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Aktuelle Maßnahmen zum Hafenausbau in deutschen Seehäfen

Erstellt am: 08.10.2004 | Stand des Wissens: 21.06.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

In den deutschen Seehäfen werden unterschiedliche Ausbaumaßnahmen vorgenommen, um die Umschlagkapazitäten zu erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Konkurrenzhäfen zu steigern.

In Bezug auf den Wasserstraßenausbau enthält der Bundesverkehrswegeplan 2030 (BVWP) [BMVI16d] im vordringlichen Bedarf 22 Projekte, von denen 7 besondere Engpässe adressieren:
  • Abladeoptimierung der Fahrrinnen am Mittelrhein,
  • Fahrrinnenvertiefung des Untermains bis Aschaffenburg,
  • Fahrrinnenanpassung der Außenweser,
  • Vertiefung des Nord-Ostsee-Kanals,
  • Fahrrinnenanpassung der Unterweser (Süd),
  • Fahrrinnenanpassung der Unterweser (Nord),
  • Ausbau des Wesel-Datteln-Kanals bis Marl und Ersatzneubau der "Großen Schleusen".
Der Ausbau der Unter- und Außenweser sowie Unter- und Außenelbe waren bereits im BVWP 2003 enthalten und werden im kommenden BVWP 2015 weiterhin aufgeführt. Sie gelten als prioritäre Infrastrukturprojekte im Bereich des BMVI. Ziel ist es, die bestehenden Fahrrinnenverhältnisse an die Erfordernisse von Containerschiffen mit einer Stellplatzkapazität von mehr als 8.000 TEU und einem Konstruktionstiefgang von 14,50 m anzupassen [Prog06, S.125f.]. Die Anpassungen werden von Wirtschaft und Hafenverbänden als nötig erachtet, um die Wettbewerbsfähigkeit der Häfen Hamburg und Bremen/Bremerhaven im Containerverkehr der Nordseerange zu sichern [Sich03; Heit02; DVV03b; ZDS03]. Der Planfeststellungsbeschluss für den Weserausbau lag seit Juli 2011 vor, wurde jedoch auf Grund von Klagen einiger Landwirte, Werften, des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), einer Gemeinde und eines Industriebetriebes ausgesetzt [BVer12; WSV12a]. Zuletzt erklärte das Bundesverwaltungsgericht im September 2016 die bisherige Planung der Weservertiefung für rechtswidrig, wodurch die Vertiefung zunächst nur von der Nordsee flussaufwärts bis Brake stattfindet. Mit dem Beginn der Baggerarbeiten von Brake bis Bremen wird nicht vor 2020 gerechnet [NDR16a]. Aktuell werden weitere Diskussionen über die Pläne zur Weservertiefung geführt [DND18].
Für die Elbe wurde der Antrag auf Einleitung des Planfeststellungsverfahrens am 12. September 2006 gestellt [BMWi06a, S.19] und der Entwurf der Planfeststellung für die Elbvertiefung liegt seit April 2012 vor. Im Oktober 2012 wurde einem Eilantrag von BUND und NABU gegen den Feststellungsbeschluss stattgegeben, sodass derzeit nicht mit den Elbvertiefungsarbeiten begonnen werden kann [BVer12a]. Zuletzt entschied das Bundesverwaltungsgericht im Februar 2017, dass die Pläne im Bezug auf die Auswirkungen eines erhöhten Salzgehaltes der Elbe auf den Schierlings-Wasserfenchel überarbeitet werden müssten. Der Planfeststellungsbeschluss wurde jedoch nicht aufgehoben [NDR17].  Zuletzt wies das Bundesverwaltungsgericht im Dezember 2017 eine private Klage ab. Die nachgebesserten Pläne für die Elbvertiefung lagen seit März 2018 aus und führten zu neuen Einwänden. [NDR18]. Im Februar 2019 wurde mit den Vorbereitungen für die neunte Elbvertiefung begonnen. Hierzu wird zunächst auf der Billwerder Insel im Osten Hamburgs eine Ausgleichsfläche für die durch die Vertiefung bedrohten Wasserpflanzen geschaffen. In Brokdorf wurden ebenso erste Vorbereitungen für die Elbvertiefung vorgenommen. Der Ausbau soll im Sommer 2019 beginnen und im zweiten Halbjahr 2021 abgeschlossen werden [NDR19]. 
Erhalt und Ausbau der speziellen Infrastruktur sind Voraussetzung für die Entwicklungsmöglichkeiten der Hafendienstleister. Im rasch wachsenden Containerverkehr ist eine permanente Anpassung der zur Verfügung stehenden Kaianlagen und Hafenflächen Voraussetzung dafür, dass die Containerterminalbetreiber eine den Wettbewerbsanforderungen entsprechende Suprastruktur installieren können. Projekte zum Terminalbau betreffen vor allem den für die Nordseehäfen wichtigen Containerverkehr, im Ostseeverkehr sei beispielhaft die Flächenerweiterung für den Skandinavienkai in Lübeck-Travemünde zu nennen. In Wilhelmshaven wurde 2012 das neu gebaute Containerterminal JadeWeserPort in Betrieb genommen. Desweiteren besteht in Hamburg die Perspektive, das vorgesehene Central Terminals Steinwerder (CTS) ab 2020 als mögliches Containerterminal zu nutzen. Der Ausbau war 2013 zugunsten des 2015 eröffneten Cruise Center Steinwerder zurückgestellt worden [FAZ14b]. 2017 wurde ein Ideenwettbewerb für die zukunftsorientierte Nutzung auf der Hafenfläche Steinwerder-Süd abgeschlossen. Der Siegerentwurf von einem chinesischen Investor umfasste ein au­to­ma­ti­sier­tes Con­tai­ner-Ter­mi­nal, einen Lo­gis­tik-Park mit in­te­grier­tem e-Hub und smar­te, au­to­ma­ti­sier­ten La­ger­hal­len [HPA17b]. Jedoch regten sich nach der Ausschreibung Gegenstimmen aus der Wirtschaft, die durch ein weiteres Containerterminal Arbeitsplätze im Hafen in Gefahr sehen, da sowohl bei der HHLA als auch bei Eurokai noch genügend Kapazitäten seien. Stattdessen sollte ein Multi Purpose Terminal das Ziel sein, um den Standort Hamburg zu stärken [NDR18f]. Der Hamburger Senat lehnte im Juli 2019 die Privatisierung des Hafens Steinwerder ab, dennoch ist unklar, was genau auf der Fläche gebaut werden soll und auch die Übernahme des Terminalbaus durch den chinesischen Investor ist nicht vollständig vom Tisch, wenngleich dies vor allem von Gewerkschaften und Betriebsräten abgelehnt wird. Zwei wichtige Punkte stehen jedoch bereits fest: Der Schwerpunkt soll auf der Produktion an der Kaikante liegen und die Kosten für die Flächenumwidmung werden von der Hamburg Port Authority übernommen. Das Planfeststellungsverfahren soll noch im Sommer 2019 beginnen [HaAb19].

