verzeichnen gewesen. Es wird erwartet, dass dieser Trend auch in den zukünftigen Ergebnissen des MiD 2017 und SrV 2018 fortbesteht [SrV13c, Folie 17], [MOP16]. 
Da bisher nur die Ergebnisse von MiD 2008 und SrV 2013 veröffentlicht wurden, muss auf die Veröffentlichung der aktuellsten Ergebnisse in 2018 beziehungsweise 2019 gewartet werden, um belastbare Aussagen betreffend des aktuellen Verkehrsmittelwahlverhaltens von Jugendlichen treffen zu können. Es bleibt aber festzuhalten, dass der aktuell zu beobachtende Trend vor allen in städtischen Gebieten weg vom motorisierten Individualverkehr und hin zu öffentlichen Personenverkehr sowie Rad und Fuß als positiv vernommen wird, besonders im Hinblick auf die aktuellen Leitbilder der Verkehrs- und Mobilitätsplanung [UBA11b].
Modal Split von jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 29 JahreAbb. 2: Modal Split von jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 29 Jahre [nach infas10, S. 77, Abbildung 3.52]
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Mobilität von Kindern und Jugendlichen (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?195757
Literatur
[Groß98] Groß, S. Mobilitätsverhalten von Jugendlichen - Empirische Untersuchung zur Verkehrsmittelwahl und ihrer Determinanten als Beitrag zur Bindung Jugendlicher an den ÖPNV in Dortmund, Dortmund, 1998/04
[infas10] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) , 2010/02
[Inno12] Bock, B., Deibel, I., Schönduwe, R. Alles wie immer, nur irgendwie anders? Trends und Thesen zu veränderten Mobilitätsmustern junger Menschen, 2012
[Sin16] Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, 2016/02
[SrV13c] Prof. Dr.-Ing. Gerd-Axel Ahrens Die Stunde der Wahrheit. Präsentation und Diskussion der Ergebnisse des SrV 2013, 2014/11/10
[SrV17] Im Auftrag von Städten, Verkehrsunternehmen, Verkehrsverbünden und Bundesländern, Bearbeitet durch die Technische Universität Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, (Hrsg.) Sonderauswertung zum Forschungsprojekt "Mobilität in Städten - SrV 2013", 2015/05/21
[UBA11b] Beckmann, K., Gies, J., Preuß, T., Thiemann-Linden, J., Leitkonzept - Stadt und Region der kurzen Wege, 2011/08, ISBN/ISSN 1862-4804
Weiterführende Literatur
[MOP16] Behren von, S., Chlond, B., Hilgert, T., Vortisch, P., Weiß, C., Deutsches Mobilitätspanel (MOP) - Wissenschaftliche Begleitung und Auswertungen
Bericht 2015/2016: Alltagsmobilität und Fahrleistung, 2016/12/23
[Groß01] Groß, S. , Freyer, W. Mobilitäts- und Verkehrsverhalten von Jugendlichen, veröffentlicht in Tagungsband zu den 18. Verkehrswissenschaftlichen Tagen der TU Dresden, Dresden, 2001
[Rode03] Rode, Sandra MoDis - increasing public transport use by young adults at night, veröffentlicht in tec, Ausgabe/Auflage April 2003, 2003/04
[KNIE11] Knie, A. Neue Beweglichkeit, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage Heft 4, DVV Media Group GmbH/ Hamburg, 2011/08, ISBN/ISSN 0020-9511
[Renda04] Renda, Markus , Schmolke, Martin Schüler: ÖPNV-Kunden von morgen - Ein Schulprojekt der Münchner Verkehrsgesellschaft, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage Nr. 4, 2004
Glossar
Mobilität in Städten - SrV
Aktuelle Entwicklungen des werktäglichen Verkehrsverhaltens der städtischen Wohnbevölkerung werden regelmäßig im Projekt "Mobilität in Städten - SrV" untersucht. Folgende Zielstellungen stehen im Mittelpunkt:
  • Analyse aktueller Trends des Verkehrsverhaltens zum Beispiel vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und veränderter Wertevorstellungen
  • Bereitstellung vergleichbarer Ergebnisse unter anderem für das Benchmarking der teilnehmenden Kommunen, Aufgabenträger, Verkehrsunternehmen und –verbünde.
  • Ableitung stadtübergreifender Entwicklungstendenzen und modellierungsrelevanter Kennziffern auf der Basis von Stadtgruppen
Der SrV-Erhebungsstandard wird kontinuierlich an aktuelle Anforderungen unter Wahrung der Vergleichbarkeit innerhalb der SrV-Zeitreihe angepasst.
Das SrV-Konzept ist inhaltlich und methodisch mit der Erhebung "Mobilität in Deutschland (MiD)" des Bundes abgestimmt und für vergleichende Untersuchungen geeignet, sofern die Stichproben und Ergebnisse unter anderem bezüglich Wochentagen und Reiseweiten angepasst werden.
Das SrV wurde 1972 als "System repräsentativer Verkehrsbefragungen" an der Technischen Universität Dresden (TU Dresden) begründet und seitdem in der Regel alle fünf Jahre wiederholt. Im Jahr 2013 erfolgte die zehnte Fortschreibung der SrV-Zeitreihe seit 1972. Es wurden insgesamt circa 130.000 Personen in über 100 Untersuchungsräumen befragt. Gegenüber der Vorgängererhebung SrV 2008 erweiterten sich Stichprobe, Teilnehmerkreis und Zahl der örtlichen Kooperationen erneut.
ÖV
Der Öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer der Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch öffentliche Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen, nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch "Alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
Pkw
Personenkraftwagen (Pkw): Pkw sind nach der Richtlinie 70/156/EWG Fahrzeuge mit mindestens vier Rädern und dienen der Beförderung von maximal 9 Personen (inklusive Fahrzeugführer). Pkw dürfen nur auf den dafür vorgesehenen Verkehrsflächen geführt werden.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): Nach § 2 des Regionalisierungsgesetzes (RegG) wird ÖPNV definiert als die "allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Verkehrsmitteln im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen." Das ist im Zweifel der Fall, wenn eine Mehrzahl der Beförderungsfälle eines Verkehrsmittels die gesamte Reiseweite von 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit von einer Stunde nicht übersteigt. Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖPNV zunehmend breiter definiert, indem auch "alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖPNV gesehen werden.
Modal Split Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen Entscheidungen von Unternehmen.
Mobilität in Deutschland (MiD)
Mobilität in Deutschland (MiD) ist eine bundesweite Befragung von rund 50.000 Haushalten zu ihrem täglichen Verkehrsverhalten (inklusive Samstage und Sonntage) im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI).
Folgende Zielstellungen stehen im Mittelpunkt:
  • Analyse aktueller Trends des Verkehrsverhaltens zum Beispiel vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und veränderter Wertevorstellungen
  • Basis für die Verkehrsplanung der Bundesrepublik (Ableitung modellierungsrelevanter Kennziffern) und für die wissenschaftliche Untersuchung zur Alltagsmobilität

Ähnliche Umfragen fanden bereits in den Jahren 1976, 1982 und 1989 als KONTIV-Erhebung (Kontinuierliche Erhebung zum Verkehrsverhalten) statt.
Mobilität in Deutschland wurde in neuer Modifikation erstmals im Jahr 2002 durchgeführt und im Jahr 2008/2009 wiederholt. Die nächste MiD-Befragung wird im Jahr 2016 durchgeführt.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?114502

Gedruckt am Montag, 20. Mai 2019 00:25:17