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Akteure des Verkehrsmanagements

Erstellt am: 20.08.2004 | Stand des Wissens: 02.12.2019
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Kommunikationswirtschaft, Prof. Dr. Ulrike Stopka

Die Realisierung der komplexen Aufgaben eines modernen Verkehrsmanagements unter zunehmender Nutzung intelligenter Informations- und Kommunikationsdienste kann nur im Zusammenspiel der verschiedenen Akteure und unter Berücksichtigung von deren jeweiligen Interessen gelingen. Traditionell wurden Verkehrsmanagementsysteme im Bereich des Straßenverkehrs von der öffentlichen Hand betrieben, während private Akteure vordergründig als Komponentenlieferanten auftraten. Dieses traditionelle Rollenverständnis bricht mehr und mehr auf, indem vor allem private Akteure zunehmend Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen, um neue Wertschöpfungspotenziale nachhaltig und wirtschaftlich erfolgreich realisieren und daraus Mehrwert generieren zu können [Bmvb12a, S. 14].
Akteure bei der Umsetzung von Maßnahmen des Verkehrsmanagements sind
  • Gebietskörperschaften
  • Gesetzgebungs- und Regulierungsbehörden
  • Betreiber von Angeboten des öffentlichen Verkehrs
  • private Diensteanbieter
  • Hersteller/Industrie
  • Standardisierungsgremien und ITS-Organisationen
  • Nutzer
Ziel von Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Landkreise, Gemeinden) bei der Einführung von Maßnahmen des Verkehrsmanagements ist eine kollektive Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, wobei häufig auch forschungs-, technologie-, wettbewerbs- und arbeitsmarktpolitische Argumente eine Rolle spielen  [FGSV02]. Ihre Aufgaben liegen in der Finanzierung, Planung und dem Betrieb vor allem von straßenseitigen Verkehrsmanagementsystemen. Darüber hinaus haben sie sicherzustellen, dass bei allen Maßnahmen der Rechtsrahmen nach StVo umgesetzt wird. Sie erheben über die von ihnen betriebenen  Verkehrserfassungseinrichtungen (Detektoren) Informationen über den Verkehrszustand und bereiten diese auf, um über Informationsdienste der öffentlichen Hand und der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den Nutzer zu informieren oder diese konsolidierten und veredelten Informationen anderen Diensteanbietern zur Verfügung zu stellen. Hierzu gehören auch die sicherheitsrelevante Grundversorgung mit Verkehrsinformationen sowie die Mitwirkung bei der Erarbeitung von technischen Spezifikationen und Standards. [Bmvb12a, S. 24f.]
Um komplexe Verkehrsmanagementsysteme aufzubauen, zu betreiben und sicherzustellen, dass diese mit anderen Systemen kompatibel sind und vernetzt werden können. Hierfür sind die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Diese Aufgabe obliegt dem Bundesverkehrsministerium.
Verkehrsunternehmen als Betreiber des öffentlichen Verkehrs führen Maßnahmen des Verkehrsmanagements zur gleichmäßigeren und pünktlicheren Abwicklung des Betriebs, zur Erhöhung der Attraktivität aus Sicht des Kunden und zur Steigerung der Effektivität aus Sicht des Betreibers ein (Vorrangschaltung in Abstimmung mit der Kommune, Anschlusssicherung, Information, Routing). Verkehrsunternehmen erheben heute eine Vielzahl von Daten und nutzen diese, um innerhalb ihres Aufgabenbereichs vielfältige Dienste für den Endkunden anzubieten und eigene Betriebsprozesse zu steuern und zu optimieren. Um jedoch flächendeckende Informationen über das aktuelle Verkehrsangebot realisieren zu können, ist eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Verkehrsunternehmen, -verbünden und Zweckverbänden erforderlich. [FGSV02] Öffentliche Verkehrsunternehmen wirken vor allem bei der Erarbeitung von technischen Spezifikationen und Standards mit, die durch den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) vorangetrieben werden.