Publikationen

Weiterführende Literatur

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Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Seehäfen (Stand des Wissens: 27.09.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?50780
Literatur
[BMVI16d] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Bundesverkehrswegeplan 2030, Ausgabe/Auflage März 2016, Berlin, 2016/03
[BMWi06a] o.A. Bericht zur maritimen Koordinierung, Fünfte Nationale Maritime Konferenz, 2006/12/04
[BVer12] Bundesverwaltungsgericht (Hrsg.) Weservertiefung: Teilvergleich und Vergleichsvorschlag des Bundesverwaltungsgerichts. Pressemitteilung 51/2012, 2012/05/25
[BVer12a] Bundesverwaltungsgericht (Hrsg.) Eilantrag gegen Elbvertiefung erfolgreich. Pressemitteilung 101/2012, 2012/10/17
[DND18] Georg Jauken Weservertiefung nicht vom Tisch, 2018/03/18
[DVV03b] o.A. Mit ARA-Häfen mithalten können - Wirtschaft fordert Ausbau von Elbe und Weser, veröffentlicht in Deutsche Verkehrs-Zeitung, Ausgabe/Auflage Nr. 40 Jg. 57, Deutscher Verkehrs-Verlag, Hamburg, 2003/04/03
[FAZ14b] dpa Ein neues Kreuzfahrtterminal für den Hamburger Hafen, 2014/04/03
[HaAb19] Hamburger Abendblatt (Hrsg.) Steinwerder Süd: Hafenausbau nimmt Fahrt auf, 2019/06/18
[Heit02] Heitmann, Klaus Perspektiven des Hafenwettbewerbes auf der Nordsee-Range, veröffentlicht in Perspektiven der Schiffsgrößenentwicklung in der Containerschiffahrt ? Herausforderung für die deutschen Nordseehäfen, Schriftenreihe der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft B 231, Ausgabe/Auflage B 231, Bergisch Gladbach, 2002, ISBN/ISSN 3-933392-31-4
[HPA17b] Hamburg Port Authority (Hrsg.) Kreative Ideen für die Zukunft des mittleren Hafens - HPA schließt Ideenwettbewerb für Steinwerder-Süd ab, Hamburg, 2017/07
[NDR16a] Norddeutscher Rundfunk (Hrsg.) Bund ändert Pläne für Weservertiefung, 2016/12/19
[NDR17] Norddeutscher Rundfunk (Hrsg.) Elbvertiefung: Hamburg muss Pläne überarbeiten, 2017/02/09
[NDR18] NDR (Hrsg.) Elbvertiefung: Einwände gegen neue Pläne, 2018/05
[NDR18f] Norddeutscher Rundfunk (Hrsg.) Steinwerder: Karan kontra Containerterminal, 2018/05/02
[NDR19] Norddeutscher Rundfunk (Hrsg.) Elbvertiefung: Erste Ausgleichsfläche entsteht, 2019/02/20
[Prog06] Matthes, U., Leypoldt, P., Weyand, E., Peppel, C., Winkler, C., Arndt, O., Rautenberg, R. Nachhaltigkeitsaspekte der nationalen Seehafenkonzeption, Basel, 2006/06/15
[Sich03] Sichelschmidt, Henning Wettbewerbspolitik und Infrastrukturprojekte in den deutschen Seehäfen, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 01+02/2003, Deutscher Verkehrs-Verlag / Hamburg, 2003/01, ISBN/ISSN 0020-9511
[WSV12a] Hülsmann, Eva Vollziehbarkeit des Planfeststellungsbeschlusses für den Weserausbau wird ausgesetzt. Presseinfo vom 22. Oktober 2012, 2012/10/22
