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Steuerung des Betriebsablaufs und Anschlusssicherung im ÖPNV

Erstellt am: 09.09.2004 | Stand des Wissens: 19.12.2019
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
TU Dresden, Professur für Kommunikationswirtschaft, Prof. Dr. Ulrike Stopka

Voraussetzung für die Steuerung des Betriebsablaufs im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ist die Erfassung des Betriebszustandes (Ortung der eingesetzten Fahrzeuge) und der Vergleich der Ist-Werte mit den Soll-Werten (Fahrplandaten). Störungen können auf diese Weise frühzeitig erkannt und durch geeignete Maßnahmen beseitigt werden, eine Anschlusssicherung zwischen verschiedenen Linien und Verkehrssystemen ist erst mit Kenntnis der genauen Fahrplanlage möglich [FGSV02].
Zur Zusammenführung der Daten bei der Erfassung der Fahrzeugposition und der Fahrplanlage werden Rechnergestützte Betriebsleitzentralnen (RBL) eingesetzt.
Eine Anschlussüberwachung kann in der Leitzentrale durch einen Disponenten erfolgen. Dabei ist zu beachten, dass einzelne Verspätungen möglichst nicht in das Gesamtnetz übertragen werden oder sich gar kumulieren. Eine vollständige Sicherung aller Anschlüsse ist auch aus Sicht der Fahrgäste nicht zweckmäßig, die ohne Umsteigevorgänge Fahrzeitverlängerungen in Kauf nehmen müssen. Vom RBL kann unter Vorgabe einer maximalen Wartezeit auch eine automatische Anschlusssicherung vorgenommen werden, wobei der Abbringer in Abhängigkeit von Umsteigezeiten und Verspätungen des Zubringers zum Warten aufgefordert wird und vom Leitstellenrechner das Abfahrtsignal erhält. Verkehrsunternehmen, die RBL-Systeme mit Anschlusssicherung einsetzen sind beispielsweise die Berliner Verkehrsbetriebe, die Dresdner Verkehrsbetriebe AG [Funk10] und die Stadtwerke München [VDV01b].

Anschlussbeziehungen sind unterschiedlich bedeutsam und werden den Kunden unterschiedlich kommuniziert. Man unterteilt in folgende Kategorien [Dutsch12]:
  • ausgewiesene und garantierte Anschlüsse
  • ausgewiesene und nicht garantierte Anschlüsse
  • nicht ausgewiesene Anschlüsse
  • spontan entstehende Anschlüsse.
Während Umsteigebeziehungen im realen Betrieb spontan entstehen, ergeben sich Anschlüsse stets vorab aus dem Fahrplan. Bedeutsame Anschlüsse werden den Kunden gegenüber meist extra ausgewiesen. Zunehmend geben Verkehrsunternehmen den Kunden darüberhinaus für ausgewählte bedeutsame Anschlüsse ein Garantieversprechen, das die Kunden bei Nichteinlösen einlösen können [Dutsch12].

Im Leitprojekt "Mobilist" wurde durch das Konsortium des Teilprojekts C3 ein Anschluss-Informationssystem entwickelt, das Busfahrer betreiberübergreifend über die voraussichtlichen Ankunftszeiten von Anschlusszügen (S-, U-Bahnen und Regionalzüge) unterrichtet. Die Entscheidung über verlängerte Haltezeiten trifft das Busfahrerpersonal individuell. Monitore in den Fahrzeugen und an den Umstiegspunkten informieren gleichzeitig die Fahrgäste über die Anschlusssituation. Für die flächendeckende und kostengünstige Datenversorgung kommt die Digital Multimedia Broadcasting Technik zum Einsatz [BMBF02g]. Eine Akzeptanzuntersuchung, angelegt als repräsentative Querschnittsbefragung unter der Bevölkerung im Untersuchungsraum, hat gezeigt, dass 67 Prozent der Befragten Interesse an der Information über bestehende Anschlüsse besitzt. Für 18,5 Prozent der Befragten würden derartige Informationen auch Anlass geben, den ÖV voraussichtlich verstärkt zu nutzen [BäPfWe04].

