Synthesebericht

Mobilitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen

Erstellt am: 29.05.2006 | Stand des Wissens: 20.02.2014
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Einstellungen, Zukunftsvorstellungen und Wertorientierungen bestimmen neben soziodemographischen Merkmalen und Haushaltsmerkmalen sowie sachsystembezogenen und situativen Einflussgrößen das gegenwärtige und zukünftige Mobilitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen.

Das Mobilitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen unterscheidet sich zum Teil deutlich von dem der erwachsenen Verkehrsteilnehmer, da Heranwachsende in ihrer Verkehrsmittelwahl stärker eingeschränkt sind und den Ge- und Verboten von Eltern und Betreuungseinrichtungen (Schule, Kindergarten usw.) unterliegen. Zudem haben Kinder und Jugendliche abweichende Mobilitätsbedürfnisse. Sie verfügen über ein andersartiges Aktivitätenrepertoire und zumindest in jungen Jahren über kleinere Aktionsräume, in denen sie selbständig unterwegs sein können. Das Unterwegssein im Straßenverkehr ist häufig nicht zielgebunden. Aber auch innerhalb der Altersgruppe der 0- bis 17-Jährigen variieren Art und Umfang der Verkehrsteilnahme erheblich. Häufig liegen alters- und in mancher Hinsicht auch geschlechtsspezifische Differenzen vor [Funk02a, S. 220 f.].

Aufgrund der Tatsache, dass Jugendliche bis zu einem gewissen Alter noch nicht am Berufsleben teilnehmen oder sich noch in der Ausbildung befinden, ist dieser Wegezweck für diese Gruppe von geringerer Bedeutung. Partizipieren Jugendliche bereits am Berufleben, verwenden sie für Arbeitswege allerdings relativ häufig motorisierte Individualverkehrsmittel. Befragungen unter Jugendlichen [Groß98] ergaben, dass der MIV-Anteil auf Berufswegen rund 40 % beträgt, wobei gut 30 % als Selbstfahrer unterwegs sind. Fast die Hälfte der Jugendlichen gelangt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Nichtmotorisierte Verkehrsmittel spielen bei diesem Wegezweck eine eher untergeordnete Rolle.

Dagegen dominieren bei Jugendlichen, die eine Schule, Berufs- oder Hochschule besuchen, auf diesen Wegen eindeutig öffentliche Verkehrsmittel. Der Fußverkehr bildet hier bereits die zweit wichtigste Fortbewegungsart. Der MIV und das Fahrrad werden auf Schulwegen weniger genutzt. Allerdings variiert die Verkehrsmittelwahl erwartungsgemäß mit der Altersstruktur der Jugendlichen. Während in der Altersgruppe der 13- bis 15-Jährigen der MIV-Anteil (Moped) kaum eine Rolle spielt, nimmt er bei den 19- bis 21-Jährigen bereits einen Anteil von 38 % ein [Groß98, DIW11].

Gemäß [infas10] dominieren bei Kindern und Jugendlichen im Wesentlichen zwei Wegezwecke: Ausbildung und Freizeit. Der Ausbildungsanteil erreicht bei den 11- bis 17-Jährigen 33 %, ihre Freizeitwege haben einen Anteil zwischen 43 % und 46 %. Bei Kindern von bis zu zehn Jahren sind darüber hinaus Begleitwege von größerer Bedeutung, indem gut ein Viertel aller Wege dieser Kategorie zuzurechnen ist. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Wege, bei denen Kinder ihre Eltern begleiten, zum Beispiel beim Einkaufen, da die Eltern die Kinder nicht alleine zu Hause lassen (wollen) [infas10, S. 75].

Der Freizeitverkehr ist der häufigste Verkehrszweck. Durch das steigende Freizeitbudget ist die Bedeutung der Beteiligung Jugendlicher am Verkehr zu Freizeitzwecken gewachsen. Infolge des Wandels der Freizeitstruktur sind vielfach neue Freizeitmöglichkeiten entstanden, die aus dem unmittelbaren Wohnumfeld heraus verlagert wurden und von den unterschiedlichen Gruppen junger Leute in unterschiedlichem Maße qualitativ und quantitativ genutzt werden. Für Freizeitzwecke ist fast jeder zweite Jugendliche mit dem Auto unterwegs, sei es als Selbst- oder als Mitfahrer. Viele Freizeitaktivitäten werden offenbar zu Zeiten und in Räumen getätigt, wo der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) traditionell nur schwach vertreten ist. Das ÖPNV-Angebot wird insbesondere an den Wochenenden und in der Woche nach 19:00 Uhr von Jugendlichen als unzureichend beurteilt. Bei Jugendlichen haben nichtmotorisierte Verkehrsmittel am Freizeitverkehrsaufkommen einen geringen Stellenwert, wenn sich die Aktivität in größerer Entfernung zum Wohnort befindet. Anders stellt sich die Situation dar, wenn sich die Aktivitäten im Wohnumfeld der Jugendlichen abspielen.

Kinder und Jugendliche sind keine homogene Personengruppe. Art und Umfang ihrer Verkehrsteilnahme variieren zum Teil deutlich nach Alter und Geschlecht.

Neben den Mobilitätskennziffern als quantitative Merkmale zur Beschreibung der Beteiligung am Straßenverkehr ist eine Betrachtung des aktionsräumlichen Verhaltens und der Raumaneignung von Interesse, um Mobilitätsbedürfnisse und Anforderungen von Heranwachsenden an die Verkehrsumwelt ableiten zu können. Hierbei wird deutlich, dass die selbstständige Verkehrsteilnahme und der selbstständige Aufenthalt für die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wesentlich sind [HüDe95, S. 28]. Die eigenständige Mobilität ist insbesondere von der Gestaltung des öffentlichen Raums bzw. des Straßenraums und von den Einstellungen der Eltern/Erwachsenen abhängig [KrSc99, S. 23, Blin96, S. 53 ff.]. Der öffentliche Raum und die in ihm erlebten Erfahrungen wirken sich weiterhin auf die Einstellungen, Zukunftsvorstellungen und Wertorientierungen von Kindern und Jugendlichen aus, wodurch ihr zukünftiges Mobilitätsverhalten wesentlich bestimmt wird.