[ZDS03] Evers, Manfred 3. Nationale Maritime Konferenz am 26. Mai 2003 in Lübeck: Workshop 3 "Maritime Verkehrswirtschaft - Zukunft von Schifffahrt und Häfen sichern" Statement von Herrn Manfred Evers, ZDS, Hamburg, 2003/05/26
Weiterführende Literatur
[Opp06] Oppel, Jens-Albert Der Seehafen als Engpass, veröffentlicht in Jahrbuch der Hafentechnischen Gesellschaft, Ausgabe/Auflage 2006, Schiffahrts-Verl. Hansa / Hamburg, 2006
Glossar
Twenty-foot equivalent unit Zwanzig-Fuß-Äquivalente-Einheit (Twenty-foot Equivalent Unit). Eine statistische Hilfsgröße auf der Basis eines 20-Fuß-ISO-Containers (6,10 m Länge) zur Beschreibung von Verkehrsströmen oder -kapazitäten. Ein genormter 40'-ISO-Container der Reihe 1 entspricht 2 TEUs.
GIS Geographical Information System (GIS); geographisches Informationssystem. GIS sind IT-Anwendungen, die sich aus Computerkartographie, raumbezogenen Datenbanken und mathematischen Modellen zusammensetzen. Hierdurch wird es möglich, unterschiedliche raumbezogene Informationen zu überlagern, gemeinsam auszuwerten und darzustellen (z. B. Bevölkerungsdichte und Verkehrsinfrastruktur). Wesentliche Anwendungsfelder liegen in der Standortplanung, Einzugsbereichsanalyse, Routenfindung, Fahrweg- und Tourenplanung sowie Fahrzeugortung und Fahrzeugführung.
Suprastruktur
Gegenbegriff zu Infrastruktur. Die Suprastruktur umfasst alle Einrichtungen, die für Transport-, Umschlag- und Lager- sowie Beschaffungs- und Verarbeitungsprozesse innerhalb einer Verkehrsanlage, wie einem Seehafen, nötig sind. In einem Hafen gehören zur Suprastruktur beispielsweise Kräne, Lager- und Kühlhäuser sowie Bürokomplexe. Im Gegensatz zur Infrastruktur wird die Suprastruktur häufig nicht von der öffentlichen Hand finanziert, sondern von den Betreibergesellschaften beschafft, gewartet und entsorgt.
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)
Hub Der Begriff Hub kommt vom englischen Begriff "Hub and Spoke", was im Deutschen "Nabe und Speiche" entspricht. Der Hub dient als Sammel- und Knotenpunkt für Hauptverkehrswegen für den Umschlag und die Zusammenfassung von Warenströmen in alle Richtungen, d.h. zur Warenübergabe an regionale Verteiler. Im Postwesen handelt es sich bei Hubs häufig um Paketzentren. Die Transportmittel zur weiteren Beförderung der Sendungen variieren (Schiffe, Flugzeuge, Lkw).
Seehafenterminal
In einem Containerterminal erfolgt der Umschlag von Containern, Wechselbehältern, Wechselbrücken oder Sattelaufliegern und ähnlichen Ladeeinheiten im Hafen. Weiterhin kann auch Projektgeschäft, z.B. übergroße Ladungen, umgeschlagen werden.
Zusätzlich zu den Containerterminals umfasst der Begriff des Seehafenterminals auch andere Ladungs- und Terminalarten, wie z.B. Massengutterminals oder Flüssiggutterminals.
Charakteristisch für Seehafenterminals ist die Anbindung an das Wasser und mindestens einen weiteren Verkehrsträger.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?113017

Gedruckt am Samstag, 8. August 2020 10:54:29