Auch in BMVBW03p wurde die betriebsübergreifende Anschlusssicherung untersucht, hier zwischen der Hamburger Hochbahn AG (HHA) und dem Verkehrsbetrieb Hamburg-Holstein AG (VHH) im Untersuchungsraum Hamburg. Um das bislang aufwändige Verfahren der betriebsübergreifenden Anfrage und Rückmeldung bei zu sichernden Anschlüssen zu beschleunigen, wurden bei der VHH ein Rechnergestütztes Betreibsleitsystem (RBL) eingerichtet (die HHA verfügt bereits über ein RBL), die Fahrzeugflotte mit Bordrechnern ausgestattet und die VDV-Schnittstelle 453 zwischen den RBL beider Unternehmen realisiert. Gekennzeichnete Fremdanschlüsse werden vom Leitsystem des Abbringers überwacht und automatisch oder manuell gesichert. Liegen keine Ist-Daten vom Fremd-Zubringer vor, so wird der Anschluss aufgegeben.
Zur Qualitätserhöhung und Kundengewinnung im ÖV sollen ÖPNV-Nutzer während der Reise kontinuierlich begleitet und unterstützt werden. Dazu wurde 2011 die Initiative "Von Tür zu Tür - eine Mobilitätsinitiative für den Öffentlichen Personenverkehr der Zukunft" [BMWi11k] vom Bundeswirtschaftsministerium gestartet. Ein Forschungsprojekt dieser Initiative ist AMPER [Hilk12], welches in Sachsen-Anhalt einen Dienst erprobt, der die individuellen Anschlusswünsche der Fahrgäste aufnimmt und sichert. Der Fahrgast teilt dem Betreiber über das Internet, über Mobilfunk oder über Servicepersonal seine Anschlusswünsche mit. Diese werden in Echtzeit überwacht und bei eintretenden Abweichungen werden Alternativen vorgeschlagen.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
TU Dresden, Professur für Kommunikationswirtschaft, Prof. Dr. Ulrike Stopka
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Informationsbereitstellung und Steuerung des Verkehrsablaufs als Maßnahme des Verkehrsmanagements (Stand des Wissens: 19.12.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?33575
Literatur
[BäPfWe04] Bäumer, Marcus, Dipl.-Stat. , Pfeiffer, Manfred, Dipl.-Soz. , Weber, Witgar, Dr. iur. Anschluss-Informationssysteme: Ihre Akzeptanz im ÖPNV - Ergebnisse einer empirischen Untersuchung in der Region Stuttgart, veröffentlicht in Der Nahverkehr, Ausgabe/Auflage 7-8/2004, alba Fachverlag Düsseldorf, 2004, ISBN/ISSN 0722-8287
[BMBF02g] caatoosee AG Mobilität im Ballungsraum Stuttgart - Schlussbericht zum AP C3, Leonberg, 2002
[BMVBW03p] Beratungsgesellschaft für Leit-, Informations- + Computertechnik mbH Realisierungsbegleitung der Integrationsschnittstelle zwischen rechnergestützten Betriebsleitsystemen für betriebsübergreifende Dispositionsmaßnahmen, 2003/10
[BMWi11k] Dr. Siegfried Meuresch Förderrichtlinie "Von Tür zu Tür" - Eine Mobilitätsinitiative für den Öffentlichen Personenverkehr der Zukunft, 2011/01/10
[Dutsch12] Dutsch, S., Jin, S. Erhöhen der Verlässlichkeit des ÖPNV durch fahrtkonkrete LSA-Beeinflussung und Anschlusssicherung, 2012
[FGSV02] FGSV-Arbeitsausschuss 1.1 "Grundsatzfragen der Verkehrsplanung", FGSV-Arbeitsausschuss 1.7 "Sonderfragen des Stadtverkehrs" Verkehrsmanagement - Einsatzbereiche und Einsatzgrenzen [FGSV-Arbeitspapier Nr. 56], veröffentlicht in FGSV-Arbeitspapiere, Ausgabe/Auflage 1. , 2002
[Funk10] Funk, U. Vorstellung des modernisierten RBL-Systems der DVB AG in Abgrenzung zum Regio-RBL des VVO, Dresden, 2010/12/15
[Hilk12] Ulrike Hilken-Müer, Heike Twele, Daniel Schmidt, Sebastian Schmermbeck AMPER - Betreuter Anschluss mit persönlicher Navigation, 2013/10/17
[VDV01b] Verband Deutscher Verkehrsunternehmen Telematik im ÖPNV in Deutschland / Telematics in Public Transport in Germany, Alba Fachverlag, Postfach 110150, Düsseldorf, 2001, ISBN/ISSN 3-87094-648-2
Weiterführende Literatur
[BMVBW98a] ISUP Ingenieurbüro für Systemberatung und Planung GmbH, Professur für Verkehrsleitsysteme und -prozessautomatisierung, TU Dresden, Franz, Peter, Dr.-Ing., Franke, Ralf, Dr.-Ing., Schubert, Rainer, Dr.-Ing., Engelmann, Ralf, Wagner, Gerold, Körner, Matthias, Grützner, K., Biesold, R., Strobel, Horst, Prof. Dr.-Ing. habil. Dr. h. c. Einsatzkonzeption für Telematiksysteme zur Einbeziehung aller Verkehrsträger in einem verkehrlich abgrenzbaren Bedienungsraum, 1998/11/30
[VDV03c] Beratungsgesellschaft für Leit-, Informations- + Computertechnik mbH, Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV) Integrationsschnittstelle Rechnergestützter Betriebsleitsysteme, veröffentlicht in VDV Schriften, Ausgabe/Auflage 453, 2003
[ScPr05] Schneider, Rainer, Protschka, Hans Verkehrsabhängige, effiziente ÖPNV-Beschleunigung mit planfahrt und Vx-LiSA (Teil 2), veröffentlicht in Verkehr und Technik, Ausgabe/Auflage Heft 11, 2005
Glossar
ÖV
Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer in einer Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen sowohl die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch die öffentlichen Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten Multimodalität wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch alternative Bedienformen, Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
RBL
Rechnergestützte Betreibsleitsysteme sind Rechner-Verbundsysteme mit denen Steuerungs-, Überwachungs- und Informationsprozesse im Fahrbetrieb untereinander verknüpft werden. Diese kommen hauptsächlich in folgenden Bereichen zum Einsatz:
  • Informations- und Kommunikationsmöglichkeit zwischen Fahrzeug und Leitstelle
  • rechnergestützter Fahrbetrieb
  • Fahrgastinformation in Fahrzeugen und an Haltestellen sowie über Mobilfunk und Internet (dynamische Fahrgastinformation)
Inzwischen wurde der Begriff "RBL" durch "ITCS" (Intermodal Transport Control System) ersetzt.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?105924

Gedruckt am Donnerstag, 13. August 2020 02:31:59