Anbieter kommerzieller Informations- und Kommunikationsdienste verfolgen primär das Ziel, ihre Produkte zu verkaufen. Sie sind daher an einer hohen Akzeptanz ihrer Dienste interessiert und orientieren die Produktgestaltung am (Einzel-)Nutzen des Kunden. Das Gemeinwohl tritt dabei mitunter in den Hintergrund. Die Konkurrenz durch hochwertigere, nicht-kommerzielle Dienste erschwert es kommerziellen Anbietern sich auf dem Markt zu behaupten. Wichtige Impulse zur Weiterentwicklung und Verbesserung von Dienstleistungen gehen bisher häufig von kommerziellen Anbietern aus.  [FGSV02] Private Diensteanbieter erheben beispielsweise Daten aus Fahrzeugen oder über Mobiltelefone wie Floating Car Data über den Verkehrszustand, die sie aufbereiten und den Endnutzern oder weiteren Dienstleistern anbieten. Darüber hinaus beteiligen sie sich, soweit es ihre Interesse betrifft, an Prozessen der IT-Standardisierung und Schnittstellengestaltung. [Bmvb12a, S. 24f.]
In den letzten Jahren veränderten zahlreiche neue Anbieter die Situation des Verkehrsmarktes. So etablieren sich unter anderem Anbieter, die zum Teil konkurrierende oder sogar widersprüchliche verkehrspolitische Zielstellungen verfolgen. Innovative Mobilitätsangebote und Dienstleistungen der Automobilbranche oder Betreibern von Buchungs- und Mobilitätsplattformen führen zu einer rasanten Steigerung der verfügbaren Mobilitätsinformationen. Dies führt zu einem massiven Wissensvorsprung einiger weniger Unternehmen gegenüber Politik und Verwaltung - sowohl in Bezug auf das tatsächliche Verhalten der Bürgerinnen und Bürger als auch in Bezug auf deren (mögliche) Wünsche und Anforderungen. Somit entgehen der Verwaltung zentrale Ansatzpunkte für eine wirkungsorientierte Planung. [KoBr) Verkehrsmanagementstrategien müssen diese neuen innovativen Mobilitätsangebote nicht nur berücksichtigen, sondern möglichts integrieren.

Ähnlich wie die privaten Diensteanbieter haben auch Hersteller der Fahrzeug, Elektro-, Informations- und Kommunikationsindustrie ein vordergründiges Interesse an dem Verkauf ihrer Produkte. Sie orientieren sich ebenfalls am Nutzen für den einzelnen Verkehrsteilnehmer. Die Automobilindustrie profitiert beispielsweise durch Verkehrsmanagementprodukte, indem sie steigende Absatzzahlen sowohl durch Attraktivitätssteigerung des Straßenverkehrs als auch durch die entsprechend höherwertige Ausstattung der Kraftfahrzeuge selbst erzielt  [FGSV02] Hierzu integrieren sie diese Geräte und Systembausteine in die Fahrzeuge, die sie zum Teil auch selbst entwickeln. Die Elektro- und IT-Endgerätehersteller wiederum entwickeln und produzieren Geräte und Komponenten, um die Verkehrsinfrastruktur und die Fahrzeuge wie auch Verkehrsmanagementzentralen auszurüsten und dem Verkehrsteilnehmer Endgeräte wie Navigationsgeräte oder Smartphones anzubieten. Hierzu wirken diese Akteure der herstellenden Industrie aktiv bei der Gestaltung von technischen Spezifikationen und Standards mit. [Bmvb12a, S. 24f.]
Den Standardisierungsgremien und ITS-Organisationen kommt eine wichtige Aufgabe bei der Erarbeitung von IT-Standards und -Schnittstellen zu. Unter Einbeziehung und Mitwirkung von Experten der oben aufgeführten Akteure organisieren sie die Prozesse bei der Entwicklung und Schaffung von möglichst kompatiblen und für viele zugänglichen Standards, um einen Datenaustausch möglichst unkompliziert zwischen unterschiedlichen Akteuren und Systemen zu ermöglichen.
Es sind ebenso die Nutzer als Akteure im Verkehrsmanagement zu berücksichtigen. Ihre Akzeptanz gegenüber den eingeführten Maßnahmen und angebotenen Diensten entscheidet über den Erfolg der entsprechenden Techniken und Systeme. Kollektiv wirkende Maßnahmen treffen alle Verkehrsteilnehmer im Wirkungsbereich. Individuell wirkende Dienste können ebenfalls Auswirkungen auf alle Verkehrsteilnehmer haben, wenn sich bei entsprechender Verbreitung und Befolgung die Verkehrssituation insgesamt verändert. Letztlich haben Maßnahmen des Verkehrsmanagements auch Auswirkungen auf die Allgemeinheit, die sowohl positiv (Verhinderung oder Reduzierung von Störungen) als auch negativ (Verkehrsverlagerung in bisher geringer belastete Bereiche) beurteilt werden können [FGSV02]

Insgesamt ist im Rahmen des Verkehrsmanagements zur gemeinschaftlichen Lösung bestehender Probleme eine bessere Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Akteuren anzustreben. Dies kann in Form von Abstimmungen oder gemeinsamer Vorhaben (zum Beispiel im Rahmen von Public Private Partnership (PPP)) erfolgen. Die Aufgabenteilung ist in einer Form zu definieren, die konkurrierende Angebote zwar zwischen privaten Anbietern untereinander, nicht aber zu Diensten öffentlicher Institutionen ermöglicht. Die Kooperation sollte dabei einererseits gemeinsame Bereiche zur besseren Nutzung von Synergieeffekten definieren, wie beispielsweise die Bereitstellung oder Zusammenlegung bisher getrennter Datenerfassungssysteme, gegebenenfalls mit unterschiedlicher Weiterverwendung der Inhalte (allgemeine, kostenlose Dienste / spezifische, kostenpflichtige Dienste). Andererseits müssen aber auch Bereiche mit unterschiedlicher Zielsetzung behandelt werden. So kann die Wirkungsweise individueller Routenführungssysteme privater Anbieter beispielsweise mit zunehmender Marktdurchdringung den Grundsätzen der Mobilitätssicherung als staatliche Aufgabe zuwiderlaufen, so dass hier Klärungsbedarf besteht  [Spar01].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Kommunikationswirtschaft, Prof. Dr. Ulrike Stopka
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Sicherung der Mobilität durch Verkehrsmanagement (Stand des Wissens: 19.12.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?33546
Literatur
[Bmvb12a] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) IVS-Aktionsplan "Straße", 2012/09
[FGSV02] FGSV-Arbeitsausschuss 1.1 "Grundsatzfragen der Verkehrsplanung", FGSV-Arbeitsausschuss 1.7 "Sonderfragen des Stadtverkehrs" Verkehrsmanagement - Einsatzbereiche und Einsatzgrenzen [FGSV-Arbeitspapier Nr. 56], veröffentlicht in FGSV-Arbeitspapiere, Ausgabe/Auflage 1. , 2002
[KoBr] Kollaritis, Stefan, Brocza, Ulrike Öffentliche Verkehrsmanagement-Strategien und private Mobilitätsservices: Lösungsinseln in Konkurrenz oder Synergien durch Kollaboration? , veröffentlicht in REAL CORP 2016 Proceedings/Tagungsband , 2016/06/22, ISBN/ISSN 978-3-9504173-1-9
[Spar01] Sparmann, J., Dr.-Ing. Zusammenarbeit öffentlicher und privater Dienstleister bei der Datenerfassung und Information der Verkehrsteilnehmer, veröffentlicht in Straßenverkehrstechnik, Ausgabe/Auflage 3/2001, Kirschbaum-Verlag Bonn-Bad Godesberg, 2001, ISBN/ISSN 0039-2219
Weiterführende Literatur
[VDV01b] Verband Deutscher Verkehrsunternehmen Telematik im ÖPNV in Deutschland / Telematics in Public Transport in Germany, Alba Fachverlag, Postfach 110150, Düsseldorf, 2001, ISBN/ISSN 3-87094-648-2
Glossar
Floating Car Data
Bei Floating Car Data (FCD) geht es um das Messen und Auswerten der Fahrzeugbewegungen anhand von Daten, die direkt aus dem Fahrzeug kommen. Grundlage ist Global Positioning System (GPS) für die Positionsbestimmung im Fahrzeug und Global System for Mobile Communication (GSM)-Kommunikation für die Übertragung von Informationen zwischen Fahrzeug und Zentrale. Damit entsteht im Fahrzeug eine mitschwimmende Messstation für Verkehrsdaten.
In der Zentrale werden die eingehenden anonymisierten Meldungen temporär zwischengespeichert und deren Integrität geprüft. Mit Hilfe von digitalen Karten kann damit der Fahrweg und das Fahrprofil rekonstruiert werden. Die aufbereiteten Daten fließen in ein Rechnersystem zur Zustandsmodellierung der Verkehrslage. Daraus lassen sich aktuelle Verkehrsmeldungen, Verkehrsprognosen und Umfahrungsempfehlungen ableiten.
ITS Intelligent Transportation Systems (ITS) ist der Oberbegriff für Transportsysteme, die Informations- und Kommunikationstechnologie zur Unterstützung des Betriebes einsetzen. ITS-Funktionen unterstützen den Fahrer eines Transportmittels, sie sind damit deutlich von automatischen Transportsystemen zu differenzieren, die auf einen fahrerlosen Betrieb abstellen. Die wichtigsten neuen und zum Teil noch in Entwicklung befindlichen Anwendungsfelder zielen auf (1) Verkehrs- und Transportmanagement (Verkehrsinformationen, Verkehrslenkung, Verkehrs- und Parkleitsysteme, automatische Unfallmeldungen, Meldesysteme zum Gefahrgutmonitoring); (2) Elektronische Systeme zur Gebührenerhebung; (3) Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel (dynamische Fahrgastinformationen, Reservierung, spezifische Informationssysteme für Fahrradfahrer und Fußgänger, Steuerung individueller öffentlicher Verkehrsmittel); (4) Systeme zur Unterstützung der Fahrzeugsicherheit (Kollisionsdetektoren, Sektorisierung von Verkehrswegen).
StVO Die Straßenverkehrsordnung  legt Regeln für sämtliche Straßenverkehrsteilnehmer fest und bildet somit eine Rechtsverordnung der Bundesrepublik Deutschland.
PPP Public Private Partnership beschreibt Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Unternehmen. Normalerweise findet diese über eine Kapitalverflechtung bei den auszuführenden Projekten statt. Eine Gewinnerzielung ist durchaus erwünscht, um Anreize für das private Unternehmen zu schaffen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?101561

Gedruckt am Montag, 10. August 2020 17:36:21